10.05.2020 05:59 |

Vergessene Perlen

Abandonware und die Spionin, die ich liebte

Vor 20 Jahren habe ich mich in einen unkonventionell humorigen Agenten-Shooter und seine coole Protagonistin Kate Archer verliebt. „No One Lives Forever“ aus dem Hause Monolith heimste Top-Wertungen ein, wurde für seine emanzipierte Heldin und die tolle Siebzigerjahre-Spielwelt gefeiert. Wer heute in die Welt von „No One Lives Forever“ abtauchen will, hat allerdings ein Problem: Das Spiel ist nirgends mehr offiziell zu bekommen. Es wurde zu sogenannter Abandonware.

So nennt man herrenlose Software, deren einstiger Besitzer nicht mehr existiert oder kein Interesse mehr daran hat, sie zu vermarkten. „No One Lives Forever“ ist nur ein Beispiel für solche Titel. Tatsächlich werden Spieler beim Besuch von Abandonware-Archiven wie “MyAbandonware“ schnell wehmütig angesichts all der Perlen der Vergangenheit, die dort schlummern.

Da finden sich etwa beide Teile des Anfang des Jahrtausends veröffentlichten Göttersimulators „Black & White“ von Entwicklerlegende Peter Molyneux. Da ruht in Vergessenheit das großartige Weltraum-Epos „Freelancer“ von Chris Roberts, gleich neben dem “Star Trek“-Simulator „Star Trek: Bridge Commander“, dem Kampfroboter-Hit „Mechwarrior 3“ aus dem Jahr 1999 und dem 2001 erschienenen Tierparksimulator „Zoo Tycoon“. Dazu gibt es massenhaft Oldies bis zurück ins Jahr 1978 und sogar eine Handvoll neuere Werke, die jüngsten gerade erst drei Jahre alt.

Abandonware kann man nirgends kaufen
Allen Spielen, die in Abandonware-Archiven landen, ist gemeinsam, dass man sie auf legalem Weg nirgends mehr kaufen kann - weder in Elektromärkten noch auf digitalen Plattformen wie Steam oder GoG, am ehesten noch als Second-Hand-Ware auf eBay oder anderen Plattformen. Die Gründe sind vielfältig: Bei besonders alten Titeln können die Rechte schlicht verjährt sein, bei neueren Werken spielt oft die Insolvenz eines Entwicklers oder Spieleverlegers mit. Bisweilen kommt es auch zu wirren Konstellationen, die beim Aufkauf oder der Fusion von Spielestudios entstehen.

Am Fall von „No One Lives Forever“ zeigt sich das. Vor 20 Jahren von Monolith und Fox herausgegeben, kommt es hier laut einem Bericht des Spielemagazins „Rock, Paper, Shotgun“ zur verfahrenen Situation, dass gleich drei Spieleverleger involviert sind: 20th Century Fox, Activision und Warner Bros. Mit allen dreien versuchte das auf die Neuauflage alter Klassiker spezialisierte Unternehmen Night Dive, eine Neuveröffentlichung auszuhandeln. Doch keiner der drei Publisher hatte die kompletten Rechte an dem Spiel - und keiner ein Interesse, die Rechte für eine Neuveröffentlichung zu klären. Jahrelang wurde verhandelt, letztlich ohne Ergebnis.

Juristisch heikel, kulturell interessant
Landen Spiele wie „No One Lives Forever“, weil sie niemand mehr verkaufen will, schließlich in Abandonware-Archiven, ist das eine kulturell interessante, rechtlich aber heikle Sache. Oft gäbe es ja noch - bisweilen auf mehrere Firmen aufgeteilte - Urheberrechte, die durch kostenlose Download-Angebote verletzt werden. Andererseits funktionieren Abandonware-Archive nach dem Motto „Wo kein Kläger, da kein Richter“ und vertrauen darauf, dass, wenn niemand ein Interesse daran hat, ein Computerspiel zu verkaufen, auch niemand ein Problem damit hat, wenn es gratis angeboten wird.

Nebenbei nehmen Abandonware-Archive eine kulturell durchaus wertvolle Funktion ein. Sie archivieren die Geschichte des Mediums Computerspiel für die Nachwelt - und zwar nicht nur die kommerziellen Erfolge, die man oft auch nach Jahrzehnten noch in Spiele-Shops wie Steam findet. Sondern eben auch die weniger erfolgreichen oder äußeren Umständen zum Opfer gefallenen Titel, die sonst in Vergessenheit geraten.

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Ist das Piraterie? Ja, sicher. Aber was soll’s? Die meisten Macher dieser Spiele leben nicht mehr von den Erlösen dieser alten Spiele.

"Monkey Island"-Schöpfer Tim Schafer

Da verwundert es kaum, dass selbst hochkarätige Entwickler Abandonware befürworten. „Monkey Island“-Schöpfer Tim Schafer zum Spielemagazin „Gamespot“: „Ist das Piraterie? Ja, sicher. Aber was soll’s! Die meisten Macher dieser Spiele leben nicht mehr von den Erlösen dieser alten Spiele. Die kreativen Teams hinter den Spielen haben die Firmen längst verlassen, die sie veröffentlicht haben. Es gibt also keine Möglichkeit mehr für Menschen, die es verdient hätten, Geld damit zu machen. Also nur zu, stehlt diese Spiele und verbreitet die Liebe!“

Dominik Erlinger
Dominik Erlinger
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