Ruf nach 35-Std.-Woche

„Ein Viertel in Sozialberufen erwägt Jobwechsel“

Die Kollektivvertragsverhandlungen im privaten Pflege-, Gesundheits- und Sozialbereich gehen Anfang März bereits in die siebente Runde. Kernstück der Diskussionen ist eine 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich für 125.000 Beschäftigte. Die Chefverhandlerin der Gewerkschaft der Privatangestellten, Eva Scherz, erklärt im krone.tv-Studio, warum sie von dieser Forderung nicht zurückweichen will.

Würde die Forderung der Gewerkschaft umgesetzt, bedeute das für Vollzeitkräfte weniger Arbeitsstunden, Teilzeitkräfte würden dagegen von einer „kräftigen Lohn- und Gehaltserhöhung“ profitieren. „Wir sind ja eine Frauenbranche. Über 70 Prozent in unserem Bereich sind Frauen. Und wir haben eine sehr hohe Teilzeitquote von über 70 Prozent“, erklärt Scherz. Dafür gebe es verschiedene Gründe: Die Hälfte der Frauen würde branchenübergreifend Teilzeit arbeiten. Es gebe aber auch Jobs, „die kann man nicht Vollzeit machen, die will man nicht Vollzeit machen - eben aufgrund der Belastung und der Arbeitssituation“. Oftmals würden Arbeitgeber auch nur Teilzeitstellen anbieten.

Beschäftigte würden unter den Arbeitsbedingungen leiden, die sich in den letzten Jahren verschärft hätten, und die Angestellten würden mehr Zeit zur Erholung brauchen. „Weil es sich hier wirklich um Arbeit mit den Menschen handelt und das sehr oft emotionale Schwerarbeit ist“, so Scherz.

Der Kollektivvertrag sei erst 15 Jahre alt und es ergebe sich allmählich eine richtige Branche. Nicht nur die Professionalität, sondern auch der Bedarf „in allen Bereichen, die wir abdecken“ sei gestiegen, so die Gewerkschafterin: „Es ist natürlich sehr wichtig, dass dieser Bereich einen Kollektivvertrag bekommt, der die Arbeitsbedingungen für ganz Österreich regelt.“

Scherz: „Es geht um Gesundheit der MitarbeiterInnen“
Befürworter der Arbeitszeitverkürzung argumentieren gerne mit einer Erhöhung der Produktivität als positiven Effekt. „Wie groß der ist, darüber streiten sich die Experten“, so Scherz. Gerade weil der Job oftmals emotionale Schwerstarbeit darstelle, rechnet die Gewerkschaft, dass durch längere Erholungsphasen nicht nur die Effizienz steige, sondern auch Krankenstände zurückgehen könnten. „Aber es geht uns wirklich hier um die Gesundheit der MitarbeiterInnen, um die Motivation“ so Deutsch. Eine Stunde Arbeitszeitverkürzung koste 2,7 Prozent - „Wir gehen davon aus, dass ein Teil dieser 2,7 Prozent wieder hereinkommt durch höhere Arbeitszufriedenheit, durch mehr Gesundheit“, so Scherz.

Das Argument der Arbeitgeber, man könne sich eine Arbeitsverkürzung nicht leisten, will die Chefverhandlerin nicht gelten lassen: Diese müssten für die Leistungen, die sie anbieten, einen fairen Preis mit den Fördergebern verhandeln. Ein Stufenplan wäre eine Kompromisslösung: „Unser Vorschlag geht über vier Jahre. Dieser würde über vier Jahre abwechselnd eine Lohn- und Gehaltserhöhung und eine Arbeitszeitverkürzung vorsehen.“

61 Betriebe nehmen an Warnstreiks teil
Mit Warnstreiks wird der Forderung der Gewerkschaft Nachdruck verliehen. Waren es in der Vorwoche noch 37, sollen nächste Woche bereits 61 Einrichtungen betroffen sein. Außerdem gebe es viel Unterstützung von der Bevölkerung und vor allem von Angehörigen, Klienten und Patienten. Die medizinische Versorgung sei trotz Streiks sichergestellt.

Eine Arbeitszeitverkürzung könne außerdem helfen, Sozialberufe attraktiver zu machen und damit dem Fachkräftemangel entgegenwirken, betont Scherz. „Es ist erschreckend: Wir haben eine Umfrage der Arbeiterkammer, wo ein Viertel der Beschäftigten angibt, einmal im Monat darüber nachzudenken, diesen Bereich zu verlassen", warnt die Verhandlerin.

Miriam Krammer
Miriam Krammer
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