Harmlos?

Honda VFR 1200 – ein Motorrad wie Mona Lisas Lächeln

Motor
02.07.2010 08:56
Beinahe monolithisch steht sie da, die neue Honda VFR 1200, als Gesamtkunstwerk. Da hat ein Bike 173 PS, Mörderdrehmoment, Kardanantrieb, ausgeklügelte Luftführung, einen V4-Motor mit 16 Ventilen, wovon die Hälfte erst ab knapp 4.000 Touren arbeitet – und dann hat es nichts, aber auch gar nichts Räudiges, Böses. Geht das?

Die VFR hat was von der Mona Lisa: Die wirkt auch harmlos, aber ihr Lächeln deutet an, dass sie es faustdick hinter den Ohren hat. Nun ist die Dame leider auf da Vincis Leinwand gebannt, die VFR lässt sich leichter ergründen – ist aber (Achtung Wortwitz!) auch leiwand.

Handlich und flink
Wer sich von der gefühlten Föhnwelle nicht abschrecken lässt, sondern sie vielleicht sogar cool findet, wird mit Fahrspaß belohnt, und einem Handling, wie man es sich von einem Sporttourer nur wünschen kann. Als ich nach dem ersten Ausflug in den Papieren 267 Kilo Lebendgewicht gelesen habe, war ich tatsächlich überrascht, ich hätte 30 weniger geschätzt, so handlich und flink fährt sich die fesche Japanerin. Diese Leichtigkeit erinnert an die Fireblade.

Bis knapp 4.000 Touren gibt sie die brave Geisha, unterstützt den Fahrer souverän, hält sich akustisch zurück; darüber – wenn alle 16 Schleusen offen sind - wird der Spruch härter, wenn auch nicht ganz derb. Dafür schiebt Mona Geisha mit umso mehr Nachdruck an. Die Ventilzuschaltung passiert im Vergleich zur kleinen VFR deutlich harmonischer. Auch hier fühlt es sich ein wenig an, wie wenn plötzlich Turbopower einsetzen würde, die Kraft steigert sich aber sanfter. Was auch für den Sound gilt.

Das Ergebnis dieser tollen Technik: Mit zwei Ventilen pro Zylinder hat der V4 unten herum genug Kraft, wobei ab 4.000/min. 90 Prozent des maximalen Drehmoments zur Verfügung stehen, und das sind immerhin 129 Nm bei 8.750/min.

Voll-Throttle
Das Handgelenk des Fahrers ist elektronisch mit der Einspritzanlage verbunden, Throttle-by-Wire heißt das. Hat nichts mit der Intelligenz des Sattelsitzers zu tun, sondern bedeutet, Gasbefehle werden nicht durch Zug am Kabel, sondern per Elektroimpulse durch selbiges hindurch übertragen. Solcherart strömen die Impulse, bis im ersten Gang bei 110 km/h der Begrenzer eingreift. Im zweiten sind es 165, im dritten 209 km/h. Wir wollen das jetzt nicht in Euro umrechnen.

Gebremst wird serienmäßig mit dem zu Recht vielgelobten C-ABS an Doppelscheibe mit schwimmenden Sechskolbenbremszangen vorn und einer Scheibe mit Zweikolbenzange hinten, wobei sich die Anlage sehr feinfühlig dosieren lässt, was auch für das Ansprechen des ABS gilt. Die Kupplung ist mit dem gleichen System auf Antihopping getrimmt wie an der Fireblade.

Nicht ganz so feinfühlig ist die Gasannahme aus dem Schiebebetrieb, etwa im Stau. Auch der Kardanantrieb schlägt leicht, wenn man mit 2.000 Touren dahinzuckelt. Verständlich, die VFR will frei aufspielen, sich den Wind um die stylische doppellagige Verkleidung wehen lassen.

Die ist tatsächlich nicht nur schick, sondern auch durchdacht. Sie kühlt den Motor, lenkt heiße Luft vom Fahrer ab, soll dazu Wirbelbildung verhindern und bei hohem Tempo das Fahrverhalten stabilisieren. Lustiger Nebeneffekt: Steht man mit heißem Motor im Regen an der Ampel, beschlägt der linke Rückspiegel.

Apropos: So sollten alle Motorradrückspiegel geschnitten sein, man sieht richtig gut an den eigenen Schultern vorbei. Auch ansonsten ist die Bedienung hervorragend – wenn man sich an den neu platzierten Blinkerknopf gewöhnt hat, der jetzt da ist, wo sonat die Hupe ist. Ich wollte es nicht wahrhaben, aber anfangs habe ich ein paar Mal gehupt statt zu blinken. Da ist BMW endlich einsichtig geworden und verbaut seit Neuestem konventionelle Blinker – jetzt fängt Honda mit Spirenzchen an. Wer nicht ständig das Motorrad wechselt (wie ein Motorjournalist zum Beispiel), wird damit aber kein Problem haben.

Was die VFR nicht gern hat, ist rangieren oder auf engstem Raum wenden, da ist der hoch aufragende Tank im Weg, obwohl er nur magere 18,5 Liter fasst. 

Also noch mal: Geht das?
Um auf die eingangs gestellte Frage zurückzukommen: Ja, es geht, wenn man nicht auf martialische Outfits und Totenköpfe auf dem Helm steht. Wenn es hinter Mona Lisas lächelnder Fassade auch so heiß hergegangen ist, muss es die Dame ganz schön lustig gehabt haben…

Stephan Schätzl

Warum?

  • Sehr kräftiger, sauberer Motor.
  • Stabil bei hohem Tempo, agil in Kurven.

Warum nicht?

  • Tank mit geringem Volumen, der aber trotzdem bei extremem Lenkereinschlag im Weg ist.

Oder vielleicht …

… mit der VFR mal den Louvre besuchen?

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