15.04.2020 15:00 |

Mehr Hochdruckwetter

Grönland verlor im Vorjahr 600 Mrd. Tonnen Eis

Der Eisschild auf Grönland hat im Vorjahr rund 600 Milliarden Tonnen Eis verloren. Das entspricht einem weltweiten Anstieg des Meeresspiegels um knapp zwei Millimeter. Der Grund dafür war laut Angaben von Forschern außergewöhnlich häufiges Hochdruckwetter mit wolkenlosem, klarem Himmel über Grönland im Sommer 2019.

Zwar schmolz etwas weniger Eis als im Rekordjahr 2012, dafür kamen nur etwa 50 Milliarden Tonnen Eis durch Schneefall hinzu. Deshalb ist die Eismassenbilanz noch negativer als 2012, wie Marco Tedesco von der Columbia University in New York (USA) und Xavier Fettweiss von der Universität Lüttich (Belgien) anhand von Satellitenmessungen ermittelten. Im Vergleichszeitraum 1981 bis 2010 waren im Durchschnitt jedes Jahr 375 Milliarden Tonnen Eis hinzugekommen, was das Schmelzen und Kalben von Gletschern größtenteils ausgleichen konnte, berichten die Forscher im Fachjournal „The Cryosphere“.

Wolken erzeugen kleinen Treibhauseffekt
Ein Hochdruckgebiet führt an seinen Rändern Luftmassen im Uhrzeigersinn. „Stellen Sie sich diesen Wirbel vor, der sich im südlichen Teil Grönlands dreht und der buchstäblich wie ein Staubsauger die Feuchtigkeit und Wärme von New York City ansaugt und in der Arktis ablädt“, erklärte Tedesco. Die entlang der Westküste Grönlands gedrückte Luft habe zwar im Norden zu verstärkter Wolkenbildung geführt, so die Forscher. Aber anstatt Schneefall zu bringen, hätten diese warmen und feuchten Wolken die Wärme eingefangen, die normalerweise vom Eis abgestrahlt wird, und so einen kleinen Treibhauseffekt erzeugt.

„Diese atmosphärischen Bedingungen wurden in den letzten Jahrzehnten immer häufiger“, sagte Tedesco. Dies sei sehr wahrscheinlich auf die starke Auslenkung des polaren Jetstreams (eines Starkwindbandes in großer Höhe, Anm.) zurückzuführen. Diese Veränderung hängt nach Auffassung der Forscher unter anderem mit dem Schwinden des Meereises und der Schneedecke in Sibirien zusammen. Aktuelle globale Klimamodelle seien nicht in der Lage, diese Effekte zu erfassen, weshalb Computersimulationen den Eisverlust im Zuge des Klimawandels wahrscheinlich unterschätzten. Tedesco: „Es ist fast so, als würde die Hälfte des Schmelzens fehlen.“

Polarer Jetstream verändert sich
Der Grund für das starke Mäandern des Jetstreams sei, dass sich die Polargebiete doppelt so schnell erwärmen wie der Rest der Erde. Dies führe zu einer stärkeren und häufigeren Auslenkung des wetterbestimmenden Stroms mal nach Norden, mal nach Süden. „Noch schlimmer ist es, wenn die Tief- und Hochdruckgebiete wochenlang beinahe stehenbleiben - eine sogenannte Quasiresonanz“, so Anders Levermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Dann komme es zu heftigen Überschwemmungen in einigen Regionen und extremer Trockenheit und Hitze in anderen. Der Jetstream bildet dann eine stehende Welle aus.

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