07.04.2020 18:15 |

Interview

„Große Krisen sind große Chancen“

Josef Trappel leitet den Fachbereich Kommunikationswissenschaft an der Universität Salzburg. Mit der „Krone“ spricht er über die Herausforderungen, vor die das Virus den Journalismus stellt.

Wie beurteilen Sie die Berichterstattung der österreichischen und insbesondere der Salzburger Medien über die Krise?

Die Medien haben bisher gut informiert und auch gut erklärt, warum die Maßnahmen der Regierung sinnvoll und notwendig sind. In einer solchen globalen Krise stehen Information und Erklärung im Vordergrund. Die Salzburger Medien brechen die Ereignisse gut auf den lokalen Raum herunter.

Viele Themenbereiche brechen weg: Es gibt keine Sport- und keine Kulturveranstaltungen, um nur zwei Beispiel zu nennen. Wie sollte der Journalismus Ihrer Meinung nach damit umgehen?

Große Krisen sind große Chancen für den Journalsimus. Diese Zeit ist eine großartige Gelegenheit, Themen zu vertiefen, die sonst im lauten Getöse von Championsleague und Salzburger Festspielen untergehen. Die Menschen haben jetzt auch Zeit, längere Stücke zu lesen. Oder im Fernsehen eine Dokumentation zu sehen, weil das Serien-Bingewatching auf Netflix langweilig wird. Jetzt kann Journalismus selbst Themen setzen, anstatt immer nur dem hinterherzujagen, was andere inszenieren. Vielleicht aber fehlt dem Journalismus dafür unterdessen die Kreativität.

Besteht die Gefahr einen „Trotzeffektes“ in der Bevölkerung, weil Redakteure sehr viel über das Virus berichten?

Nicht so sehr Trotzeffekt, aber Sättigung. Wenn aus allen Kanälen Corona quillt, dann blockieren unsere Empfangssensoren. Gerade deshalb können andere journalistische Themen jetzt punkten.

Ist die Gefahr in Krisenzeiten größer, dass der Journalismus zu einem Hofberichterstatter der Regierung mutiert?

In dieser Gefahr befindet sich der Journalismus auch sonst. Je größer die PR-Abteilungen von Unternehmen, Verwaltung und Regierung werden, desto größer ist die Gefahr, dass Journalismus nur mehr Erfüllungsgehilfe ist. Die Forschung zeigt aber, dass Medien in Krisen dazu tendieren, sich hinter der Regierung zu scharen, und Hofberichterstattung zu betreiben.

Gerade ist der Journalismus in besonderer Form auf die Stimme von Experten angewiesen. Kommt diesen zu viel Macht zu?

Nein, im Gegenteil. Experten üben keine Macht aus, sie bieten Wissen und im besten Fall auch Lösung an. Die Regierung entscheidet. In einem aufgeklärten, modernen Staat sind Regierungen gut beraten, auf Expertinnen und Experten zu hören. Das ist aktuell der Fall. Und die Regierung macht gerade die Erfahrung: Das funktioniert ja sehr gut!

Guter Journalismus zeichnet sich durch Meinungsvielfalt aus. In der Wissenschaft gibt es Stimmen, die sagen, Corona sei nicht gefährlicher als eine Grippe. Wie schafft der Journalismus den Spagat zwischen Meinungsvielfalt und der Gefahr, falsche Signale an die Bevölkerung zu senden?

Der Journalismus steht vor derselben Herausforderung wie die Regierung. Da die Wissenschaft nicht mit einer Stimme spricht, müssen die Verantwortlichen die Befunde gegeneinander abwägen. Da hilft nur genaues Quellenstudium, nachschauen, wer spricht, und bei Fachleuten nachfragen, wie plausibel und belastbar die Ergebnisse sind. Gefährlich sind Medien mit einer Agenda: Also solche, die bereits eine vorgefasste Meinung haben und sich dann die wissenschaftliche Stimmen suchen, die dazu passen.

Christoph Laible
Christoph Laible
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