Neue Werte

Sinkt Lebensmittelverschwendung in Corona-Krise?

Alleine in Österreich landen jährlich 760.000 Tonnen an noch genießbaren Lebensmitteln im Müll. Das entspricht einem Wert von über einer Milliarde Euro. City4U hat bei der Wiener Tafel, die unter erschwerten Bedingungen seit Beginn der Krise doppelt so viele Lebensmittel wie im Vergleichszeitraum des Vorjahres gerettet hat, sowie beim Klimaschutzministerium und der Universität für Bodenkultur nachgefragt, ob sich der verschwenderische Umgang mit Essen in Zeiten des Coronavirus geändert hat.

Entsprechen Obst und Gemüse in Form und Farbe nicht den Ansprüchen des heimischen Marktes, landen Tomaten und Co. direkt von der frischen Ernte im Müll. Privatpersonen kaufen gerne zu viel ein, um auf nichts verzichten zu müssen. Oft entscheiden sie sich aber dann doch dafür, auswärts zu essen oder sich eine Lieferung kommen zu lassen. Die eingekauften Waren landen dann ohne schlechtem Gewissen im Hausmüll. Trotz zahlreicher Kampagnen und zu erwartenden Hausverstand vertrauen zu viele Konsumenten auf das Mindesthaltbarkeitsdatum und werfen Lebensmittel weg, die noch mehrere Tage oder Wochen genießbar gewesen wären, ohne daran zu riechen oder sie zu kosten. Für mehrere Tonnen Essen im Müll zeichnen sich Restaurants, Imbisse, Cateringfirmen, Supermärkte und Bäcker verantwortlich.

Die europäische Kommission schätzt, dass in der EU pro Person und Jahr 173 Kilogramm Lebensmittel weggeworfen werden. Das macht insgesamt 88 Millionen Tonnen Abfall pro Jahr aus. Erschreckenderweise entfallen 53 Prozent davon auf Privathaushalte. 30 Prozent gehen auf das Konto der Landwirtschaft, 12 Prozent auf das der Gastronomie und fünf Prozent auf das des Handels.

Die Krise ändert die Gewohnheiten

Nun hat jedoch die Corona-Krise unser gewohntes Leben gewaltig verändert. Die Natur erholt sich durch den geringeren CO2-Anteil in der Luft. Der Konsumwahn ist teilweise zurückgegangen. Das Leben wurde entschleunigt und viele besinnen sich in der großen Krise auf das wirklich wichtige, wie Familie, Zusammenhalt und schonender Umgang mit Ressourcen aller Art.

Es wäre also anzunehmen, dass auch die Lebensmittelverschwendung abnimmt. Die Wiener Tafel hat jedoch eine andere Erfahrung seit Beginn der Corona-Krise gemacht, wie Geschäftsführerin Alexandra Gruber gegenüber City4U beschreibt: „Als Wiener Tafel haben wir mit einem Bruchteil an Personen, weil viele unserer ehrenamtlichen Mitarbeiter zur Risikogruppe das Alter entsprechend gehören, doppelt so viele Lebensmittel gerettet wie bisher. Insgesamt gibt es Verschiebungen zum Bereich Großhandel, Produktion und Gastronomie, wo zum Teil sehr große Mengen übrig bleiben. Dafür fällt generell weniger im Handel an.“ Die von der Wiener Tafel geretteten Lebensmittel - 676.206 Kilogramm waren es alleine im Jahr 2019 - werden an 100 verschiedene soziale Organisationen in Wien, wie Frauenhäuser, Mutter-Kind-Heime, Tagesstätten oder Flüchtlings- und Obdachlosenheime verteilt.

Zitat Icon

„Derzeit kommen etwa 50 soziale Einrichtungen und andere Tafelorganisationen zu uns ins Tafelhaus Lebensmittel abholen. Insgesamt ist unser Gefühl, dass der Bedarf in den rund 100 Einrichtungen großteils gestiegen ist.“

Alexandra Gruber, Geschäftsführerin der Wiener Tafel

Vermehrtes Hausmüllaufkommen

Die privaten Einkäufe im Handel sind ebenfalls gestiegen. Auswärts essen ist im Moment nicht möglich, viele Lieferdienste haben bereits dicht gemacht, da es sich nicht lohnt. Also wird in immer mehr Haushalten regelmäßig gekocht. Auch, weil man jetzt viel mehr Zeit mangels Ausgehmöglichkeiten dafür hat. Aus dem Klimaschutzministerium heißt es auf City4U-Anfrage zum Thema Lebensmittelverschwendung in der derzeitigen Lage: „Seit Beginn der Krise ist ein vermehrtes Hausmüllaufkommen zu registrieren, welches natürlich in erster Linie darauf zurückzuführen ist, dass sehr viele Menschen von zu Hause arbeiten. Es ist anzunehmen, dass damit auch eine aliquote Steigerung der Lebensmittelabfälle einhergeht. Daten liegen dazu aber in Folge des sehr kurzen Zeitraums der aktuellen Krise noch nicht vor.“

Anders sieht das Gudrun Obersteiner von der Universität für Bodenkultur: „Es gibt zwar noch keine validen Daten dazu, weil wir ja derzeit nicht rausgehen dürfen um zu messen. Ich denke aber, dass durch das vermehrte zu Hause sein und selber kochen eventuell weniger Lebensmittelabfälle anfallen.“

Unüberlegte Hamsterkäufe

Dass die Lebensmittelverschwendung durch die teils unüberlegten Hamsterkäufe nach der Ausbreitung von Gerüchten am Anfang der Krise Mitte März, wonach alle Supermärkte sperren würden, steigt, glaubt das Ministerium nicht: „Die unmittelbar am Beginn der Krise beobachteten und mittlerweile nicht mehr wahrgenommenen Hamsterkäufe betrafen vor allem Lebensmittel mit längerem Haltbarkeitsdatum wie Konserven. Wenn überhaupt tragen diese erst mit zeitlicher Verzögerung zu einer Steigerung der Lebensmittelabfälle bei.“

Ein Privileg

Ob in der Corona-Krise oder nicht, Lebensmittel sollten immer als wertvolles Gut betrachtet werden, zu denen nicht jeder Mensch selbstverständlich Zugang hat. Denn noch immer stirbt laut der Welthungerhilfe alle zehn Sekunden ein Kind unter fünf Jahren an den Folgen von Hunger. 822 Millionen Menschen hungern, zwei Milliarden Menschen leiden an Mangelernährung. Vielleicht hilft uns die Corona-Krise dabei, umzudenken, und jene Annehmlichkeiten, die in unseren Breitengraden als selbstverständlich galten, wieder als das zu sehen, was sie sind: Ein Privileg.

April 2020

Was meint ihr dazu? Postet uns in den Kommentaren oder schreibt uns mit Hashtag #City4U auf Facebook, Twitter oder Instagram!

Viktoria Graf
Viktoria Graf
Kommentare
Eingeloggt als 
Nicht der richtige User? Logout

Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung.

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB).

Freitag, 14. Mai 2021
Wetter Symbol