Gegen Pröll-Idee

Schüler und Eltern fordern: “Alle Lehrer zum Bund!”

Österreich
20.09.2010 13:46
Unabhängig voneinander haben Interessensvertreter von Schülern und Eltern am Montag gegen den Zugriff der Länder auf die Lehrer protestiert. Der am Wochenende neu gewählte Bundesschulsprecher Philipp Pinter (li.o.) forderte im Zuge einer Verwaltungsreform des Schulwesens eine Bundesanstellung für alle Lehrer. Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz sprachen sich die Vertreter der großen Elternverbände ebenfalls für eine einheitliche Bundesverantwortung bei gleichzeitigem Ausbau der Autonomie am Schulstandort aus.

Der Vorstoß, die derzeit zwischen Bund und Ländern aufgeteilten Lehrer-Anstellungen auf Landesebene zu konzentrieren, kam vom niederösterreichischen VP-Landeshauptmann Erwin Pröll und ist seit Wochen Gegenstand von Debatten zwischen Regierung bzw. der Bildungsministerin und einigen der mächtigen Landesfürsten. Nachdem Pröll zuletzt die Landeschefs nicht geschlossen auf seine Seite ziehen konnte, bekam er am Montag nun weiteren Gegenwind, teilweise sogar aus dem eigenen Lager.

Trotz ÖVP-Nähe gegen Pröll-Vorschlag
Phillip Pinter, seit Sonntag neuer Bundesschulsprecher und wie seine Vorgängerin aus der VP-nahen Schülerunion, kann den Vorschlägen des niederösterreichischen Landeshauptmanns "nichts abgewinnen", wie er am Montag bei seiner Vorstellung sagte. Durch die einheitliche Bundeszuständigkeit könnten Millionen Euro eingespart werden.

Er fordert eine umfassende Verwaltungsreform im Schulwesen, die unter anderem eine Abschaffung der parteipolitisch "wichtigen" Landes- und Bezirksschulräte, die Schaffung von Bildungsdirektionen sowie die Einrichtung von Landesschulgemeinschaftsausschüssen umfassen soll.  Die Bildungsdirektionen sollen künftig nur mehr die Schulverwaltung in den einzelnen Ländern übernehmen. Bildungspolitische Entscheidungen sollen dagegen in den neu zu schaffenden Landesschulgemeinschaftsausschüssen fallen, die analog den Schulgemeinschaftsausschüssen an den einzelnen Lehranstalten Schüler-, Lehrer- und Elternvertreter versammeln. Mehr Autonomie sollen die einzelnen Schule erhalten, etwa durch die Möglichkeit autonomer Direktorenbestellungen.

Weiters will Pinter eine Online-Nachhilfeplattform schaffen, um eine Alternative zu kommerziellen - und oft sehr teuren - Anbietern zu etablieren. Auf diese soll jeder Schüler Zugriff haben bzw. soll dadurch jeder Nachhilfe anbieten können. Außerdem verlangt Pinter Sozialarbeiter an jeder Schule. Lehrer seien derzeit "Wissensvermittler, Elternersatz und Therapeut in einem". Bei Verhaltensproblemen wären sie aber oft mit ihrem Latein am Ende.

Eltern: Neun verschiedene Systeme durch "Verländerung" 
Ähnliches forderten am Montag bei einer Pressekonferenz auch  Vertreter dreier großer Elternverbände. Zusammen stellen der Pflichtschulelternverein, der Hauptverband Katholischer Elternvereine und der Bundesverband der Elternvereine an mittleren und höheren Schulen die Interessensvertretungen von drei Millionen Eltern dar. Sie sprechen sich für eine einheitliche Bundesverantwortung bei gleichzeitigem Ausbau der Autonomie am Standort aus. 

Bei einer Überführung der Kompetenzen in Länderhand befürchtet der Präsident des Bundesverbandes der Elternvereine an mittleren und höheren Schulen, Theodor Saverschel (re.u.), die Entstehung von neun verschiedenen Schulsystemen, bei dem es "ein Glücksfall ist, in welches Land man hineingeboren wird": "Wir befürchten, dass die Standards dann in jedem Bundesland anders aussehen." Es stelle sich dann die Frage, ob ein Kind wie bisher einfach die Schule wechseln könne oder "eine Prüfung machen muss, wenn es aus Kärnten nach Oberösterreich geht".

Schulorganisation "wie die Venus von Willendorf"
"Ich möchte auch gleich mit der Befürchtung aufräumen, dass alles zentralisiert würde und der kleine Beamte in seinem Stüberl in Wien entscheidet, ob die Lehrerin X in der kleinen Volksschule in Osttirol weiter beschäftigt wird", meinte Gerald Netzl, Vorsitzender der Pflichtschulelternvereine (li.u.). Natürlich solle es auch künftig eine Verwaltung in den Ländern geben - "die soll aber in Bundeshand sein". Derzeit sehe die Schulorganisation aus wie die Venus von Willendorf, so Netzl: Der Bund stelle den Kopf dar, der dicke Bauch die Länder bzw. Bezirke und die Füße die einzelnen Schulen. Stattdessen solle es künftig in Richtung einer schlankeren Sanduhr gehen, die ohne große Leibesfülle auskommt.

Stefan Mandahus, Präsident des Hauptverbandes Katholischer Elternvereine (re.o.), verlangte eine einheitliche Bundeskompetenz bei gleichzeitigem Ausbau der Schulautonomie, verbunden mit der Garantie, dass sämtliche Werteinheiten (Stundenkontingente, Anm.) plus Sachaufwand an den Schulen ankommen. Bei einer "Verländerung" wäre eine solche Garantie nicht möglich, ein einheitliches differenziertes Schulwesen könne nicht gewährleistet werden. Ins gleiche Horn stieß Saverschel: Es könne nur funktionieren, indem der Bund "vorgibt, wie es zu laufen hat". Es könne nicht sein, dass die Länder selbst kontrollierten, ob sie ihre Ziele erreichten. Die Schulleiter wiederum brauchten Personalhoheit.

Einig sind sich die Elternvertreter auch, dass die in die gleiche Richtung gehenden Rechnungshof-Empfehlungen zum Schulwesen umgesetzt gehören. Die Schulaufsicht müsse außerdem in ein Qualitätsmanagement mit externer Kontrolle umgewandelt werden. Und schließlich rief Mandahus zur Umsetzung des Regierungsprogramms auf, das unter anderem eine Stärkung der Schulpartnerschaft, also auch der Elternmitsprache, beinhalte: "Die fordern wir jetzt ein."

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