„sam“ schlichtet

Konflikte zwischen Obdachlosen und Passanten

Der öffentliche Raum ist für alle da. Jedoch wird er von verschiedenen Personengruppen unterschiedlich genutzt. Während manche nur schnell von A nach B wollen und deswegen den Bahnhof überqueren, haben diesen Platz obdachlose oder suchtkranke Menschen aus Mangel an Alternativen als ihren Lebensraum auserkoren. Das kann zu Missverständnissen und Konflikten führen. Diese zu klären und dabei zu vermitteln ist eine der Aufgaben der Teams der Mobilen Sozialen Arbeit im öffentlichen Raum der Suchthilfe Wien . City4U hat die Mitarbeiter von „sam“ auf einer Tour begleitet.

62.522 Interventionen haben die mobilen Teams von „sam“, „help U“ und „streetwork“ im vergangenen Jahr geleistet. Dabei haben sie 139 Orte in ganz Wien besucht und Kontakt mit 85.236 Menschen im öffentlichen Raum aufgenommen. „Der öffentliche Raum ist nicht überall zweckgewidmet“, erklärt Elisabeth Odelga im City4U-Interview, die die „sam“ und „helpU“-Teams leitet. „Jeder Mensch darf am Hauptbahnhof sein. Jedoch können sich die Bedürfnisse der verschiedenen Gruppen in die Quere kommen.“ Manche Passanten fühlen sich zum Beispiel vom Aufenthalt von obdachlosen oder alkoholkranken Gruppen unangenehm berührt, bedrängt oder gestört. Bei vielen entsteht der Wunsch, dass diesen Personen geholfen wird. „sam“, das für „sozial - sicher - aktiv - mobil“ steht, bietet professionelle Hilfe für diese marginalisierte Menschen im öffentlichen Raum und unterstützt gleichzeitig die Bewohner und Anrainer in der Umgebung. Eines der Ziele ist auch, obdachlose und kranke Personen zu erreichen und sie ins Sozialsystem zu integrieren.

„In der mobilen Sozialarbeit gehen wir dorthin, wo die Menschen sind. Wir nehmen den Kontakt mit ihnen auf, versuchen Vertrauen aufzubauen. Das ist oft ein langer Weg“, beschreibt Odelga. Am Hauptbahnhof ist eines der vier „sam“-Teams unterwegs. In diesem Jahr feiern sie ihr fünfjähriges Bestehen. Bei der Tour rund um den Hauptbahnhof und die angrenzenden Parks ist alles ruhig. An diesem Tag sind weder obdachlose noch alkoholkranke oder andere marginalisierte Gruppen zu sehen. „Wir arbeiten am Hauptbahnhof auch präventiv, damit Probleme erst gar nicht entstehen. EU-Bürger kommen oft mit falschen Erwartungen nach Österreich. Die Mitarbeiter unserer Teams, die zahlreiche Sprachen sprechen, vermitteln dann entsprechende Hilfsangebote“, erklärt Guido Fritz, der Leiter des Teams „sam hauptbahnhof“.

Fritz ist seit 2009 als Sozialarbeiter bei „sam“ tätig. „Die Stadt Wien tut sehr viel. Es gibt heute mehr Ressourcen, eine bessere Versorgungslage, Armut und Sucht ist weniger sichtbar. Deswegen fühlen sich manche umso mehr von marginalisierten Gruppen gestört, wenn sie dann einmal zu sehen sind.“ Eine der Aufgaben der Mitarbeiter von „sam“ ist, die Passanten für andere Lebenswelten zu sensibilisieren. „Dass es Beschwerden gibt und viele Menschen auf uns zukommen, zeigt aber auch, dass Empathie da ist und Anrainer und Geschäftsleute sich um diese Menschen sorgen“, findet Wolfgang Krikula, der Leiter des Teams „sam flex“, das unter anderem rund um den Bahnhof Meidling unterwegs ist.

„sam“ ist sieben Tage die Woche und zu bedarfsorientierten Zeiten im öffentlichen Raum präsent. Meist sind sie in Zweier-Teams im Einsatz und halten sich den größten Teil ihrer Arbeitszeit im „Außendienst“ auf. Jeder Klientenkontakt muss danach im Büro in Berichten festgehalten werden. Die Anzahl der Klienten pro Dienst ist stets verschieden. „Man kann die Quantität jedoch nicht mit dem Arbeitsaufwand gleichsetzen. An manchen Tagen haben wir zahlreiche Klientenkontakte, die rasch erledigt werden können. Dann gibt es jene, die schwierig sind und über einen längeren Zeitraum unsere Arbeit beanspruchen“, beschreibt Fritz.

Mittlerweile drehen wir die Runde im 12. Bezirk. „Man muss in diesem Beruf natürlich immer eine professionelle Distanz wahren. Dabei die richtige Balance zu finden, ist sicherlich nicht immer einfach“, weiß Odelga aus Erfahrung. „Es kommt aber natürlich auch vor, dass das Verhalten von Klienten irritierend ist oder man sich manchmal sogar ärgert. Es ist jedoch wichtig, dass sie sehen, dass wir keine emotionslosen Menschn sind und auf ihr Verhalten regieren und ihnen auch eine Außenansicht über ihr Handeln bieten“, sagt Krikula dazu. „Wir sind aber nicht ihre Freunde, die mit ihnen Freud und Leid teilen“, betont Fritz. Man dürfe natürlich auch nicht blauäugig in diesen Beruf einsteigen, meint Fritz: „Erfolgserlebnisse sind meist Kleinigkeiten. Zum Beispiel, wenn ich jemanden dazu bewegen kann, ins Krankenhaus zu gehen.“

Dezember 2019

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Viktoria Graf
Viktoria Graf
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