23.02.2020 10:16 |

Schlagfertig

Martin Grubinger: Da kommt noch etwas auf uns zu

Eigentlich wollte ich heute über eine politische Angelegenheit schreiben. Mich treibt etwas wild um - ich hab ein persönliches Faible für politische „Traditionsklubs“. Bewegungen, die in den letzten 100 Jahren unser aller Leben zum Besseren verändert haben, die mich aber in ihrer jetzigen Krise und ihrer mangelnden Bereitschaft zur Selbstreflexion wütend und traurig zugleich machen. 

Aber Freunde haben mir abgeraten darüber zu schreiben. Ich sei in der Sache zu emotional. Und wenn man als Musiker etwas sehr früh lernt, dann, dass man engen Ratgebern zuhören sollte. Das habe ich getan und das Thema vorerst beiseite gelegt.

Natürlich werde ich mich dem Thema trotzdem bald widmen. Unser Land braucht Traditionsklubs mit Energie und einem alternativen Gesellschaftsbild als Gegenpol zu einem Österreich, wie sich das vielleicht Sebastian Kurz vorstellt. Und diesem Herzensanliegen werde ich mich widmen. Demnächst.

Am Montag steige ich ins Flugzeug auf dem Weg nach Singapur. Seit knapp 20 Jahren fliege ich zu Konzerten in aller Welt: Ich lebe meinen Traum. Lange Zeit fand ich das unwirklich. Es gibt tatsächlich Menschen in Belo Horizonte, Medellin, Brisbane, Singapur, Tel Aviv, die meine Musik hören wollen? Und das Flugzeug war das Transportmittel, das meine Träume wahr werden ließ. Doch unlängst hatte ich ein Gespräch mit einem meiner Musiker, das mich nachdenklich machte.

Er: „Für diesen einen Probentag komme ich nicht nach Salzburg, Martin.“ Meine Antwort: „Was? Warum nicht? Hast Du ein anderes Projekt?“ Seine Antwort: „Nein, aber mit diesen Kurzreisen über ein paar hundert Kilometer, die in meinem Fall trotzdem nur mit dem Flugzeug zu machen sind, muss Schluss sein. Das mach ich nicht mehr.“

Eigentlich sollten Kollegen kommen, gewohnt, wenn zu Proben gerufen wird. Und dann eine Absage wegen „Flygskam“! Zum ersten Mal hatte ich da das Wort gehört, das ich anfangs nur lächerlich fand und mich mittlerweile nachdenklich macht. Flygskam nennen es die Schweden, von dort kommt der Begriff. Flugscham!

Die Scham darüber, die Kontrolle für ein verantwortungsvolles Leben im Sinne unserer Kinder und Enkelkinder verloren zu haben. In diesen Tagen müssen wir nur aus dem Fenster schauen, um zu sehen und zu spüren, dass sich längst etwas verändert hat. Wissenschafter weisen uns seit vielen Jahren darauf hin. Ich habe das zwar immer wahrgenommen und verstanden, war aber immer zu sehr mit mir selbst beschäftigt, um zu verstehen, dass wir schnurstracks dabei sind, diesen Planeten zu ruinieren. Was aber tun?

Klar, man kann ganz unkompliziert seine eigenen täglichen Gewohnheiten einem Nachhaltigkeitstest unterziehen und dabei schnell erste Maßnahmen treffen. Mobilität, Ernährung, Wahl des Urlaubsorts, persönliche und berufliche Zeitplanung. Aber machen wir uns nichts vor. Diese Diskussion zeigt ein weiteres Mal die bevorstehende gesellschaftliche Zerrissenheit in diesem Thema. Denn für die Allermeisten ist eine radikale Lebensumstellung aus finanziellen Gründen gar nicht erst möglich. Und Flugscham scheint ein übles Geplänkel sogenannter Eliten zu sein. Denn damit wird Mobilität zum gesellschaftlichen Luxusartikel. Beginnen wir dann mit dem Finger auf jene zu zeigen, die fliegen müssen oder ein Auto auf dem Weg zum Arbeitsplatz benötigen?

Die Diskussion wird aus städtischen Gesichtspunkten geführt und mir dämmert, dass die Klimafrage sehr bald schon eine Frage der sozialen Gerechtigkeit sein wird. Geht mit den notwendigen klimapolitischen Veränderungen nicht auch eine Diskussion der gerechten Verteilung der verbundenen Lasten einher, wird es zu massiven sozialen Spannungen kommen. Da kommt noch ein ziemlicher Kampf auf uns zu. Womit ich wieder am Anfang meiner Kolumne wäre: Wir brauchen ausgleichende politische Kräfte mit positiver Energie.

Ihr Martin Grubinger

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