20.07.2010 15:10 |

Prozess gegen Honsik

'Auf großdeutschem Boden keine einzige Gaskammer'

Schreiduelle, heftige Wortgefechte, die erneute Anzweiflung von Gaskammern sowie viel Wohlwollen der Sympathisanten im Publikum für den Angeklagten - so lautet die turbulente Bilanz des ersten Prozesstages gegen Holocaust-Leugner Gert Honsik, der am Dienstag am Wiener Straflandesgericht über die Bühne gegangen ist. Der 68-Jährige muss sich erneut wegen nationalsozialistischer Wiederbetätigung verantworten - und ließ im Saal aufhorchen, als er erklärte: "Es gab auf großdeutschem Boden keine einzige Gaskammer, dabei bleibe ich." Die Verhandlung wurde vertagt.

Die Anklagebehörde machte zwei Bücher Honsiks zum Prozessgegenstand, weil das Wiener Oberlandesgericht (OLG) vor vier Monaten die aufgrund von 1997 bis 2003 von Honsik veröffentlichten Ausgaben der Zeitschrift "Halt!" verhängte Strafe von fünf auf vier Jahre Haft reduziert hat.

Richter: Verteidiger soll "endlich zur Sache sprechen"
Während die Staatsanwaltschaft den Angeklagten als "Blender", "Geschichtsfälscher" und "Propagandamaschine" bezeichnete, dessen bisher 21 Verurteilungen eine "bedeutende Verbrecherkarriere" darstelle, attestierte Verteidiger Herbert Schaller seinem Mandanten, er sei "kein asoziales Element". Honsik habe "immer in Arbeit gestanden" und eine Familie gegründet. Seine drei Kinder sowie seine acht Enkel seien allesamt "anständige Menschen" und "gut erzogen". Als Schaller dann auch noch viele Jahre zurückreichende Verurteilungen zu zerpflücken begann, die nicht Verhandlungsgegenstand waren, platzte Richter Böhm erstmals der Kragen. Lautstark forderte er den Verteidiger auf, "endlich zur Sache zu sprechen".

Eineinhalb Stunden und etliche Schreiduelle später verhängte Böhm etwas entnervt die erste Verhandlungspause. Zuvor war Schaller selbst haarscharf an Aussagen vorbeigeschrammt, die ihm als Wiederbetätigung angelastet hätten werden können. Auf die wiederholte Frage, ob er, Schaller, selbst behaupte, es hätte keine Gaskammern gegeben, wich der Strafverteidiger immer wieder aus. Als einer "Anhänger" Honsiks im Zuschauerbereich den Ausführungen Schallers auch noch applaudierte, wurde er des Saales verwiesen.

Honsik: "Hier endet die 65-jährige Lüge von Gaskammern"
"Ich habe in diesen zwei Büchern nur Wahrheiten gesagt." Das waren nach knapp zwei Stunden Verhandlung die ersten Worte von Honsik selbst. Auch er lieferte sich - wenn auch wesentlich unaufgeregter - zahlreiche Rededuelle mit dem Richter, der ihn bezüglich seiner Wortwahl regelmäßig warnte: "Sie bewegen sich auf dünnem Eis." Honsik ließ sich davon aber nicht beeindrucken und ritt wilde Attacken gegen Simon Wiesenthal.

Begriff Holocaust unter Anführungszeichen
Er, Honsik, habe den Begriff Holocaust nur deshalb unter Anführungszeichen gesetzt, weil "ich empört bin, dass man diesen Völkermord nach einem Hollywood-Propaganda-Film benennt. Das finde ich geschmacklos." Überdies habe Wiesenthal "individuelle Verbrechen erfunden". Und als Draufgabe: "Es gab auf großdeutschem Boden keine einzige Gaskammer, dabei bleibe ich. Hier endet die 65-jährige Lüge von den Gaskammern in Mauthausen und Dachau - und ich wurde 25 Jahre lang verfolgt, wie Nelson Mandela." Die Gaskammern in Mauthausen seien übrigens im Nachhinein eingebaut worden, so Honsik.

