01.12.2019 11:39 |

Schlagfertig

Grubinger: „Voller Wunden, die Ideale vergessen“

Es war der 18. Juli 1816: Vor der Westküste von Afrika entdeckt der Kapitän der Argus ein etwa zwanzig Meter langes Floß. Was er darauf sieht, lässt ihm das Blut in seinen Adern gefrieren: hohle Augen, ausgedörrte Lippen, Haare, starr vor Salz, verbrannte Haut voller Wunden und Blasen Die ausgemergelten, nackten Gestalten sind die letzten 15 von ursprünglich 147 Menschen, die nach dem Untergang der Fregatte Medusa zwei Wochen auf offener See überlebt haben.

Diese Zeilen stammen aus Franzobels Buch „Das Floß der Medusa“. Warum kam mir gerade das in den Sinn?

29. November 2019, 22 Uhr.Ein Sozialdemokrat entdeckt eine Nachrichtensendung. Was er dort sieht, lässt ihm das Blut in den Adern gefrieren. Hohle Phrasen, starrer Blick ohne jedes Feuer und Leidenschaft.

Die stellvertretende Parteivorsitzende der SPÖ wirkt, als hätte sie ein Schiffsunglück überlebt. Und wie die Überlebenden der Medusa scheinen auch die Verantwortlichen der SPÖ auf der politischen Kommandobrücke jeglichen inneren Kompass über Bord geworfen zu haben.

Die SPÖ, einstmals stolze Kämpferin für Leistung, Gerechtigkeit, Fortschritt und Zusammenhalt, ist nur mehr ein Schatten ihrer selbst. Ihre Repräsentanten ringen mit ihren Worten, weil sie nicht mehr wissen, was uns Bürger tagein tagaus bewegt.

Im Umgang mit ihren Mitarbeitern vergisst die Sozialdemokratie jene Ideale, für die die Arbeiterbewegung 100 Jahre gekämpft hat und ihre Gründer Verfolgung, Haft und die Bedrohung von Leib und Leben in Kauf nehmen mussten. 27 Mitarbeiter erfuhren vergangene Woche von ihrer bevorstehenden Kündigung - per E-Mail.

Sie bezahlen den Preis nicht nur für eine aufgrund von Misswirtschaft und politischer Inkompetenz verlorenen Wahl. Nein, die SPÖ hat seit langem aus den Augen verloren, für was es sich zu kämpfen lohnt.

Und für wen.

Nicht für Parteifunktionäre, nicht für rote Manager mit Megagehältern in staatsnahen Betrieben, nicht für parteipolitische Seilschaften in Wiener Außenbezirken und nicht für hoch dotierte Beraterverträge.

Während die Partei mit sich selbst beschäftigt ist, ihre Vorsitzende wechselweise beschädigt und dann wieder wortreich in ihrer Position bestätigt, finden Eltern keinen Betreuungsplatz für ihre Kinder, müssen ältere Menschen 30 Kilometer zum nächsten Arzt fahren, weil im eigenen Dorf keine medizinische Versorgung bereitgestellt wird. Kann eine junge Familie mit durchschnittlichem Einkommen von einer Wohnung in Salzburg-Stadt nur träumen, weiß die Alleinerziehende Mutter zum Ende des Monats nicht mehr, wie sie ihre Rechnungen zahlen soll und arbeiten ausländische Pflegekräfte unter unzumutbaren Bedingungen zu Löhnen, ein gutes Stück unter dem, was aufrechte Sozialdemokraten als einen menschenwürdigen Mindestlohn bezeichnen würden.

Es geht nicht darum, wer die Sozialdemokratie führt, wer das Vorsitzendengehalt bezieht oder die parteiinternen Posten vergibt. Es geht darum, wer bereit ist, tagtäglich mit Haut und Haar für jene einzustehen, denen man viel zu lange aus Ignoranz, Opportunismus, Desinteresse und fehlendem Fleiß aus dem Weg gegangen ist.

Es gibt sie. Sie hackeln in Gemeinderäten, engagieren sich in Bürgerinitiativen, kämpfen in Betriebsräten für die Rechte ihrer Kollegen, opfern im Ehrenamt ihre kostbare Freizeit, ohne dabei das eigene Fortkommen im Auge zu haben. Auch sie wollen den inhaltlich ausgemergelten, nackten Funktionärsgestalten nicht mehr länger zuhören.

Es wird Zeit, dass sie selbst ihre Stimme erheben.

 krone.at
krone.at
Kommentare
Eingeloggt als 
Nicht der richtige User? Logout

Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung.

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB).

Salzburg
Dienstag, 21. Jänner 2020
Wetter Symbol

Produktvergleiche

Alle Produkte sehen
Ihre Cookies sind deaktiviert. Die Seite wird daher möglicherweise nicht korrekt angezeigt.