17.11.2019 04:00 |

„Krone“-Kommentar

Die Sorgen von morgen

Der November ist der „grauste“ aller Monate. Nieselregen auf Frostboden, lange Dunkelheit und dichter Nebel trüben die Stimmung. Viele fühlen sich niedergeschlagen und verletzlich. Und da passiert es schnell, dass man ins Nachdenken gerät. Die Gedanken kreisen, und plötzlich sind sie da, die Sorgen von morgen. Herausforderungen, die noch in weiter Ferne liegen, türmen sich zu einem unüberwindbaren Berg, und wir fühlen uns schwach und verloren.

Das Grübeln fängt klein an: „Wie schaffe ich all die Arbeit vor den Weihnachtsferien?“ „Wie kann ich nebenher noch das Weihnachtsfest samt passenden Geschenken organisieren?“ Es weitet sich aus: „Wie oft werden wir Weihnachten noch zusammen verbringen?“ „Wie geht es im Alter weiter?“ „Haben wir ausreichend vorgesorgt für Unfall, Berufsunfähigkeit, Krankheit für die Kinder?“ Ein Schatten legt sich über uns und begleitet uns durch schlaflose Nächte. Sorgen nehmen unser Leben in den Griff.

Wenn es mir manchmal so geht, dann denke ich an Beppo, den Straßenkehrer, aus Michael Endes Kinderbuch „Momo“. Und an seinen Rat: „Siehst du, Momo, manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich. Man denkt, das kann man niemals schaffen. Und dann fängt man an, sich zu eilen und immer mehr. Und jedes Mal, wenn man aufblickt, sieht man, dass es gar nicht weniger wird, was noch vor einem liegt. Man strengt sich immer mehr an, man kriegt es mit der Angst zu tun, und zum Schluss ist man völlig aus der Puste und kann nicht mehr. Und die Straße liegt immer noch vor einem. So darf man es nicht machen. Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken. Man muss an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Dann macht es Freude. Auf einmal merkt man, dass man Schritt für Schritt die ganze Straße gemacht hat, und man hat gar nicht gemerkt, wie.“

Es ist wichtig, den riesigen Sorgenberg in kleine Portionen aufzuteilen, die wir bewältigen können. „Ein Schritt, ein Atemzug, ein Besenstrich.“ In der Bergpredigt sagt Jesus: „Sorgt euch nicht um morgen – der nächste Tag wird für sich selber sorgen! Es ist doch genug, wenn jeder Tag seine eigenen Schwierigkeiten mit sich bringt.“

Natürlich können wir uns den Sorgen, die unsere Zukunft betreffen, nicht völlig entziehen. Aber wenn wir uns wieder einmal beim Grübeln ertappen, was übermorgen oder in ein paar Jahren auf uns zukommen könnte, dürfen wir uns stoppen: Heute ist heute. Ich kümmere mich um das, was jetzt ansteht. Gott ist für mich da. In jedem Fall. Denn: „Euer Vater im Himmel weiß, was ihr braucht. Sorgt euch zuerst um das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, dann wird er euch schon mit all dem anderen versorgen.“ (Mt 6,34)

Evangelische Vikarin Julia Schnizlein, Kronen Zeitung
julia.schnizlein[@]lutherkirche.at

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