26.12.2019 06:00 |

Vor U-Bahn gestoßen

Opfer: „Ich hoffe, dass der Täter gesund wird“

Im Mai wurde Zdravko Ivanovic von einem psychisch Kranken vor eine Wiener U-Bahn gestoßen. Und verlor einen Fuß. Er hat dem Täter verziehen.

Sieben Monate, sieben volle Monate hat Zdravko Ivanovic im AKH und im Weißen Hof verbracht und unzählige OPs und Therapien über sich ergehen lassen müssen. Aber heute, an diesem kalten Dezembertag, war es endlich so weit: Er wurde, zeitig am Morgen schon, aus der Reha-Klinik entlassen. Die Stunden danach verbrachte er daheim, in seiner Wohnung in Wien, mit seiner Partnerin und den beiden Söhnen, „und viel Besuch war da“; Verwandte, Freunde. Um seine Rückkehr die „Normalität“ zu feiern.

„Seit dem Drama ein anderer geworden“
Jetzt wird es langsam dunkel, Zdravko sitzt in einem Pub, er wirkt traurig, obwohl er lächelt. Die paar Hundert Schritte hierher seien ihm nicht leicht gefallen, erzählt er, „und sowieso: Ich fühle mich ein wenig überfordert. Weil ich merke, dass ich seit dem Drama doch irgendwie ein anderer geworden bin.“

Sein Drama: Am 8. Mai wurde der Lagerlogistiker in einer U-Bahn-Station von einem ihm völlig Fremden vor einen Zug gestoßen; er erlitt schwere Verletzungen an der rechten Schulter, und - er verlor einen Fuß.

Im August sorgte der 36-Jährige durch ein „Krone“-Interview für Aufsehen. „Ich habe dem Mann verziehen, denn er ist psychisch krank“, sagte er über den Täter - der später tatsächlich für unzurechnungsfähig erklärt wurde. Womit Zdravko kein Geld für Wiedergutmachung einfordern konnte. Trotz der immensen seelischen und körperlichen Schmerzen, die ihm zugefügt wurden. „Die Dimension des Geschehenen wird mir laufend mehr klar“, sinniert der Angestellte nun.

Ungewiss, „wann ich wieder arbeiten darf
Die Beinprothese „tut weh“. Ein Gehen ohne Krücke - bislang unmöglich. Hinzu kommen finanzielle Probleme: „Die Krankenkassa-Zahlungen sind natürlich geringer als mein früherer Lohn.“ Und ungewiss, „wann ich wieder arbeiten darf“. Weitere OPs und Therapien werden notwendig sein.

Sein Schicksal, „es ist schwieriger zu meistern, als ich bis vor Kurzem gedacht hatte“. Im Weißen Hof, erklärt er, „fühlte ich mich unbeschwerter“; ständig betreut von Fachpersonal und umgeben von Menschen mit - zum Teil - schwersten Behinderungen. Seine eigene Versehrtheit sei ihm damit „fast banal vorgekommen“, und „eigentlich erst gerade eben“ habe er begriffen, dass in seinem Leben nichts mehr so ist, wie es vor der Tragödie war. Dennoch - „ich werde mich nicht fallen lassen“.

„Ich hoffe, dass der Täter gesund wird“
Ja, er freue sich auf Weihnachten. „Und ja, ich bin im Reinen mit mir“ - und mit dem Mann, der ihm Schreckliches angetan hat. Denkt er oft an ihn? „Eher selten.“ Und wenn doch? „Ich hoffe, dass er gesund wird.“ Was wünscht sich Zdravko für sich selbst? „Glück. Mein Spitzname ist ,Lucky‘, und ich will ihn behalten.“

Martina Prewein, Kronen Zeitung

BAWAG-Spendenkonto für Zdravko Ivanovic: AT53 6000 0103 1025 9565.

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