31.01.2020 06:00 |

Sabine Seidler

Uni-Präsidentin: „Brauchen 2,1 Milliarden mehr“

Sabine Seidler ist Präsidentin der Uni-Konferenz. Sie spricht mit der „Krone“ über die Macht der Titel, die Causa Höbelt und fordert mehr Geld für die Universitäten.

„Krone“:Frau Professor, eine möglicherweise ungewöhnliche Frage zum Einstieg: In Österreich sollen demnächst Handwerksmeister aufgewertet werden und auch einen offiziellen Titel führen dürfen. Mit der Wertigkeit eines Bachelors. Sie selbst stammen aus Deutschland. Ist Österreich ein Land der Titelsüchtigen?
Sabine Seidler: Man kann darüber schmunzeln. Aber es hat einen ernsten Hintergrund. Es geht darum, Abschlüsse sichtbar zu machen, aber es lassen sich keine Rechte daraus ableiten. Wenn man ein Akademiker sein will, dann muss man auch die entsprechenden Strukturen von Hochschulen (Anm.: Uni, FH, PH) durchwandern und absolvieren. Lassen Sie es mich so auf den Punkt bringen: Wenn Sie einen Installateur benötigen, möchten Sie sicher sein, dass auch ein Installateur kommt und kein theoretischer Physiker. Was mich aber nach wie vor irritiert ist, welche Wirkung akademische Titel im Alltag hierzulande erzeugen können. Ein Beispiel: Mein Mann und ich waren in einem Möbelhaus. Er holte seine Visitenkarte heraus, und da stand ein Diplomingenieur beim Namen. Die Verkäufer sind um uns herumgeschwirrt und wir waren auf einmal Premiumkunden. Daran muss man sich erst mal gewöhnen. Das ist offenbar eine österreichische Spezialität.

In Deutschland ist das anders?
Da gibt es auch Titel, aber in Deutschland führt man sie nicht in offiziellen Dokumenten wie hier. Außer es handelt sich um Berufsbezeichnungen wie etwa den Diplomingenieur. Aber ganz generell: Ich bin nun schon seit 26 Jahren in Österreich, die Sprache spreche ich vielleicht noch immer nicht. Aber immerhin: Nach zehn Jahren hat mir ein Nachbar attestiert, dass ich integriert sei (lacht).

Wie beurteilen Sie das österreichische Bildungssystem?
Von Ausbildungsseite her ist Österreich sehr gut. Man hat viele Möglichkeiten. Eine berufsvorbereitende Schule wie die HTL, das ist schon sehr wertvoll. Sie haben immer die Möglichkeiten, sich weiterzubilden. Es gibt viele Wege.

Aktuell dominieren in Bildungsdiskursen Kopftuchverbote und Deutschklassen. Dabei geht auch unter, dass Österreichs Universitäten in den regelmäßig veröffentlichten Rankings vergleichsweise sehr schlecht liegen. Wir liegen weit hinter Schweiz, Belgien, Niederlande zurück. Wie das?
Das hängt mit der Finanzierung zusammen und mit der Art des Studienzuganges. In Österreich ist bzw. war bis vor Kurzem der offene Zugang für fast alle möglich, was ja prinzipiell löblich ist. Aber das führt teilweise auch zu Massenbetrieb und schwierigen Betreuungsverhältnissen. Letztendlich ist es eine Frage des Geldes.

Apropos Geld. Es gab und gibt immer wieder Forderungen der Universitäten nach mehr Geld. Fordern Sie das auch von der neuen Regierung?
Natürlich. Wir haben Dreijahresperioden für Budgets. Wir planen heuer für 2022 bis 2025. Die Unis haben aktuell 1,3 Milliarden Euro mehr als in den drei Jahren davor, insgesamt rund elf Milliarden Euro. Zurzeit wird stark ausgebaut und investiert. In mehr Personal, 360 Professorinnen und Professoren. Aber um besser zu werden, braucht es jetzt nach unserer Berechnung 2,1 Milliarden Euro mehr für die nächste Periode.

Sind Sie diesbezüglich in Gesprächen mit dem Ministerium?
Die Regierung ist noch neu, aber die gewünschte Zahl haben wir dem Ministerium schon im November 2019 kommuniziert.

Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) kommt wie Sie aus dem Universitätsbetrieb, ist gelernter Professor. Ein Vorteil für Ihre Ansinnen und Verhandlungen?
Es ist ein Vorteil, dass Heinz Faßmann das System gut kennt. Er weiß, wie Universitäten ticken, die politische Realität aber ist dann oft etwas anders. Aber er versteht unsere Anliegen. Ob er sie umsetzen kann, ist eine andere Frage. Er ist auch abhängig von den Ressourcen, die ihm der Finanzminister zur Verfügung stellt. Fest steht: Für den Anschluss zur internationalen Spitze braucht es mehr Geld.

Eine immer wieder aufgeworfene wie heikle Thematik ist die Frage nach Studiengebühren. Sind Sie dafür oder dagegen?
Das ist eine rein politische Entscheidung. Bis jetzt hat die neue Regierung diesbezüglich nichts Konkretes verlauten lassen. Also warten wir ab.

Es gibt andere Modelle und Systeme, wo die Politik weniger bzw. keinen Einfluss auf das Universitätswesen hat und die Unis in den Rankings viel besser dastehen. Auch dank Eliteunis, wie in den USA. Ein Modell für Österreich?
Mit diesen Vergleichen muss man aufpassen. In den USA gibt es ca. 5000 Colleges, nur 100 davon sind sogenannte Eliteunis. Ich denke, was für Österreich wichtig ist, wir müssen dort, wo wir Absolventen dringend benötigen, mehr Ressourcen zur Verfügung stellen.

Aber das Mäzenatentum, wie es die Amerikaner haben, also wenn reiche Menschen frei von Parteipolitik spenden, wäre das nicht erstrebenswert?
Das wäre es. Wir versuchen es zu etablieren, vor drei Jahren gab es Änderungen im Stiftungsrecht, um für gemeinnützige Agenden Steuererleichterungen zu ermöglichen, damit das Spenden leichter wird. Österreich ist diesbezüglich ein Entwicklungsland. Aber es beginnt schon: An der Med-Uni Wien läuft ein großes Spendenprojekt im Zusammenhang mit dem Zentrum für Präzisionsmedizin, das ich als Leuchtturmprojekt bezeichnen würde. Aber wir brauchen einen Kulturwandel.

Dann wäre man nicht mehr von der Politik abhängig ... 
Das ist ein schöner Traum. Man muss die Realitäten sehen. Aber es gibt heute auch schon Personen wie die Herren Haselsteiner oder Mateschitz, die viel für die Forschung tun. Es gäbe auch viele andere, aber da muss man die steuerlichen Möglichkeiten schaffen. Der Kulturwandel könnte beginnen, indem man begreift, dass Universitäten keinen Kostenfaktor darstellen, sondern eine Investition in Zukunft. Wir sind auch Wirtschaftsfaktor, produzieren z.B. pro Jahr 3,1 Milliarden Euro Steuergelder.

Ein anderes Thema, das zuletzt die Gemüter erhitzte, war die Angelegenheit um den umstrittenen FPÖ-nahen Historiker Lothar Höbelt. Wo hört die Meinungsfreiheit auf, und darf man die Vorlesungen eines Professors verhindern?
Die Frage ist: Geht es um Meinungsaustausch, und wenn ja, mit welchen Mitteln? Diskurs muss möglich sein. Aber wenn es um Gewalt geht, dann hat das an den Universitäten nichts zu suchen. Und solange sich Herr Höbelt oder wer auch immer auf rechtsstaatlichem Boden befindet, darf man ihn nicht ausschließen.

Wie beurteilen Sie generell das politische Klima in Deutschland und Österreich? Rechte Parteien sind im Aufwind, viele befürchten eine Spaltung der Gesellschaft. Wie sehen Sie das?
Wir müssen als Wissenschaftler und als Institutionen Formate finden, in denen man diskutieren kann. Ich hielte es für fatal, wenn wir uns dem Diskurs verweigern würden, und zwar auf der wissenschaftlich-rationalen Ebene, ohne die emotionale Ebene aus dem Auge zu verlieren. Ich kann nicht jemandem die Meinung verbieten, wenn er nicht kriminell ist. Polarisierung werden wir nicht überwinden, solange keiner dem anderen zuhört. Wir müssen miteinander reden, sonst sind wir irgendwann in Europa wieder dort, wo wir vor 1914 waren. Und da wollen wir hoffentlich alle nicht mehr hin.

Zur Person:
Sabine Seidler, geboren 1961 in Sachsen-Anhalt, ist Rektorin der TU Wien. Sie wurde 1996 Professorin. Als erste Frau an der TU überhaupt. Seit 1. Jänner 2020 ist die Werkstoffwissenschaftlerin Präsidentin der Universitätenkonferenz.

Erich Vogl, Kronen Zeitung

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