08.12.2020 06:30 |

Schlechtere Chancen

Der weite Weg zur Inklusion

Menschen mit Beeinträchtigung haben genauso ein Recht auf Arbeit, wie alle anderen. Nur leider wird ihnen dieses Recht oftmals verwehrt. Auch in Vorarlberg zahlen Betriebe lieber eine Ausgleichstaxe, anstatt jemanden mit Beeinträchtigung anzustellen. Die Corona-Krise hat die Lage noch schwieriger gemacht.

Menschen mit Beeinträchtigung sollen in allen Facetten am gesellschaftlichen Leben teilhaben können - so sieht es die UN-Behindertenkonvention vor, die 2008 in Kraft getreten ist und auch von Österreich ratifiziert wurde. Das bedeutet, dass Menschen mit Beeinträchtigung auch ganz normal arbeiten sollen dürfen. Die Realität sieht aber immer noch anders aus: Betriebe sind verpflichtet, pro 25 Mitarbeiter einen Arbeitnehmer mit Beeinträchtigung zu beschäftigen. Wer das nicht macht, muss eine "Strafe" zahlen. Diese ist mit 290 bis 400 Euro so niedrig bemessen, dass die meisten Unternehmen lieber die Ausgleichstaxe zahlen, als jemandem mit Beeinträchtigung eine Chance zu geben. Von 1040 Firmen im Ländle haben laut Sozialministerium im vergangenen Jahr nur knapp 300 die geforderte Quote erfüllt.

Die Ausreden sind vielfältig: zu teuer, zu viel Aufwand, zu wenig Zeit. "Es gibt Förderungen vom AMS, vom Sozialministeriumsservice, aber auch vom Land - somit entstehen den Betrieben kaum noch Kosten", hält Elisabeth Kern, Leiterin der ifs-Stelle für Inklusion und Selbstbestimmung entgegen. Außerdem werden die Unternehmen von den ifs-Mitarbeitern bei der Integration unterstützt - "Spagat" nennt sich die dafür zuständige Stelle beim Institut für Sozialdienste.

Seit 20 Jahren werden dort Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf auf dem Weg in ein normales Berufsleben begleitet. Der Vorteil für die Klienten ist, dass sie selbst pensions- und sozialversichert sind und ein ordentliches Gehalt bekommen. "Ein eigenes Einkommen ermöglicht die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Leistung wird nicht nur durch ein Taschengeld honoriert, sondern durch ein kollektivvertraglich festgesetztes Gehalt", betont Kern. Im vergangenen Jahr wurden von "Spagat" 333 Klienten betreut.

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Ein eigenes Einkommen ermöglicht die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.

Elisabeth Kern, Leiterin der ifs-Stelle für Inklusion und Selbstbestimmung

Corona macht alles schlimmer
Die Coronakrise hat die Lage am Arbeitsmarkt generell verschärft, Menschen mit Beeinträchtigung sind aber besonders betroffen. „Sie sind oft die Ersten, die in Kurzarbeit geschickt werden oder ihren Arbeitsplatz verlieren. Das Erhalten von Arbeitsplätzen bedarf oft eines hohen Engagements seitens unserer Mitarbeiter.“ Aktuell sei es zudem sehr schwer, neue Arbeitsplätze zu finden - vor allem in der Gastronomie und im Tourismus. „Sogar Schnuppertage oder das Kennenlernen von potenziellen Dienstgebern sind kaum noch möglich.“ Auch das AMS konnte heuer um rund 30 Prozent weniger Menschen mit Beeinträchtigung vermitteln. Als Vorbild müsste eigentlich das Land Vorarlberg dienen. Doch selbst das Land erfüllt die vorgegebene Quote nicht. Das Minus betrug in den vergangenen Jahren bis zu 40 Prozent.

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Als Vorbild müsste eigentlich das Land Vorarlberg dienen. Doch selbst das Land erfüllt die vorgegebene Quote nicht.

Elisabeth Kern, Leiterin der ifs-Stelle für Inklusion und Selbstbestimmung

Elisabeth Kern hofft auf einen Bewusstseinswandel: "Wir erhalten von den Betrieben überwiegend positive Rückmeldungen, wenn wir Menschen mit Beeinträchtigung erfolgreich integrieren konnten." Oftmals würde sich das interne Klima und der Umgang unter den Mitarbeitern verbessern. "Das Ziel muss sein, den Betroffenen ein selbstbestimmtes und erfülltes Leben in unserer Gesellschaft zu ermöglichen. Das ist doch genau das, was eigentlich jeder von uns letztlich anstrebt."

Philipp Vondrak

 Vorarlberg-Krone
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