10.11.2019 06:30 |

„Krone“-Kommentar

Freundlichkeit

Wenn ich mich in der Früh noch schlaftrunken auf mein Fahrrad schwinge oder wenn ich abends nach getaner Arbeit an der Supermarktkasse warte, kommt es vor, dass ich vor mich hin grantle. Der Fußgänger, der nur auf sein Handy schaut, drei Meter vor dem Zebrastreifen auf die Straße springt und mich zum Bremsen zwingt, ärgert mich genauso wie die Schlange von gefühlten 100 In-letzter-Minute-Einkäuferinnen. Alle Menschen sind mir zuwider und ich mir selber auch. Wenn ich mir dann einen Ruck gebe und den Fußgänger anlächle oder die Frau hinter mir in der Schlange, die nur ein Packerl Milch hat, frage, ob sie vor möchte, hat das einen erstaunlichen Effekt: Ich bin gleich besser aufgelegt. Vielleicht kennen Sie das auch?

Das ist kein Zufall, wie Studien zeigen. Die Hirnforschung nennt das „random acts of kindness“, „zufällige Akte der Freundlichkeit“. Und sie hat nachgewiesen, dass diese kleinen Nettigkeiten anderen, oft Wildfremden gegenüber unser Gehirn verändern (denn dieses entwickelt sich unser Leben lang, in der Fachsprache nennt man das Neuroplastizität). Wenn wir uns anderen gegenüber freundlich verhalten, wird Serotonin, das unter anderem unseren Gemütszustand steuert, ausgeschüttet, das Bindungshormon Oxytocin wird im Gehirn freigesetzt, und das Stresshormon Cortisol verringert sich. Die Folge: Wir fühlen uns energiegeladener, optimistischer, selbstbewusster, gelassener. Und eine Kettenreaktion wird ausgelöst. Ein kleiner Akt der Freundlichkeit stimmt nicht nur uns selbst, sondern auch unser Gegenüber freudig, das nun seinerseits andere freundlicher behandelt.

Diese heilsame und glücklich machende Wirkung der Freundlichkeit kennt schon die Bibel. „Freundliche Reden sind Honigseim, süß für die Seele und heilsam für die Glieder“, heißt es im Buch der Sprüche. Honigseim ist der ungeläuterte Honig, der direkt aus der Wabe herausfließt. Wenn wir die Freundlichkeit aus uns fließen lassen wie Honig aus der Wabe, dann ist das süß und heilsam für unser Gegenüber und für uns selbst.

So weit, so gut. Nur: Manchmal füllt der schale Geschmack des Grants den ganzen Mund aus. Wie soll ich da bloß freundlich sein? Mir persönlich hilft die Feier des Abendmahls im sonntäglichen Gottesdienst. Mit den Worten „Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist“ werde ich eingeladen. Der Geschmack von Brot und Wein, in der Gemeinschaft geteilt zu Jesu Gedächtnis, erinnert mich daran: Freundlichkeit kommt nicht aus mir, sondern kommt mir von Gott her zu. Die Dynamik der Freundlichkeit beginnt nicht bei mir, sie ist eine Initiative des menschenfreundlichen Gottes. Es ist Gottes Freundlichkeit in mir, die mich kleine Akte der Freundlichkeit setzen lässt.

Pfarrerin Maria Katharina Moser, Kronen Zeitung
maria.moser@evang.at

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