Ehemalige Tänzerin

Diese Klofrau ist der wahre Star am Burgtheater

Der eigentliche Star im Burgtheater steht nicht vor oder hinter der Bühne, sondern arbeitet auf der Damen-Toilette, Parkett rechts: Veronika Fileccia. Das Wiener-Original ist dort seit mehr als 20 Jahren die Klofrau. Davor war sie Revue-Tänzerin und Stripperin. Mittlerweile wird sie sogar auf der Straße erkannt, weil die Medien so oft und gerne über sie berichten. Wie auch die City4U-Redaktion, die Fileccia an ihrem Arbeitsplatz im Burgtheater besucht und mit ihr über ihr bewegtes Leben gesprochen hat.

Plötzlich steht sie da. Eine kleingewachsene Frau, die den Raum und alle Personen jedoch sofort einnimmt. „Wir müssen noch auf meine Pressesprecherin warten“, sagt Fileccia. Die Interviews, die Medienanfragen - das alles ist für sie bereits Routine. Profil, Barbara-Karlich-Show, ServusTV, deutsche Medien: Jeder will ein Interview mit der ehemaligen Stripperin, die nun die längstdienendste Klofrau am Burgtheater ist. „Ich bin heute ein bisschen durch den Wind. Am Vormittag war ich beim Krafttraining. Die wollen ja, dass ich bis 70 arbeite“, erzählt sie mit lauter Stimme. „Aber eine eigene Fernsehshow. Sowas könnte ich mir vorstellen. Das wäre schon was für mich.“ Medienanfragen nimmt sie in diesem Jahr jedoch keine mehr an. Wir sind die letzten. Glück gehabt!

Es ist 18.30 Uhr und in eineinhalb Stunden beginnt die Vorstellung. Die Toilette ist blitzblank und bereit für die Besucheranstürme ab 19.30 Uhr. Im Moment sind nur die Mitarbeiter da, jeder kennt und grüßt sich. „Ich arbeite jetzt seit dem 1. September 1997 hier. Ich habe fünf Direktoren miterlebt. Natürlich hat sich viel verändert, aber ich bin ein positiver Mensch, schon immer gewesen.“ Mit 18 Jahren ging Veronika Fileccia von Wien nach Italien. „Dort habe ich in einer Revue getanzt und auch gestrippt. Keine hat sich das getraut, aber ich schon“, sagt sie. Schließlich ging es mit der Tanzgruppe auf Tour in den Nahen Osten nach Libanon und Syrien. „Es war eine wunderschöne Zeit, aber man musste sich halt alles richten. In Syrien durfte man damals zum Beispiel nur zwei Stunden pro Tag hinausgehen. Mit Geld konnte man das jedoch regeln. Wenn es mit dem Geld nicht mehr ging, dann legte man sich eben einmal hin. Es war eine schöne Zeit, aber man musste hart sein.“

Ihre Träume hätte sie sich verwirklicht, sagt die Wienerin. Das war ihr immer wichtig. „Als Kind wollte ich immer Tänzerin oder Klofrau werden. Jetzt hab ich beides geschafft“, lacht Fileccia, die als Hausmeister-Tochter aufgewachsen ist und von klein auf gelernt hat, anderen zu helfen, zu grüßen und gerne unter Menschen zu sein. Die Vergangenheit als bewunderte, gut verdienende Tänzerin kann man aber nicht mit der Gegenwart vergleichen: „Ich hab viel verdient, aber das Geld auch mit vollen Händen ausgegeben. Jetzt verdiene ich zu wenig zum Leben und zu wenig zum Sterben.“ Ohne das Trinkgeld von den Gästen würde sie auf keinen Fall über die Runden kommen. „Die meisten sind eh brav und lassen sich nicht lumpen. Früher war es aber schon anders. Da haben mir die alten Damen ein Weihnachtsgeld als Anerkennung gegeben. Das gibt es heute nicht mehr“, findet die resolute Frau.

So manches Klischee bestätigt sich in den heiligen Hallen der Damen-Toilette übrigens regelmäßig: „Die Damen mit den teuersten Designer-Taschen geben oft kein Trinkgeld. Die, die das meiste Parfum tragen und am stärksten geschminkt sind, waschen sich nicht einmal die Hände. Stattdessen ziehen sie nur den Lippenstift nach“, ärgert sich Fileccia. „Am schlimmsten ist es aber, wenn die vom Christkindlmarkt hinüberkommen und betrunken sind. Die kotzen dann mein Klo voll und geben mir dann nicht einmal Trinkgeld.“

Mittlerweile wird sie häufig auf der Straße erkannt. „Nachdem ich in den Medien war, kommen Abo-Kunden zu mir und sagen, wie stolz sie auf mich seien. Ich bin eben eine ehrliche Person.“ Die Wienerin nimmt sich auch kein Blatt von den Mund, wenn Zuschauer, schockiert von der Handlung einer Tragödie, während der Vorstellung zu ihr auf die Toilette flüchten: „Die sagen dann ,Oh Gott. Dieses Stück, ich habe ja eh schon Depressionen.‘ Dann antworte ich ihnen ,Dann bleibens lieber daheim‘. Ich nehme mir da kein Blatt vor den Mund.“ Wien und die Wiener seien überhaupt anders. „Je schlechter die Kritik über ein Stück in der Krone ist, desto mehr Leute kommen dann, weil sie sich fragen, ob das wirklich so ein ,Schaß‘ ist“, lacht sie.

Putzen tut die Klofrau übrigens nicht gerne, was man an ihrem Arbeitsplatz natürlich nicht merkt. Hier glänzt und duftet alles. Auch vom Theater ist sie kein Fan. „Ich bin eher für das Musical oder Kabarett.“ Vor allem aber will sie gerne selber auf der Bühne stehen oder wieder modeln. „Ich war bis zu meinem 43. Lebensjahr ja auch als Bauchtänzerin unterwegs, aber irgendwann muss man damit aufhören.“ Seit kurzem hat sie ein Enkelkind und ist stolze Oma. In der Pension würde sie gerne für ein halbes Jahr nach Kreta gehen. Doch bis dahin bleibt sie weiter der heimliche Star des Burgtheaters. „Ich verlasse das Haus auch immer als Letzte. Ich bin ja der Captain.“

November 2019

Was meint ihr dazu? Postet uns in den Kommentaren oder schreibt uns mit Hashtag #City4U auf Facebook, Twitter oder Instagram!

Viktoria Graf
Viktoria Graf
Kommentare

Liebe Leserin, lieber Leser,

die Kommentarfunktion steht Ihnen ab 6 Uhr wieder wie gewohnt zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen
das krone.at-Team

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB).

Mehr