22.03.2020 10:10 |

Interview

„Ich fühle mich auf der Durchreise“

Maria Neuschmid arbeitet seit Jahrzehnten als Kabarettistin daran, ihr Publikum zu unterhalten. Im Gespräch mit Schriftsteller Robert Schneider zeigt sie eine ganz andere Seite ihres Lebens.

Frau Neuschmid, was ist das erste Bild in Ihrem Leben, das Ihnen noch präsent ist?

Wir hatten ein Gasthaus. Am Sonntag nach der Messe gab es immer einen Frühschoppen. Da kamen die Männer aus dem Dorf und haben Jasskarten gespielt. Es muss Winter gewesen sein, weil die Sonnenstrahlen grell in die Gaststube fielen. Ich habe die Tür geöffnet und sah nichts als Wolken aus Zigaretten-, Pfeifen- und Zigarrenrauch. Der Geruch und die tanzenden Staubpartikel im Sonnlicht, das Gemurmel und Gelächter der Bauern, das alles gehört zu meinen ersten Erinnerungen.

Erinnern Sie sich an eine Kränkung aus Kindertagen? Wie sind Sie damit umgegangen?

Ich war von Haus aus ein verwöhnter Fratz. Dann kam ich ins Internat und habe fürchterliches Heimweh bekommen. Wir waren rund 40 Mädchen in einem Schlafsaal. Von meinem Bett aus konnte ich den Bazorahang sehen, meine Heimat, und habe zu weinen angefangen. Eine Mitschülerin versuchte mich zu trösten. Draußen auf dem Gang patrouillierte Schwester Sieglinde auf und ab. Sie war eine wunderschöne, junge Frau. Für mich damals natürlich eine alte Frau. Sie öffnete die Tür und fragte, was das für ein Lärm sei. „Die Maria hat so Heimweh“, antwortete meine Freundin. „Die soll sich nicht so aufspielen“, konterte Schwester Sieglinde. „Die will ja nur wieder im Mittelpunkt stehen.“ Das hat mich sehr verletzt. Sie kam nicht an mein Bett, hat mich nicht in den Arm genommen oder mir gut zugeredet. Was mir jedoch immer wieder Kraft gegeben hat, war die große Portion Humor, die ich für mein Leben mitbekommen habe.

In jedem Leben gibt es Wege und Irrwege. Haben Sie einen Weg in Erinnerung, der sich später als Irrweg herausgestellt hat?

Das war der Besuch der Handelsschule. Ich hatte mit Zahlen nie was am Hut. Ich weiß heute noch nicht, was ich verdiene. Wirklich! Ich hasse Zahlen, das gebe ich ganz offen zu. Nun wussten die Eltern nicht, wie es mit mir weitergehen soll. Ich war damals fünfzehn. Ich wäre ja gern Krankenschwester geworden, aber das konnte man damals erst mit siebzehn. Da sagte meine Oma: „Handelsschule kann man immer brauchen. Schickt sie dort hin.“Es waren drei komplett verschwendete Jahre. Ich hockte nur im „Dörler“ rum, habe geschwänzt, nix gelernt und eine Gaudi gehabt. Dann bin ich in Maschineschreiben rausgeflogen.

Gibt es eine Situation, eine dunkle Stunde, in der Sie sich tief verlassen fühlten?

Tief verlassen? Nein. Ich hatte immer das Gefühl, dass mich etwas trägt. Etwas oder jemand trägt mich, und das ist bis heute so geblieben. Man kann das Glaube nennen. Vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass ich mich nie so wichtig genommen habe. Ich fühle mich irgendwie auf der Durchreise. Andere mögen das oberflächlich nennen.

Was würden Sie einem Menschen raten, der das sprichwörtliche Licht am Ende des Tunnels nicht mehr sehen kann?

Ich würde diesen Menschen in den Arm nehmen und ganz lange nicht reden. Dann würde ich vielleicht sagen, dass dieses Gefühl der tiefen Hoffnungslosigkeit sein darf. Ob es mir gelingt, weiß ich natürlich nicht. Sätze wie „Alles wird gut“ oder „Die Zeit heilt alle Wunden“ sind in solchen Momenten nicht angebracht. Aber sie stimmen einfach. Sogar, wenn man das Liebste verliert, ein Kind zum Beispiel. Es sind Wunden, die bleiben. Aber irgendwann lernt man, damit zu leben. Es klingt vielleicht absurd, doch ich empfinde es so.

