30.11.2019 18:24 |

krone.tv-Reportage

Wie der „Schenk-Stress“ viele in den Ruin treibt

Die Tage zwischen „Black Friday“ und dem ersten Adventsonntag sind für Schnäppchenjäger ein Highlight - für die Händler sowieso. Die Schuldnerberatung warnt: In den kommenden Wochen ist die Versuchung besonders groß - und viele treibt der „Schenk-Stress“ sogar in den Ruin. Ein Streifzug durch die vorweihnachtliche Großstadt.

Startschuss für den Wahnsinn: Der „Black Friday“ mit Sonderangeboten online und im „real life“. Bei einem Elektronik-Großhändler in Wien stehen Kunden schon eine Stunde vor Öffnung des Marktes Schlange. Die penetrant-geniale Werbung hat ihren Zweck erfüllt. Bei diesen Angeboten muss man einfach zugreifen. Für viele ist es der Tag der Schnäppchen, für den Handel ist der aus den USA importierte „Black Friday“ der Startschuss fürs Weihnachtsgeschäft.

Rainer Trefelik, Obmann der Sparte Handel in der Österreichischen Wirtschaftskammer, rechnet mit gleichbleibenden Umsätzen unter schwierigen Bedingungen. In Zahlen ausgedrückt sind es 1,2 Milliarden Euro, die im Advent in Geschenke investiert werden, pro Kopf und Nase sind das 350 Euro.

„Bitte kaufen Sie ihre Weihnachtsgeschenke lokal“
Im Luxustempel „Popp und Kretschmer“ am Beginn der Nobeleinkaufsmeile Kärntner Straße treffen wir den Obmann in seinem Geschäft. Er appelliert an die Kunden, nachhaltig, sprich lokal zu kaufen. „Wir alle, jeder von uns ist Konsument und entscheidet mit seinem Einkaufsverhalten, wie die Einkaufsstraße, das Umfeld und das Grätzl in den nächsten Jahren ausschauen. Der Händler braucht das Vertrauen der Konsumenten, daher lade ich alle ein: Bitte kommen Sie in die Wiener Geschäfte und kaufen Sie ihre Weihnachtsgeschenke lokal in Wien ein“, so Trefelik.

„Es wäre schön, wenn die Menschen vorm Einkauf zu uns kommen würden“
Allein die Wiener geben 335 Millionen Euro für Weihnachtsgeschenke aus. Viele tappen dabei in die Schuldenfalle. Laut Wiener Schuldnerberatung schnellt jedes Jahr nach den Feiertagen - also dann im Jänner und Februar - die Zahl der Hilfesuchenden in die Höhe. Für sie ist das Weihnachtsgeld willkommener Anlass, das Konto zu überziehen. Die Zinsen dafür sind hoch, zu hoch für viele: „Es wäre schön, wenn die Menschen vorm Einkauf zu uns kommen würden. Dann könnten wir sagen: ‚Leute, überlegt euch, was ihr euch da kaufen wollt‘“, so Christian Neumayr, Geschäftsführer der Wiener Schuldnerberatung. Er macht genau diesen Menschen Mut: „Wir sind garantiert in der Lage, Ihnen zu helfen. Und den Kopf in den Sand zu stecken ist die schlechteste Antwort. Bitte, kommen Sie zu uns. Wir beißen nicht.“

Schuldnerberatung rät zum Kauf mit Bargeld
Ein Flatscreen um 800 Euro billiger, ein iPhone auf Raten - und dann noch allerlei Krimskrams für Verwandte und Freunde. Der Advent ist eine Zeit, in der „Schenk-Druck“ aufgebaut wird. „Wer will schon ohne Geschenke bei seinen Liebsten stehen. Da muss man einfach aufpassen, auf das Konto schauen. Ich sollte nicht mehr ausgeben, als ich habe.“ Ein Tipp vom Fachmann: „Eine Möglichkeit ist, mit Bargeld zu zahlen. Da merkt man viel mehr, was gebe ich her. Das spüre ich.“ Anders als mit einer Kreditkarte, die man einfach durchzieht.

Auch in den Geschäftsstraßen rund um den Wiener Stephansdom brummt das Geschäft. Dompfarrer Toni Faber zeigt Verständnis für den Konsum, der Handel lebe schließlich davon. Im Inneren des Doms, wo Menschen innehalten und ins Gebet versunken sind, weist Faber auf den wahren Sinn des Weihnachtsfestes hin: „Es geht nicht nur um die Sachen, sondern es geht um die Menschen.“ Ein knapper Slogan soll dabei helfen: „Mach‘s wie Gott, werde Mensch. Also begegne dem Menschen gegenüber, dann machst du es richtig.“

Passanten erzählen, wie sie Weihnachten feiern. Meist bescheiden, mit kleinen Geschenken als Zeichen, dass man an jene denkt, die man liebt. „Der Übergang von Konsum zum Brauchtum ist auch schwierig, aber es ist trotzdem eine schöne Zeit“, sagt ein Herr im Vorbeigehen. Eine Dame erklärt: „Kleine Kinder haben wir keine mehr, deswegen kriegt jeder eine Kleinigkeit.“ Ein Mann, der gerade sein Auto eingeparkt hat, ist wunschlos glücklich: „Ich brauche keine Geschenke und ich kaufe auch keine. Das macht meine Frau, da mische ich mich nicht ein“, schmunzelt er.

Zwischen diesen Extremen werden die kommenden vier Wochen bis zum Heiligen Abend immer stehen: Überfluss und Bescheidenheit, Konsumwahn und Schulden, Gott und die Welt.

Alexander Bischofberger-Mahr
Alexander Bischofberger-Mahr
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