10.07.2020 06:00 |

Neues Mixtape

The Streets: Große Rückkehr eines Unangepassten

Mit seinem Projekt The Streets veränderte Mike Skinner die britische Musikszene kurz nach dem Millennium nachhaltig. Nach einer knappen Dekade Schaffenspause hat der rappende Gesellschaftskritiker wieder was zu sagen und das Projekt aus dem Tiefschlaf geholt. Wir haben beim 41-Jährigen genauer nachgefragt.

Die britische Jugend von heute kann sich gar nicht mehr vorstellen, welche Zäsur das Aufkommen von The Streets kurz nach dem Millennium für die dortige Musikszene bedeutete. Hinter dem Projektnamen steckte ein schlaksiger Birmingham-Vorstadtjunge namens Mike Skinner. Er bekam bereits als Fünfjähriger ein Keyboard, bastelte sich schon Äonen vor Billie Eilish ein Ministudio in seinem Schlafzimmer zusammen und begann mit befreundeten Rappern im Birminghamer West Heath Hip-Hop- und Garage-Stücke zu komponieren, die er mit seinem Cockney-Dialekt und ehrlichen Texten über das reale Leben würzte. The Streets als Projektname sollte die besondere Authentizität des Dargebotenen widerspiegeln. Das Debüt erschien 2002 unter dem Namen „Original Pirate Material“ und nahm gut 15 Jahre vor inhaltlichen Epigonen wie Shame, den Sleaford Mods oder den Idles Vorweg, was die britische Jugend wirklich beschäftigte: Beziehungsprobleme, Jobängste, ausgedehnte Abende in Underground-Clubs, Wut auf das Establishment.

Kursänderung
Vier weitere, mehr oder weniger großartige und erfolgreiche Alben folgten. Skinner hat sich in dieser Zeit aber nie ausverkauft, sondern verfolgte seinen Weg stringent. Völlig unbeeindruckt von guten Chartplatzierungen, Medienlob und Awards. 2011, knapp zehn Jahre nach dem Debüt, sah Skinner alle Geschichten erzählt. Relativ emotionslos kündigte er nach Release des Albums „Computers And Blues“ an, nichts mehr unter dem Banner The Streets zu veröffentlichen und sich fortan neuen Projekten zu widmen. Ein Jahr später folgte eine ehrliche und hervorragende Biografie, Skinner selbst versuchte zunehmend in der Filmwelt anzudocken, kämpfte lange und erfolgreich gegen ein chronisches Ermüdungssyndrom, tauchte tief in die Welt des DJings ein und wurde schlussendlich zweifacher Vater, was ihn schlagartig aus der zuvor sehr präsenten Welt der Drogen riss.

Das Comeback nach fast einer Dekade kommt überraschend. Um sich selbst vor allzu großem Druck seitens der Öffentlichkeit zu schützen, bezeichnet Skinner „None Of Us Are Getting Out Of This Life Alive“ als Mixtape und nicht als Album. Dass das nun erscheinende Werk derart erfolgreich einschlägt, hat er einer geschickten Kooperation zu verdanken. Die vorab ausgekoppelte Single „Call My Phone Thinking I’m Doing Better“ hat er mit Indie-Liebling Tame Impala aka Kevin Parker aufgenommen - und schoss damit durch die Decke unterschiedlichster Charts. Das Comeback an sich sieht Skinner unspektakulär, wie er der „Krone“ erzählt. „Ich habe viele Jahre als DJ gearbeitet und das hört man dem Mixtape an. In meinem Leben sind zudem einige Dinge passiert, sodass ich wieder das Gefühl hatte, etwas Interessantes sagen zu können. Aber mir ist bewusst, dass sich die Welt in den letzten neun Jahren gewaltig verändert hat und es noch nicht einmal mehr zeitgemäß ist, ein Album zu veröffentlichen.“

