13.12.2020 05:00 |

Feuchte AMD

„Ich hatte Angst, nicht mehr lesen zu können“

Makuladegeneration macht den Betroffenen das Leben schwer. Doch es gibt eine Therapie, um die Sehfähigkeit zu erhalten. Eine Patientin erzählt, dass man sich vor den Spritzen ins Auge nicht fürchten muss.

„Plötzlich, an einem Tag im August 2019, war da so ein komisches Fremdkörpergefühl im Auge. Ich habe gedacht, etwas ist mir hinein geflogen, habe ausgespült und gesucht, aber es war nichts zu entdecken“, erinnert sich Lucia Riedl an die ersten Momente ihres Augenleidens. „Ich ging am nächsten Tag gleich zum Augenarzt, der zufälligerweise ein AMD-Spezialist war.“ Schnell wurde die Diagnose gestellt: Feuchte Makuladegeneration. Da bei dieser Erkrankung jeder Tag für das Sehvermögen wertvoll ist, startete man im Wiener AKH (nach sorgfältigster Untersuchung) sofort mit der Behandlung. „Einmal im Monat bekomme ich eine Injektion ins Auge verabreicht. Das hört sich allerdings viel schlimmer an, als es ist“, lacht die 76-Jährige. „Es geht alles ganz schnell: Das Auge wird mit Tropfen betäubt. Die Spritze sehe ich gar nicht kommen, weil ich in eine bestimmte Richtung schauen muss, und dann ist alles auch schon vorbei. Anfangs hatte ich richtig Angst, jetzt schlägt mein Herz nicht einmal mehr schneller.“ Größere Furcht hatte die aktive Pensionistin davor, ihrem liebsten Hobby, dem Lesen, nicht mehr nachgehen zu können. „Eine Bekannte mit AMD wurde fast blind, diese schreckliche Vorstellung beschäftigte mich schon sehr lange“, gibt die Niederösterreicherin zu. „Durch die Therapie kann ich jedoch mein gewohntes Leben weiterführen. Wenn sich mein Sehvermögen künftig nicht verschlechtert, wäre ich zufrieden.“

Nähen fällt der aktiven Frau mittlerweile zu schwer, auch sich zu schminken kommt für die ehemalige Mitarbeiterin einer Kosmetikfirma kaum noch in Frage. „Dafür lerne ich mit einem Mädchen an der Volksschule Deutsch und gebe ihr meine Begeisterung für Bücher weiter, das ist eine sehr schöne ehrenamtliche Arbeit“, kann sich Lucia Riedl begeistern. Außerdem hat die rüstige Seniorin mit einer Augenärztin die Patientenplattform „makula-info.at“ gegründet. Sie wollen damit über die Krankheit informieren und Austausch anregen. Vorerst nur digital, nach Corona dann auch mit persönlichen Treffen. Es sollen weiters künftig Info-Blätter beim Arzt aufliegen.

Zahl der Betroffenensteigt stetig
Dr. Wolfram Geyer, Augenfacharzt aus Herzogenburg (NÖ) dazu: „Die Altersbedingte Makuladegeneration (AMD) ist weit verbreitet, etwa 300.000 Österreicher sind derzeit betroffen, jeder fünfte über 75, jeder dritte über 85 Jahren kämpft damit. Bei dieser Erkrankung wird das Zentrum der Netzhaut, der Punkt des schärfsten Sehens im Auge, eben die Makula, stark geschädigt. 20% der Patienten leiden an der innerhalb von wenigen Monaten zu einer massiven Sehbeeinträchtigung führenden feuchten (neovaskulären = mit einer zentralen Gefäßneubildung einhergehenden) Form der AMD - im Volksmund “feuchte Verkalkung„ genannt. Wir sprechen hier wirklich von einem ganz plötzlichen - innerhalb eines halben (!) Tages - Auftreten eines zentralen schwarzen oder gräulichen Flecks im Gesichtsfeld, der sich nicht wegzwinkern lässt. Betroffene bemerken auf einmal Verzerrungen, Wellenlinien im Bereich des zentralen Gesichtsfeldes, erkennen Buchstaben oder Wortteile nicht mehr. Oft zeigen sich die Symptome nur einseitig, weshalb eine Untersuchung oft „verschleppt“ wird. (80% der Patienten leiden an “trockener AMD", der langsam fortschreitenden Form. Hier gibt es keine Behandlung, wobei einige Therapieansätze.)

Ohne Spritzentherapie sieht es düster aus
Erhält der Betroffene keine Behandlung, erblindet er zwar nicht, aber er verliert sein Lesevermögen. In einem fortgeschrittenen Stadium kann er nicht einmal mehr die Schlagzeile der Zeitung entziffern. Er verliert das Vermögen, Gesichter zu erkennen. Eine Katastrophe für betagte Menschen! Es gibt aber Hoffnung - bei rechtzeitiger Diagnose und Therapie! Mit geeigneten Medikamenten gelingt es in den meisten Fällen, eine Verbesserung oder zumindest Stabilisation zu erzielen. Die Arzneien müssen in Behandlungsintervallen von 4 bis maximal 12 Wochen (begleitet von regelmäßigen OCT-Netzhautscans und biomikroskopischen Kontrollen) ins Auge verabreicht werden. Davor brauchen Sie aber keine Angst haben, die Therapie verläuft im Regelfall nahezu schmerzlos!

Die Spitäler geraten schon jetzt an ihre Kapazitätsgrenze, was die Applikation dieser Injektionen betrifft. Hier wäre eine Behandlungsoption durch den niedergelassenen Augenarzt anzudenken. Zumal in Zukunft immer mehr Menschen an AMD erkranken, allein aufgrund der immer älter werdenden Bevölkerung. Derzeit gibt es 8000 neue Patienten pro Jahr - Tendenz stark steigend. Das Um und Auf für eine rechtzeitige Therapie sind deshalb regelmäßige Vorsorgekontrollen beim niedergelassenem Augenarzt!“

Eva Greil-Schähs, Kronen Zeitung

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