15.11.2020 05:00 |

Querschnittslähmung

„Mein Leben ist jetzt noch spannender“

Seit 2009 meistert Daniel Kontsch seinen Alltag mit Bravour im Rollstuhl. Der junge Mann ist sportlich geblieben, er klettert und spielt Basketball. Nun hilft er auch anderen Patienten als Aktivierungstherapeut.

„Ja, mein Leben wurde von einem Tag auf den anderen auf den Kopf gestellt, und es ist jetzt anders als früher, aber keinesfalls schlechter! Ich habe vor dem Unfall schon viel erlebt, aber nun ist alles fast noch spannender“, resümiert Daniel Kontsch. „Der Rollstuhl ist ganz einfach ein Teil von mir geworden.“

Doch wie kam es dazu?
„Ich war auf meinem Motorrad in der Nähe von Graz in die Arbeit unterwegs. Als ich Auto um Auto einer langen Kolonne überholte, passierte es: Ich übersah einen Wagen im Gegenverkehr, wollte zurück in die Kolonne ziehen, doch es gab keinen Platz, mich einzuordnen. Mit einer Vollbremsung landete ich frontal im Gegenverkehr“, erinnert sich der damals 22-Jährige. „Ich weiß nur noch, wie ich durch die Luft flog und später zu den Sanitätern sagte, dass ich meine Beine nicht mehr bewegen kann.“ Der junge Mann wurde mit dem Helikopter ins LKH Graz (Stmk.) gebracht. Es stand ernst um ihn: Alle Rückenwirbel waren gebrochen, dazu noch das Becken, sämtliche Rippen, auch Organe waren verletzt. „Das war ein Totalschaden“, lachte der sympathische Grazer.

Bei Daniel Kontsch stellten die Ärzte eine inkomplette Querschnittlähmung fest. Das bedeutet, dass durch die diversen Brüche (nur) ein Teil der Nerven geschädigt wurde. „Mir ist es daher etwa möglich, die inneren Beinmuskeln anzuspannen oder etwas an einem Fuß zu spüren. Das reicht zwar nicht, um wieder zu gehen, dennoch erleichtert es mir den Alltag. So kann ich im Supermarkt kurz aufstehen und mir etwas aus dem oberen Regal holen.“ Nach zwei Wochen im künstlichen Koma verbrachte der vormals sportliche Mann ein Vierteljahr im Krankenhaus, um dann sieben Monate in der AUVA-Rehabilitationsklinik Tobelbad (Stmk.) zu bleiben. „Dort verbrachte ich eine der schönsten Zeiten in meinem Leben“, schwärmt Daniel Kontsch, der in diesem Zentrum nun ebenfalls als Aktivierungstherapeut tätig ist. „Man wächst nach so langer Zeit fast wie eine Familie zusammen, und ich konnte unglaublich viel für meinen Alltag lernen.“

Für ihn und andere Betroffene gilt das Gebot der kleinen Schritte. „Man fängt natürlich langsam an - zum Beispiel müssen viele erst einmal wieder lernen, ein Glas zu halten. Schnell merken die meisten aber, dass sich Erfolge einstellen. Es geht in der Reha darum, zu üben, wie man trotz Behinderung selbstständig und gut leben kann. Das bringe ich Betroffenen nun selbst bei.“ Außerdem lernte der aktive junge Mann viele für Rollstuhlfahrer geeignete Sportarten kennen. Angetan hatte es Daniel Kontsch schnell Para-Basketball, wo er sogar als Profi im Nationalteam spielte. Da der Techniker vor seinem Unfall im Klettersport unterwegs war, begann er sich ebenfalls für Para-Climbing zu interessieren. Auch hier konnte er schließlich im Nationalteam Fuß fassen: „Bei Events in dieser Disziplin sieht auch uns Para-Climbern eine große Masse an Menschen zu, das ist schon sehr beeindruckend und motivierend.“ Die Athleten klettern vor allem im Überhang, da sie sonst die Füße an der Wand schleifen müssen. Eine Herausforderung für den Oberkörper!

Daniel Kontsch hilft, indem er seine Erkenntnisse der vergangenen Jahre weitergeben kann: „Als Aktivierungstherapeut bringe ich Menschen in einer ähnlichen Situation bei, mit welchen Tricks sie leichter durchs Leben kommen. So kann man mit einem Rollstuhl sogar Stiegen steigen, man muss nur wissen, wie!“ Daniel Kontsch genießt nun sein sportliches, spannendes Leben. „Im Nachhinein muss ich sagen, dass der Unfall mir die Augen geöffnet hat. Davor war ich eigentlich nur noch ein ,Workaholic‘. Erst als ich dazu gezwungen wurde, ein wenig ruhiger zu werden, bemerkte ich die schönen Dinge des Lebens, lernte etwa, die Natur zu schätzen. Mein Fokus liegt heute auf dem Hier und Jetzt.“

Eva Greil-Schähs, Kronen Zeitung

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