16.07.2010 12:46 |

Ravidass-Prozess

Angeklagter leugnet trotz Schmauch- und DNA-Spuren

Der dritte Verhandlungstag im Ravidass-Prozess am Wiener Straflandesgericht stand am Freitag vorerst im Zeichen eines weiteren Mitangeklagten, der durch die Vorhaltungen von Richterin Susanne Lehr ziemlich in Bedrängnis geriet. Auf Schmauchspuren an dessen Hand sowie nachgewiesene DNA eines Opfers auf dem Dolch des Sikhs konterte dieser einsilbig: "Alles Lügen. Das ist alles falsch."

Auch er leugnete beharrlich, an der Schießerei in dem Ravidass-Tempel am 24. Mai 2009 in Rudolfsheim beteiligt gewesen zu sein. Dabei waren die aus Indien angereisten Gurus Sant Rama Nand und Sant Niranjan Dass getötet bzw. schwer verletzt worden waren.

Das Kopfschütteln des 30-, 32-, 34- oder 35-jährigen Mannes, der auch ebenso viele Alias-Namen hat, wurde mit Fortdauer der Befragung immer heftiger. Gleich zu Beginn der Verhandlung stellte er fest: "Wir sind Kinder Gottes", und meinte damit seine Religionsgemeinschaft, die nur das "Heilige Buch" als obersten Guru anerkennt, aber geistliche Würdenträger, die auf selber Höhe mit dem Buch sitzen, strikt ablehnen.

Angeklagter als Mitglied der "Spanischen Gruppe"
Schon im Jahr 2008 soll der Mitangeklagte deshalb entrüstet in den Tempel nach Rudolfsheim gefahren sein, weshalb er sogar von seinem gemäßigteren Tempel-Chef in der Donaustadt begleitet wurde, damit es zu keinen Tumulten kommt. Denn die dort predigenden Sants der Ravidass-Religionsgemeinschaft tun genau das, was streng gläubige Sikhs so verwerflich finden: nämlich, dass man sich nicht nur vor dem "Heiligen Buch", sondern auch vor dem anwesenden Prediger verbeugt. Allein dürfte der Mann offenbar nicht unterwegs gewesen sein, denn laut dem Tempel-Chef soll er Mitglied der in der Community bekannten "Spanischen Gruppe" gewesen sein, die vehement für einen sofortigen Stopp dieser "Fehlinterpretationen" eintrat.

Obwohl die Klärung dieser heiklen Glaubensfrage eigentlich einem "Gremium" im nordindischen Amritsar obliegt, dieses jedoch nach Angaben des Mitangeklagten "telefonisch nicht erreichbar" war, nahmen er und seine Glaubensbrüder die Sache selbst in die Hand. Allerdings nie und nimmer mit Gewaltabsicht, beteuerte der Mann.

Dolch nur zur Abwehr gezückt
Im Tempel in der Pelzgasse habe er dann - ebenso wie die vor ihm befragten Mitangeklagten - plötzlich Schüsse gehört, aber niemanden mit einer Waffe gesehen, weil es ziemlich turbulent zugegangen sei. Dass man an einer seiner Hände Schmauchspuren gefunden habe, quittierte der Sikh mit neuerlichem Kopfschütteln und den Worten: "Das ist absolut falsch." Er sei von hinten angegriffen und der Turban sei ihm vom Kopf gerissen worden. Darauf habe er seinen Dolch gezückt, jedoch lediglich zur Abwehr.

"Gott, warum passiert das hier?"
Dass auf seinem Dolch DNA-Spuren eines der Opfer gefunden worden seien und dass Zeugen beobachtet haben wollen, wie er einem Mann die Klinge in den Rücken rammte, wollte der Mitangeklagte nicht kommentarlos hinnehmen: "Falls ich mit meinem Dolch irgendwo angekommen bin, kann ich nichts dazu sagen. Schließlich habe ich versucht mich zu retten." Es sei, so Richterin Lehr, beobachtet worden, wie er geschossen hat. Auch die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Mann einen "Probeschuss" abgegeben hatte, bevor der Hauptangeklagte dann auf die Gurus feuerte. "Das ist alles Lüge." Er wollte lediglich mit den Ravidass-Leuten diskutieren und sie aufklären. Dass sich dann wiederum alle vor den Sants verneigten, konnte der Sikh nicht begreifen: "Ich habe nur gebetet und gedacht: Gott, warum passiert das hier?"

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