30.12.2019 14:25 |

Uni Salzburg:

Österreicher halten stärker an Dialekten fest

Viertel nach, Viertel über zehn oder Viertel elf? Die heutige Jugend verwendet zum Teil andere regionale Ausdrücke als ihre Eltern und Großeltern. Während es aber in Deutschland viele Verschiebungen gegeben hat, halten Österreicher und vor allem Schweizer stärker an lokalen Bezeichnungen fest. Ein Grund ist der höhere Stellenwert von Dialekten, sagt Linguist Stephan Elspaß von der Uni Salzburg.

Er ist Mitautor einer Studie zur Veränderung regionaler Begriffe im deutschsprachigen Raum, die im Fachmagazin „PLOS One“ veröffentlicht wurde und bei der die Verwendung von 14 lokalen bzw. regionalen Bezeichnungen abgefragt wurde - vom Wort für Hausschuhe bis Fußballspielen. Die Daten stammen aus einem Online-Quiz, das bei „Spiegel Online“ und dem Online-Portal des Schweizer „Tagesanzeiger“ abrufbar war. 770.000 Fragebögen konnten ausgewertet werden, 153.000 kamen aus Österreich. Die Begriffe wurden dann mit jenen aus dem „Wortatlas der deutschen Umgangssprachen“ aus den 1970ern verglichen.

Wie die Erhebung zeigt, wurden im Vergleich zu damals vielfach lokale Begriffe für etwas weiter verbreitete regionale Ausdrücke aufgegeben. Die Intensität dieses sogenannten „Levellings“ fällt im deutschsprachigen Raum allerdings höchst unterschiedlich aus: Vor allem in Ostdeutschland wurden nach der Wiedervereinigung aus Statusgründen lokale und regionale Ausdrücke ersetzt, während in der Schweiz, Liechtenstein sowie Teilen Bayerns und Österreichs lokale und Dialektausdrücke weiterhin stark der Identifikation dienen und auch aktiv genutzt werden.

Typische Bezeichnungen wie die Jause oder das Fleischlaberl bleiben als „originale Marker“ in ganz Österreich sehr konstant und werden „mit einem gesunden Selbstbewusstsein verwendet“, schildert Elspaß im Gespräch mit der APA, während in Deutschland die (Kaffee-)Pause das zweite Frühstück sowie die Bulette und der Klops lokalere Begriffe wie Beefsteak oder Klößchen verdrängt haben. Verschiebungen gab es in Österreich laut der Studie etwa beim Begriff Federpennal, der in Oberösterreich und der Steiermark die Federschachtel abgelöst hat.

Auch bei der Bezeichnung der Uhrzeit gibt es in Österreich Verschiebungen: Hier beginnt die Bezeichnung Viertel nach bzw. Viertel über zehn mittlerweile den Ausdruck Viertel elf abzulösen. Wegen der Anfälligkeit für Missverständnisse könnte er auf längere Sicht überhaupt „aufgerieben werden“, glaubt Elspaß, der seit 2003 im Projekt „Atlas zur deutschen Alltagssprache“ mit einem Kollegen der Universität Liege die Veränderungen des Deutschen dokumentiert. Zum Jahreswechsel startet die zwölfte Online-Erhebungsrunde.

Nicht nur geografische und soziale Mobilität und die Vermeidung von Missverständnissen spielen bei diesen Veränderungen eine Rolle. Entscheidend für den Erhalt regionaler Begriffe ist auch die Rolle von Dialekten in der Alltagssprache. In weiten Teilen Deutschlands gibt es Elspaß zufolge nur noch ein geringes Bewusstsein für regionale Sprachformen, vor allem im Norden werde auch im Alltag kaum noch Dialekt gesprochen. Ganz anders als in der Schweiz: „Dort spricht von der Professorin bis zum Bauer jeder Dialekt und zusätzlich Hochdeutsch und kann auch dazwischen switchen“, hebt er das soziale Prestige des Dialektalen hervor. „Dort geht man wegen der politischen und wirtschaftlichen Unabhängigkeit viel selbstbewusster mit den eigenen Sprachen um.“

Österreich liege beim Selbstbewusstsein der Dialektsprecher zwischen diesen beiden Polen. Viele könnten noch den Dialekt der Eltern und Großeltern sprechen, würden aber etwa im Beruf zur besseren Verständigung oder aus Prestigegründen zumindest auf eine „hochdeutschnähere Sprachlage“ setzen. Im Deutschen in Österreich gibt es laut Elspaß zudem viele Zwischenräume zwischen Dialekt und Hochdeutsch, die Sprecher wechselten zwischen diesen „Sprachlagen“ je nach Situation und Gegenüber fließend hin und her. Wie es genau um die Spracheinstellungen der Österreicher bestellt ist, erforscht Elspaß derzeit mit Kollegen im großen Projekt „Deutsch in Österreich“. In vier Jahren sollen die Ergebnisse vorliegen.

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