24.12.2019 06:02 |

Bischof Krautwaschl:

„Das wichtigste Weihnachtsgeschenk ist Zeit“

„Es gibt da jemanden, der dich gern hat. Das ist Gott. Er ist immer für uns da.“ Der steirische Diözesanbischof Wilhelm Krautwaschl spricht im Weihnachtsinterview über die Heilsbotschaft, das Faszinierende des 24. Dezember sowie über schöne und traurige Erinnerungen aus seiner Kindheit an den Heiligen Abend.

„Krone“: Was ist für Sie das Faszinierende an Weihnachten?
Wilhelm Krautwaschl: Für mich ist es berührend zu sehen, wie viele Menschen am Heiligen Abend in den Grazer Dom kommen und wie viele dann vor der Krippe stehen. Und alle fragen sich, egal, wie groß die Krippe ist: Wo ist das Jesuskind? Wo ist also dieser innerste Punkt? Man sucht diese Mitte. Das heißt für mich: Mein Leben bekommt Orientierung, wenn ich diese Mitte, die Jesus selbst ist, gefunden habe.

Stellen Sie sich vor, ich wäre ein vierjähriges Kind: Wie würden Sie mir die Heilsbotschaft erklären?
Ich würde sagen: Bei mir spürst du, dass ich dich gern habe. Und dass es selbst wenn ich nicht da bin noch jemanden gibt, der dich gern hat. Das ist Gott. Er ist immer für uns da, er ist jemand, der an unserer Seite ist, der mit uns geht und der uns an der Hand nimmt, indem er Mensch wird.

Erinnern Sie sich bitte zurück an den 24. Dezember Ihrer Kindheit. Sieht man das Fest mit Kinderaugen anders?
Mir fällt dreierlei ein. Zum einen habe ich als Kind einmal eine Autorennbahn geschenkt bekommen, die nicht funktionierte - worauf ich Rotz und Wasser geweint habe. Dann erinnere ich mich daran, wie groß meine Freude war, als am 24. Dezember im Fernsehen ein Rund-um-die-Uhr-Programm mit vielen schönen Sendungen lief. Die dritte Geschichte ist mir besonders nahegegangen: Mein Vater - er war ein Bestatter - musste einige Jahre hindurch am Nachmittag des 24. Dezember Selbstmörder abholen. An solchen Abenden singt man „Stille Nacht“ ganz anders.

Was wünschen Sie als katholischer Bischof jenen Menschen, die aufgrund solcher Situationen keine „frohen Weihnachten“ haben?
Ich wünsche meistens „gesegnete Weihnachten“. Das nimmt die Schärfe, dass ich einzelne Lebenssituationen nicht ernst oder wahrnehme. Weil „gesegnet“ heißt, dass Gott mit dir ist. Und damit ist im Grunde genommen jede Gottesferne, jedes Weitwegsein, jedes Leid aufgefangen. Wir brauchen Hoffnung, weil wir ohne Hoffnung nicht leben können.

Wenn durch tragische Ereignisse auch Ihr Glaube erschüttert ist: Haben Sie ein Ritual, wie Sie mit dieser Erschütterung umgehen?
In solchen Momenten zünde ich eine Kerze an. Trotz der Nacht, die ich erfahre, lasse ich mir dann die Empfindung zukommen: Es gibt auch Licht.

Wie werden Sie den Heiligen Abend begehen?
Gemeinsam mit dem Landeshauptmann besuche ich das Grazer Vinzidorf für Obdachlose, dann eine Kinderstation im Krankenhaus. Anschließend bin ich bei „Licht ins Dunkel“, danach geht es in den Pfarrhof und um 23 Uhr zur Mette. Aber ich schaffe mir auch an so einem Tag Freiräume. Es kann sein, dass ich irgendwann irgendwo auftauche: etwa an Orten, wo das Weihnachtsfest mit einsamen Menschen gefeiert wird.

Wenn Sie uns ein besonderes Geschenk machen wollten: Was ist das wichtigste Weihnachtspräsent?
Zeit! Am 25. Dezember nehme ich mir Zeit und besuche meine Mutter. Zu meinen Geschwistern sage ich: Schauen wir, dass wir einmal im Jahr einen Tag miteinander verbringen können. Das ist unser Weihnachtsgeschenk - auch wenn es dann meistens schon März oder April ist. Zuhören, die Hände halten, miteinander traurig und fröhlich sein - das sind für mich kostbare Geschenke.

Oliver Pokorny und Gerald Schwaiger, Kronen Zeitung

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