Roter Faden: Smartphone
Skinner hat freilich schon immer nach seinen eigenen Regeln gespielt. Das offensichtlichste Statement zur Corona-Pandemie, der Song „Where The Fuck Did April Go“, landete erst gar nicht auf dem Mixtape. Dieses will er nicht allzu zeitgemäß verstanden wissen. „Das Kuriose ist ja, dass dieses Mixtape so wenig soziale Distanz wie nichts zuvor in meinem Leben hat - und das inmitten des Corona-Irrsinns“, muss der 41-Jährige kurz lachen, „ich habe erstmals in meinem Leben mit echten Menschen im Studio zusammengearbeitet. Seit 2001 saß ich sonst nur alleine am Computer. Auf dem Mixtape gibt es viele Nightclub-Songs. Die sind jetzt noch wichtiger, nachdem die Clubs alle geschlossen bleiben müssen. Der rote Faden auf dem Album ist aber das Smartphone.“ Tatsächlich zieht sich das digitale Gesellschaftsüberlebensgerät querbeet durch die Tracks, ohne Smartphone ist schließlich auch ein bodenständiger Cockney wie Mike Skinner anno 2020 nur mehr ein halber Mensch.

„Es ist sehr wichtig, sich immer wieder in Erinnerung zu rufen, dass Technologie nicht zufällig aus dem Nichts gekommen, sondern die Gedankengeburt von arbeitenden Menschen ist. Die Technologie ist eine Erweiterung von uns selbst und für mich sind viele Menschen ohnehin schon Teil-Cyborgs. Selbst wenn du mit deinem Smartphone in Ruhe Wikipedia durchblätterst, bist du ein kybernetischer Organismus. Mich interessiert schon länger brennend die Frage, ab wann passiert, dass wir aufhören Mensch zu sein.“ Man kann Skinner wahrlich nicht vorwerfen, mit den Streets nur die schönen Seiten des Lebens beleuchtet zu haben. Auf dem neuen Mixtape kann er aber auch auf die Unterstützung unterschiedlicher Musiker bauen. Dazu zählen etwa die Soulstimme Greentea Peng, der bunte Londoner Jimothy Lacoste, der dunkle Folk-Barde Hak Baker oder eben Parker. Genau diese personelle Vielseitigkeit gibt auch dem Sound breite Nuancen. Aus dem Electro-Rapper ist nun eben ein Nightclub-Rapper geworden.

Spezifisch und universell
Die kommerzielle Hitlastigkeit des Albums ist überschaubar, aber Skinner ging es nie um die große Aufmerksamkeit ohne Tiefgang. Das Zwischenspiel Mensch/Maschine hat er direkt auf das Mixtape übertragen. „Egal welche Technologie du beim Aufnehmen und Songschreiben benutzt, als Mensch entscheidest du immer noch selbst, was du verwendest. Ich habe hier viel stärker meinen Instinkten und meiner Sensitivität vertraut, deshalb klingen die Songs auch so unmittelbar. Es sollte nichts zu hören sein, das auch nur ansatzweise repariert wirkt.“ Persönlich und ehrlich ist Skinner auch in der Kollaboration. „Das Mixtape ist einerseits spezifisch, andererseits universell. Wichtig ist nur, dass die Songs fluide sind und sich nirgends verhaken. Von außen glaubt man immer, so ein kongruentes Produkt ist schnell gemacht, aber es ist jedes Mal ein unheimlicher Höllenritt, bis etwas fertiggestellt ist.“

Wie hat sich Mike Skinner eigentlich in den letzten neun Jahren selbst verändert? „Ich bin wohl erwachsener geworden, was so viel heißt, als dass sich die Welt nicht mehr nur um mich selbst dreht. Ich bin entspannter und habe in allen Lebensbereichen an Erfahrung gewonnen. Jetzt geht es darum, diese Art von Erfahrung kreativ umzusetzen, denn das große Feuer der Jugend erlischt leider unaufhaltsam und ist auch nicht eins zu eins zu ersetzen. Ob mir das gelingt, weiß ich selbst noch nicht, aber ich bin auf einem guten Weg.“ Das Mixtape ist zudem nur das erste Drittel des großen Skinner-/The Streets-Comebacks. Möglichst bald soll auch ein Film von Skinner über seine Erfahrungen und Erlebnisse als DJ folgen, der Soundtrack - sprich: das Album - dazu, sei angeblich bereits fertig. Skinner erfüllt sich auch nach der Auszeit immer noch all seine Wünsche. Nur dieses Mal muss er The Streets dafür nicht mehr zu Grabe tragen.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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