18.07.2010 19:53 |

"AIDS 2010" in Wien

Eröffnung mit dem Appell "Rechte hier und jetzt"

Start der 18. Internationalen Aids-Konferenz in Wien: Mit flammenden Appellen an Politik und Staatengemeinschaft, weltweit den Zugang zur Behandlung von HIV herzustellen und die Menschenrechte zu wahren, haben sich am Sonntag bei der Eröffnungskonferenz Wissenschaftler, Betroffene und Aids-Aktivisten sowie Vertreter von internationalen Organisationen - wie Sängerin und UNAIDS-Botschafterin Annie Lennox (im Bild links) - an die Öffentlichkeit gewandt.

Mit dem Motto "Rechte hier und jetzt" wird auf den Zusammenhang zwischen Menschenrechten und Gesundheit Bezug genommen. Zu der Konferenz werden 25.000 Teilnehmer erwartet.

Julio Montaner (im Bild rechts), Präsident der Internationalen Aids-Gesellschaft (IAS): "Wir hatten die Ziellinie, im Jahr 2010 den generellen Zugang zur Aids-Therapie zu erzielen. Das haben die G8-Staaten verkündet." Erreicht wird das nicht. Der Aids-Spezialist: "Aber die G8-Länder haben uns nicht erklärt, wie es jetzt weitergehen soll. Zehn Millionen Menschen warten auf eine Therapie. Geschafft wurde, dass wir fünf Millionen HIV-Positive behandeln. Dabei hat sich gezeigt, dass man mit der Therapie bei einem Ehepartner die Übertragung auf den anderen um 90 Prozent reduzieren kann. Und in der Verhinderung der Übertragung von HIV von Mutter auf Kind können wir zu fast 100 Prozent erfolgreich sein. Aus meiner Sicht haben wir mangelnde politische Führung in diesen Fragen. Das müssen wir beseitigen."

Die Präsidentin der Österreichischen Aids-Gesellschaft, Brigitte Schmied, betonte die kritische Situation in Osteuropa und Zentralasien, was HIV angeht: "Nur 23 Prozent der Menschen, die dort eine Behandlung benötigen, erhalten sie auch. Dort gibt es die am schnellsten wachsende Aids-Epidemie. In manchen Staaten sind es wieder die Ärzte, welche die Entscheidung zu treffen haben, wer leben und wer sterben wird." In Osteuropa wäre es oft die intravenöse Drogenabhängigkeit mit Stigmatisierung, Kriminalisierung und mangelnden Betreuungsprogrammen, was die Situation so schwierig mache. Schmied: "Patienten muss man behandeln, nicht verfolgen."

"Man verletzt das Recht auf Leben"
Vladimir Zhovtyak, Präsident der osteuropäischen und zentralasiatischen Union der Menschen mit HIV/Aids, berichtete von erschütternden Zuständen in der Region und seiner Heimat, der Ukraine: "Man verletzt das Recht auf Leben. Jeder Zweite von uns stirbt an Tuberkulose. Dreimal mehr Menschen würden eine Therapie benötigen, als sie diese bekommen. In Usbekistan hat man die Zentren für die Substitutionstherapie von Drogenabhängigen geschlossen. Wir hoffen, dass unsere Regierung endlich ihrer Verantwortung nachkommt. Wir, die wir mit HIV leben, werden mit allen unseren Energien, wenn notwendig mit unserem Leben, dafür einstehen, dass wir diese Epidemie beenden."

Ähnlich offenbar die Situation in Russland. Sasha Volgina, selbst HIV-positiv und Chefin des russischen Verbandes gegen Armut und für Entwicklung: "Solange Russland vorgibt, ein 'Geberland' zu sein, wird sich nichts ändern. Es ist eine Lüge, dass wir keine Hilfe benötigen. Solange Russland vortäuscht, dass es hier keine große Drogen-Epidemie gibt, wird sich nichts ändern. Der erste Schritt, um solche Probleme zu lösen, liegt darin, sie überhaupt erst einmal zu erkennen."

Ein gemischtes Bild zeichnete der französische Epidemiologe Yves Souteyrand: "Wir hatten im Jahr 2004 noch 2,2 Millionen Todesopfer durch Aids. Im Jahr 2008 waren es zwei Millionen. Das verdanken wir der Therapie. Aber es gibt noch immer pro Jahr 2,7 Millionen Neuinfektionen.

Kritik an finanziellem Engagement
Der stellvertretende UNAIDS-Generaldirektor Paul De Lay kritisierte bei der Eröffnungspressekonferenz das finanzielle Engagement im Kampf gegen Aids und HIV. 2010 würden rund 26 Milliarden Euro für Maßnahmen benötigt, für die aber nur knapp 16 Milliarden Euro verfügbaren seien. "Diese Lücke wird immer größer werden", beklagte De Lay. Das Ziel sei ein Nulllevel bei Infektionen, Diskriminierung und Todesopfern, das sei bei einem Rückgang der Investitionen nicht machbar. Notwendig sei eine vereinfachte und günstigere Behandlung für alle Betroffenen.

"Der Kampf gegen HIV/Aids muss weiter gehen - auf einem globalen Level. Die EU wird dabei weiter eine Schlüsselrolle spielen", betonte EU-Gesundheitskommissar John Dalli. Auch er sieht gesellschaftliche, soziale Schwierigkeiten: "Es ist kein Problem, Medikamente in ein Land zu bekommen, aber sehr wohl, es zu den wirklich Betroffenen zu transportieren." Dalli hob Konferenzen wie die AIDS 2010 als wichtige Veranstaltungen hervor, die Leitlinien für Politik und Forschung schaffen und gleichzeitig Rückmeldungen über die Effektivität der gesetzten Maßnahmen liefern.

Stöger: "Es gibt auch in Österreich noch viel zu tun"
Österreich war auf dem Podium durch Gesundheitsminister Alois Stöger vertreten. Der SPÖ-Politiker lobte das heimische Gesundheitssystem, dass allen eine gleiche Behandlung gewährleiste - einen Grund sich auszuruhen gebe es aber nicht: "Es gibt auch in Österreich noch viel zu tun."

Sängerin und UNAIDS-Botschafterin Annie Lennox trug bei der Eröffnung als Solidaritätszeichen ein schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift "HIV POSITIVE" (siehe Bild). Sie habe 2003 durch Friedensnobelpreisträger Nelson Mandela einen direkten Einblick in die Situation Infizierter und Kranker in Südafrika  bekommen: "Ich bin ein intelligenter Mensch und gut informiert, aber ich hatte keine Ahnung von der Situation", so Lennox. "Wir leben hier in einer Art westlicher Blase." Dies müsse eine Ende haben. "Menschen müssen verstehen, wie gefährlich und wichtig diese Epidemie ist, die keine Grenzen kennt."

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