Auf die Frage des Richters nach etwaigen Schlüsselerlebnissen, die Honsik "so werden" ließen, berichtete der 68-Jährige, dass ihn einst ein Jugendlager-Kommandant an das Bekenntnis zum "alten Österreich" sowie zur "alten Hymne" erinnert habe. Weiters sprach Honsik von "einseitiger Geschichtsschreibung bei den Nürnberger Prozessen", was ihm abermals den Hinweis des Richters bescherte, damit würde er gegen das Verbotsgesetz verstoßen.

Honsik vertrat die These, dass in den Plan von der Vernichtung der Juden lediglich 200 Menschen eingeweiht worden waren und dieser strengster Geheimhaltung unterlag. "Ich leugne die in der Öffentlichkeit verübten Verbrechen, die durch das Dritte Reich nicht gedeckt waren", so Honsik. Und weiter: "Sechs Millionen Deutsche werden uns unterschlagen und ich werde als Lügenonkel dargestellt."

Eklat um zweiten Verteidiger
Zu einem regelrechten Eklat kam es unmittelbar nach einer Verhandlungspause. Weil sich der zweite Verteidiger Honsiks, Herbert Orlich, immer wieder unerlaubt zu Wort gemeldet hatte, wurde er von Richter Böhm vom Verteidigungsplatz verwiesen - was Orlich jedoch verweigerte. Erst nachdem damit gedroht wurde, sein Verhalten der Rechtsanwaltskammer zu melden, zog sich der Jurist auf die Publikumsplätze zurück, wo ihm von vielen Seiten mit großem Wohlwollen zugenickt wurde.

Auf die Frage des Richters, ob Honsik meine, es hätte im Konzentrationslager Auschwitz Gaskammern gegeben, schaltete sich Verteidiger Schaller dazwischen: "Fragen Sie einen Sachverständigen." Honsik anerkannte schließlich die "unbestrittene Existenz" von Gaskammern in den Vernichtungslagern Belzec, Sobibor, Kaunas, Wilna und auch in Auschwitz - allerdings nur in zwei Bauernhäusern, die außerhalb des Lagers lagen. Darüber hinaus sei die Zahl von sechs Millionen getöteten Juden "falsch", es seien "lediglich 1,5 Millionen" gewesen.

Weil die Verteidigung insgesamt 65 Beweisanträge angekündigt hat, wurde der Prozess auf 9. September vertagt.

Anklage geht "von der Verhängung einer Zusatzstrafe aus"
Im Vorfeld der Verhandlung hatte Thomas Vecsey, der Sprecher der Anklagebehörde, gesagt: "Wir gehen von der Verhängung einer Zusatzstrafe aus." Da das Gericht aus rechtlichen Gründen jedoch auf das seit Anfang März rechtskräftige Urteil Bedacht zu nehmen hat, wäre es aber theoretisch möglich, dass selbst bei einem Schuldspruch keine Strafe ausgesprochen wird, falls das Schwurgericht zur Überzeugung gelangt, dass für die beiden Bücher und die "Halt!"-Ausgaben eine vierjährige Freiheitsstrafe ausreicht.

Honsik war bereits im Jahr 1992 auf Basis seines Buchs "Freispruch für Hitler?" von Wiener Geschworenen wegen Wiederbetätigung zu eineinhalb Jahren unbedingter Haft verurteilt worden. Statt die Strafe anzutreten, setzte er sich während des offenen Rechtsmittelverfahrens nach Spanien ab.

Dort blieb er 15 Jahre unbehelligt und festigte weiter seinen Ruf als führender Publizist der rechten Szene, indem er in seiner Zeitschrift "Halt!" weiter nationalsozialistisches Gedankengut verbreitete, die Existenz von Gaskammern infrage stellte und den Holocaust bezweifelte. Im August 2007 wurde er mit europäischem Haftbefehl bei Malaga festgenommen, ausgeliefert und - nach Verbüßung seiner offenen Strafe - für sein "Wirken" in Spanien neuerlich angeklagt.

Kommentare

Liebe Leserin, lieber Leser,

die Kommentarfunktion steht Ihnen ab 6 Uhr wieder wie gewohnt zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen
das krone.at-Team

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB).

Montag, 20. Jänner 2020
Wetter Symbol

Produktvergleiche

Alle Produkte sehen
Ihre Cookies sind deaktiviert. Die Seite wird daher möglicherweise nicht korrekt angezeigt.