26.06.2020 06:00 |

Drittes Album ist da

Haim: Ein Schritt zurück, drei Schritte nach vorn

Auf dem wegweisenden dritten Album „Women In Music, Pt. III“ besteht das amerikanische Schwesterntrio Haim den Business-Elchtest und geht in die Offensive: ehrliche Texte, schmerzhafte Erinnerungen, vielseitige Instrumentierung, eingängige Songs. Hier ist kein Platz für Widersprüche.

Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu sein, dass Bands mit Geschwistern unweigerlich rasant an Qualität verlieren oder erhebliche Probleme kriegen. Tegan And Sara? Stark begonnen, aber sukzessive aus dem Rampenlicht gerückt. Oasis? Dort scheinen innerfamiliäre Prügel wahrscheinlicher als eine musikalische Reunion. Kings Of Leon? Anfangs recht spannend, irgendwann aber nur mehr vorhersehbar. Biffy Clyro? Galten jahrelang als die Retter des Rock, die neuesten Singles lassen für das kommende Studioalbum aber Schlimmes vermuten. Und dann gibt es da noch Haim. Das Schwestern-Trio aus Los Angeles, das 2013 im renommierten BBC-Soundpoll auf Platz eins gewählt wurde und mit dem Debüt „Days Are Gone“ im gleichen Jahr die Herzen der Fans und die Aufmerksamkeit der Branchenkollegen im Sturm eroberten. Die Mischung aus Pop, Rock, Folk, R&B und viel Nostalgie, ohne dabei auf den gegenwärtigen Zeitgeist zu verzichten, sorgten für einen beeindruckenden Raketenstart.

Zu sehr auf Trends bedacht
Wie ein Flächenbrand zogen sie über das Pop-Firmament. Grammy- und BRIT-Award-Nominierungen, für ein paar NME-Awards hat es dann sogar gereicht. Das Trio betourte die Staaten und die Welt im Vorprogramm von u.a. The xx, Mumford And Sons, Vampire Weekend, Rihanna, Kings Of Leon oder Taylor Swift. Auf den eigenen Headliner-Touren spielten Maggie Rogers oder Lizzo im Vorprogramm. Letztere war die Durchstarterin 2019 und hat die drei Haims mittlerweile überholt. Dass man die Welteroberung nicht ganz geschafft hat, lang mitunter auch am 2017er Nachfolger „Something To Tell You“. Die ganz großen Vorschusslorbeeren konnten Haim damit nicht erfüllen. Zu elektronisch und marktanbiedernd war das Album geraten und auch wenn die oben angeführte Künstlerauflistung ganz gut zeigt, wie bunt man die drei Kalifornierinnen einsetzen kann, auf Langspielplatte war das versuchte Trendsetten dann doch etwas zu viel.

Die Voraussetzungen für das dritte Album, das man nicht umsonst als „Make it or break it“-Werk für eine Band betitelt, war prekär. Einerseits die große Erwartungshaltung der Öffentlichkeit und Fachmedien, die Haim in trauter Einigkeit in die „Most Wanted“-Listen der Alben 2020 einordneten, andererseits private Krisen und Probleme, die bleischwer auf allen drei Schwestern lasteten. Die Familienälteste Este leidet seit längerer Zeit an Diabetes, Frontfrau Danielle kämpft seit geraumer Zeit gegen schwere Depressionen an und musste Lebenspartner Ariel Rechtshaids Hodenkrebs-Diagnose überstehen, Bandküken Alana verlor einen der wichtigsten Menschen in ihrem Leben im Alter von nur 20 und kam eine Zeit lang gar nicht aus dem Tal der Trauer. Aus dem unbeschwerten Trio, das mit wallender Mähne, Hotpants und der Sonne im Rücken in den YouTube-Videos gerne durch das pittoreske Los Angeles stolzierte, wurden Erwachsene mit Sorgen, Nöten, Ängsten und tragischen Erlebnissen.

Feminismus ohne Zufall
Es ist daher nur allzu verständlich, dass die fast schon überkandidelte Leichtigkeit der beiden Vorgängeralben dieses Mal einer gewissen Schwermut weichen musste. Der Kampf aus dem persönlichen Nebel, die Unsicherheiten ob der getroffenen Entscheidungen und die Grabenkämpfe mit den eigenen Schicksalen ziehen sich wie ein roter Faden durch die Songs, auch wenn die Instrumentierung meist Unbeschwertheit und ein sonniges Gefühl vermittelt. Doch wie besagt schon die eiserne Songwriting-Regel: wenn schon die Texte schmerzen, dann vermittle mit dem Sound Hoffnung und Optimismus. Und natürlich: „Women In Music, Pt. III“ vermittelt schon im Titel, dass es ein feministisches Statement ist. Eines, dass die privat recht introspektiven Schwestern in dieser Deutlichkeit gar nicht vermitteln wollten, aber angesichts der aktuellen Lage wohl mussten. Dass man am Cover-Foto mit Würsten posiert, könnte durchaus eine Botschaft an die herrschende „Salami-Party“ in der Musikindustrie sein. Dem Zufall überlassen Haim für gewöhnlich nichts.

2018 veröffentlichten sie die traurige Tatsache, dass sie für einen Festivalauftritt nur etwa ein Zehntel der Gage männlicher Kollegen bezahlt bekommen sollten, der Song „Man From The Magazine“ ist in seiner gesamten Direktheit an einen Journalisten gerichtet, der Este bei einem Interview fragte, ob sie diesen überzeichneten Blick von Livekonzerten denn auch im Bett machen würde. Doch nur selten verstricken sich Haim in derartig allumfassenden Botschaften, gerade Danielles Depressionen und die daraus resultierenden Umbrüche in ihrem Umfeld ziehen sich wie ein roter Faden durch die Songs. Songs wie „I Know Alone“ oder „Don’t Wanna“ sind dabei Brücken zum absoluten Zusammenbruch auf „I’ve Been Down“, wo sich Danielle schon einmal die Daseinsfrage stellt, nur um draufzukommen, dass das Leben viel zu wertvoll sei. Ein seltener Moment auf dem Album, bei dem Instrumentierung und textliche Schwere Hand in Hand gehen.

Gesetztheit statt Unschuld
Die Pop-Hooklines kommen dabei mit wesentlich weniger zeitgeistiger Elektronik aus als auf dem letzten Album, wiewohl man natürlich nicht auf die Beat-lastige Hit-Garantie verzichtet. Wie etwa ein an Dua Lipa angelehnter Electro-Pop-Song wie „Now I’m It‘“ im Schlussdrittel zu einem vom Piano getragenen Dixieland-Kracher mutiert, ist kompositorische Extraklasse. Direkt nach dem freudigen Ausbruch verarbeitet Alana den Tod ihres Freundes im Country-Song „Hallelujah“, während das Album die Heimat Los Angeles mit den Songs „Los Angeles“ und „Summer Girl“ als narrative Klammer hat. Die Ohrwurmtauglichkeit und klangliche Vielfalt haben sich Haim mit beeindruckender Leichtigkeit erhalten, doch die Unschuld der frühen Jahre ist einer sympathischen Gesetztheit gewichen. Doch gerade deshalb ist „Women In Music, Pt. III“ tatsächlich der große Wurf, der so sehr herbeigesehnt wurde. Populärmusik als solche war heuer noch nie spannender und vielseitiger - und im Geschwister-Battle eilen sie der Konkurrenz mühelos davon.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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