29.11.2020 11:33 |

Advent im Krisenjahr

Landau: „Eine Stille für mehr Hellhörigkeit“

Die erste Kerze auf dem Kranz leuchtet. Im Krisenjahr wird auch der Advent ein anderer sein als gewohnt. Caritas-Präsident Michael Landau über die Chancen, die er uns bietet.

„Krone“: Monsignore Landau, wir sitzen uns hier mit Abstand gegenüber. Wir wollen über den Advent sprechen. Dabei bin ich heuer noch gar nicht auf Advent eingestellt. Wie ist das bei Ihnen?
Michael Landau: Auch für mich ist der Advent heuer ein anderer - wie wahrscheinlich für alle. Zugleich ist die Grundmelodie des Advents so wichtig wie schon lange nicht mehr. Advent ist ja die Erwartung der Ankunft des Erlösers. Es ist also eine Grundmelodie der Hoffnung, des Wartens und Erwartens, von Zusammenhalt und Zuversicht, die dieser Tage besonders kostbar ist. Es ist eine Zeit, die uns hellhörig machen soll für das Heute und Hier.

Ich habe ja das Gefühl, wir warten schon das ganze Jahr.
Das Warten ist Thema der Zeit, wir warten auf sinkende Zahlen, auf das Ende des Lockdowns, auf die Impfung - es ist eine große Fastenzeit. Aber einer Fastenzeit folgt auch ein großes Osterfest! Und ich bin überzeugt davon, dass es am Ende gut wird. Wenn wir jetzt die Kerzen anzünden, Woche für Woche, steckt da die Botschaft drinnen, dass das Licht stärker ist als die Dunkelheit. Es wird der Tag kommen, an dem diese Krise hinter uns liegt. Wenn wir dann zurückschauen, sollten wir sagen können, wir haben unser Bestes gegeben. Das gehört auch zum Advent. Das fängt im Kleinen an, in der Aufmerksamkeit für die Menschen um einen herum, in der Gewissheit, dass wir nicht allein sind.

Wie kann man das heuer machen, einander nahe sein?
Für viele war das Jahr enorm fordernd, wir sehen es in unseren Sozialberatungsstellen. Da kommen Menschen, die nie gedacht hätten, dass sie einmal Hilfe brauchen. Wir sehen aber auch eine große Hilfsbereitschaft. Initiativen wie das Plaudernetz gegen Einsamkeit, nachbarschaftliche Dienste, Familien, die Kontakte neu suchen, damit die Oma oder der Opa nicht allein ist. All die Helfer verändern Leben zum Guten. Auch ihr eigenes. Und jeder kann seinen Beitrag leisten, auch im Kleinen. Man muss nur schauen, wo kommt es auf mich an?

Wenn ich an früher denke, da haben wir mit Mutti und Vati gemeinsam Kerzerl angezündet und gesungen. Heuer traut man sich nicht heim aus Angst, man könnte ihnen schaden, kann die Omi im Heim nicht besuchen. Ein bisserl schad ist das schon.
Ja, es ist schade. Corona verändert das Leben von uns allen. Daran sehen wir aber auch, wie wertvoll Dinge sind, die wir sonst vielleicht nicht bemerken, etwa einen anderen Menschen zu umarmen. Im Fehlen dieser Dinge merken wir oft erst, wie kostbar sie sind. Wir werden heuer behutsam sein müssen trotz der Freude dieser Tage, werden aufpassen müssen, im kleinen Kreis feiern, so gern wir es auch im großen tun würden. Die Klugheit, die Nächstenliebe gebieten es hier, achtsam zu sein, einander zu schützen. Es geht mehr um den inneren Aspekt, vielleicht kann uns das deutlicher werden.

Es wird also wohl ein stiller Advent werden.
Es wird ein stillerer Advent sein auf den Straßen und Plätzen. Aber vielleicht werden wir die Haltung des Wartens und die des Hoffens als Grundhaltungen des Advents neu spüren.

Und welche Chancen gibt uns der heurige Advent? Auf einen „Advent wie früher“?
Es wird der heurige Advent anders als die vergangenen, anders als die kommenden. Es liegt an uns, wie wir ihn gestalten. Ob wir die größere Stille auch zur größeren Hellhörigkeit nutzen. Ob wir wahrnehmen, dass das Licht, das wir auf dem Kranz entzünden, auch Einladung ist, es weiterzuschenken. Es ist an uns, das Klopfen zu hören, weil an unsere Türen oft nur leise geklopft wird, wenn andere uns brauchen. Die leisere Grundmelodie des Advents heuer macht uns hellhörig, so die Hoffnung.

Manche haben heuer ihre Lieben durch Corona, durch Terror verloren, viele ohne die Möglichkeit des persönlichen Abschieds. Wie kann man da gut durch den Advent auf Weihnachten zugehen?
Angesichts des Leids verbietet sich hier eine schnelle Antwort. Aber Leid ist auch eine Anfrage an uns, die Leidenden nicht allein zu lassen. Für mich schwingt die Hoffnung mit, diese Gewissheit, dass, ganz gleich, was kommt, wir nicht alleine sind. Das ist eine Überzeugung, die der Advent uns ins Herz legt. Und ja, gerade auch die Corona-Krise zeigt uns: Wir wissen nicht, wie viel Zeit wir miteinander haben. Nutzen wir sie liebevoll.

Und was meinen Sie, steht uns zu Weihnachten bevor?
Auch ich weiß es nicht genau. Wir werden wohl auch Weihnachten weiter gefordert sein. Eine Pandemie besiegt man nur gemeinsam, dazu gehört auch Disziplin. Wichtig wird sein: füreinander da zu sein, aufeinander zu schauen. Und sich die Zuversicht zu bewahren, dass wir gut aus der Krise kommen. Gestärkt, vielleicht neu ausgerichtet in der Unterscheidung dessen, was wichtig ist: Familie, Freundschaft, Nähe, Beziehung. Und dass wir vielleicht ein Stück weit Abstand von dem gewinnen, was sonst im beruflichen Druck, im Drang und in der Dichtheit des Alltags unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt.

Hilfe für Sie:
Initiativen von Caritas und „Krone“ in der Krise: Hilfesuchende und Helfer für einzelne Aktionen finden sich auf füreinand.at. Ein offenes Ohr für Sie gibt es beim Plaudernetz: täglich von 12 bis 20 Uhr unter 05/177 6100. Wer über unsere „Funken Wärme“-Aktion helfen möchte, kann hier spenden.

Silvia Schober, Kronen Zeitung

 krone.at
krone.at
Kommentare

Liebe Leserin, lieber Leser,

die Kommentarfunktion steht Ihnen ab 6 Uhr wieder wie gewohnt zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen
das krone.at-Team

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB).

Freitag, 22. Jänner 2021
Wetter Symbol