Wofür haben Sie sich in Ihrem Leben am meisten geschämt?

Mein Mann und ich waren immer sehr sozial engagiert. Wir beschlossen, ein Pflegekind aufzunehmen. Nun merkte ich, dass ich für dieses Kind nicht die Liebe aufbringen konnte, die ich ihm gern geschenkt hätte. Es war zweieinhalb Jahre alt, kam aus desolaten Verhältnissen. Ich wusste nicht, dass es eine geistige Behinderung hat. Es hieß lediglich, dass es emotionale Rückstände habe. Ich sagte: „Dann ist es bei uns genau richtig. Wer ist emotionaler als unsere Familie?“ Gleich am nächsten Tag haben wir es abgeholt. Schnell merkten wir, dass das Kind keine Reaktionen zeigt. Es lief einfach weg. Ich musste einsehen, dass ich damit überfordert war. Ich hatte keine Geduld. Der Funke sprang einfach nicht über, wie ich mir das als Mutter gewünscht habe. Dafür schämte ich mich ganz tief in mir drin, nämlich dass ich dieses Kind nicht lieben konnte. Erst das Gespräch mit einem Psychologen - Jahre später - hat mich dann von dieser Scham befreit.

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Ich merkte dann, dass ich für dieses Kind nicht die Liebe aufbringen konnte, die ich ihm gerne geschenkt hätte.

Maria Neuschmid

„Der Schmerz rettet das Leben“, sagt Nietzsche. Wie würden Sie diesen Satz interpretieren?

Ach ja, diese Philosophenätze! Ich würde das so interpretieren: Wenn du den Schmerz nicht hast, hast du auch keine Freude. Man braucht beides, um sich zu spüren, um das Leben zu spüren.

Wenn Sie in die Welt blicken, Frau Neuschmid, was bereitet Ihnen gegenwärtig die größte Sorge?

Wenn ein Kalb aus Blons unter miserablen Bedingungen nach Jordanien verfrachtet wird, zieht das acht Wochen lang Leserbriefe nach sich. Wenn ein Flüchtlingskind tot am Strand liegt, weil es ertrunken ist, ist das halt so. Das eine entschuldigt nicht das andere. Wenn Griechenland die Grenzen öffnet, und die Wehrlosesten dieser Welt werden mit Wasserwerfern und Tränengas zurückgetrieben, kann man halt nichts dagegen machen. Das macht mir wirklich Angst. Oder wenn man sagt, gib ja nichts einem Bettler, damit unterstützt du nur die Bandenkriminalität. Niemand bettelt freiwillig, ganz sicher nicht. Das Wort Gutmensch ist ein Schimpfwort geworden. Ein Mensch, der Gutes tun will, wird heute beschimpft oder verlacht. Das ist mir unverständlich.

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Das Wort Gutmensch ist ein Schimpfwort geworden. Ein Mensch, der Gutes tun will, wird heute beschimpft oder verlacht.

Maria Neuschmid

Mit welchem Bild vor Augen möchten Sie sterben, wenn Sie wählen dürften?

Zuerst würde ich alle noch einmal antanzen lassen: meine Familie, meine Freunde, Menschen, die ich einfach liebe. Und dann ganz bewusst Abschied nehmen. Dinge sagen, die ich verabsäumt habe, auszusprechen. Gute Dinge. Verzeihen und um Verzeihung bitten. Dann aber möchte ich allein sterben, wenn ich es mir aussuchen dürfte. Ich bin allein gekommen und würde gern allein wieder in diese Stille zurückkehren. Dabei vielleicht in einen Baum blicken, aufs Meer, in den Himmel. Außerdem bin ich davon überzeugt, dass es nach dem Tod in irgendeiner Form noch etwas gibt. Das hat mich durch mein ganzes Leben hindurch immer wieder getröstet.

Robert Schneider

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