01.11.2020 05:00 |

Unverträglichkeit

Gequält von HIT

Was Sie vor allem bei einer Unverträglichkeit über den körpereigenen Stoff Histamin wissen sollten, um nicht lebenslang leiden zu müssen.

HIT (Histamin Intoleranz) wird in 80 Prozent aller Fälle bei weiblichen Patienten im Alter zwischen 40 und 50 Jahren gefunden. Ist die Unverträglichkeit gegen diesen Entzündungsstoff eine typische Frauenkrankheit? Nein, aber die Geschlechterverteilung hat einen klaren Schwerpunkt. Um das Krankheitsbild zu verstehen, muss man ausreichend über das Histamin informiert sein. Der Hautfacharzt und Allergologe Univ.-Prof. Dr. Reinhart Jarisch erklärt: „Im menschlichen, aber auch tierischen Organismus wirkt diese Substanz als Gewebehormon und Botenstoff. Histamin spielt eine zentrale Rolle bei allergischen Reaktionen und ist an der Entstehung von Entzündungen maßgeblich beteiligt. Jeder kennt diesen Stoff, der in der Haut, der Magenschleimhaut und in Nervenzellen gebildet wird. Am Beispiel Brennnesseln: Der Stachel dieser Pflanze sticht in die Haut, und der Giftsack am anderen Ende dieses Stachels wird ausgedrückt. Er enthält Histamin, welches die Folgen wie Schmerz, Rötung und Quaddelbildung auslöst.“

Wenn Histamin nicht rasch genug weg ist
Histamin ist demnach Bestandteil der Immunabwehr. Antwortet diese allerdings zu stark, treten unangenehme Erscheinungen auf. Vor allem dann, wenn Histamin nicht schnell genug wieder verschwindet. Prof. Jarisch: „Das wichtigste Enzym für den Abbau heißt DAO (Diaminoxydase). Erst vor rund 30 Jahren wurde ein Test entwickelt, um den Verdacht auf Histaminintoleranz abklären zu können. Normalerweise sind Histamin und DAO im Gleichgewicht. Bei HIT gibt es drei Möglichkeiten - Histamin normal und DAO erniedrigt, Histamin erhöht und DAO normal oder Histamin erhöht und DAO erniedrigt. Daher muss immer beides bestimmt werden.

Am häufigsten ist DAO erniedrigt. Das bedeutet, dass histaminhaltige Speisen zu langsam abgebaut werden. Konkret: Statt in einer halben Stunde kann es bis zu acht Stunden dauern! In dieser Zeit sind die Betroffenen einer ständigen Histaminbelastung ausgesetzt.“ Entdeckt wurde die HIT Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutschland. Und zwar leider durch einen Tierversuch an je 15 Schweinen. Beide erhielten mittels Magensonde Histamin zugeführt, eine Gruppe vorher jedoch einen Hemmer von DAO, das dadurch nicht wirken konnte. In dieser Gruppe erlitten alle Tiere einen allergischen Schock, drei starben.

Tierversuch hilft nun auch uns Menschen
Der Versuch wurde wiederholt, den Schweinen mit DAO-Blockade gab man allerdings Antihistaminika, die den Botenstoff hemmen. Das Experiment funktionierte, kein Schwein bekam nennenswerte Symptome. Seither werden diese Erkenntnisse auch für Menschen umsetzbar gemacht. Die Vermutung, dass HIT eine Frauenkrankheit sein könnte, die mit dem hormonellen Wechsel in Zusammenhang steht, teilt Experte Jarisch nicht: „Immer, wenn ich Damen unsere Liste mit histaminarmen Nahrungsmitteln gebe, höre ich, dass sie genau das am liebsten essen, was sie nicht sollten. Wer täglich Torte isst, darf sich nicht wundern, wenn er Diabetes bekommt. Wer sich regelmäßig histaminreich ernährt (was sicher gut schmeckt), ist halt ein aussichtsreicher Kandidat für HIT, weil die DAO überfordert ist“. Das Beschwerdebild dieser Krankheit reicht weit über die genannten Symptome auf der Haut hinaus. Kopfweh, Migräne, Rhinitis (tropfende Nase, besonders nach Mahlzeiten), Asthma, Herzrhythmusstörungen, starke Regelschmerzen, Durchfall und im Extremfall der anaphylaktische Schock mit Lebensgefahr gehören ebenfalls dazu.

An der Ernährung führt kein Weg vorbei
Wichtigste Gegenmaßnahme ist histaminarme Ernährung. Daran führt kein Weg vorbei, wie Prof. Jarisch bekräftigt: „Falls die Bestimmung von Histamin und DAO die Diagnose erhärtet, müssen die Patienten zunächst eine histaminfreie Diät für zwei Wochen einhalten. Dann werden wieder die Werte bestimmt. Liegt eine HIT vor, sind nicht nur die Beschwerden radikal besser geworden, auch der Histaminspiegel sollte sich etwa halbiert haben.“ In schweren Fällen rät der Mediziner zu einer Verschärfung der kulinarischen Einschränkungen: „Sehr bewährt hat sich die Erdäpfel-Reis-Diät - eine Woche lang Erdäpfeln, Reis, Zucker, Salz und Wasser zuführen. Das hilft übrigens auch Hautkranken mit Nesselsucht (Urticaria). Zusätzlich kann man Antihistaminika und DAO-haltige Mittel (2 bis 3 Kapseln vor der Mahlzeit) einnehmen.“ Abschließend rät Prof. Reinhart Jarisch, bei Darmstörungen und regelmäßigen Migräneanfällen bzw. Kopfweh auch an HIT zu denken und sich untersuchen zu lassen. Da häufig gleichzeitig mit HIT Fruktose Intoleranz (FIT) auftritt, sollte man auch das untersuchen lassen (Atemtest).

Dr. med. Wolfgang Exel, Kronen Zeitung

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