09.11.2019 17:48 |

Protz Blitz!

Bentley Flying Spur: Rennsänfte mit 12 Zylindern

Es braucht viel, um in Monte Carlo Passanten dazu zu bringen, einem Auto hinterherzuschauen. Hier, wo die Dichte an Bentleys so hoch ist wie anderswo die von VW Golf. Ferrari und Rolls-Royce statt Peugeot oder Skoda, den BMW fährt die Raumpflegerin. Klar, alles Klischees, aber wer hier wirklich dazugehört, hat einen guten Blick für den feinen Unterschied - und den macht der neue Bentley Flying Spur.

Leise gleitet er heran vor dem Hotel de Paris, fast wie ein Elektroauto. Möchte nicht mal jemand akustische Warnsignale für Zwölfzylinder fordern? Hinter dem mächtigen Kühlergrill grollt sich der überarbeitete Biturbo-W12 warm, sechs Liter pure Freude, die er bei Gelegenheit dank Klappenauspuff auch zu Gehör bringen darf. Ein Luxusmotor fast vom alten Schlag, zwar mit Zylinderabschaltung (WLTP-Verbrauch: 14,8 l/100 km), aber ohne elektrische Unterstützung, trotz 48-Volt-Bordnetz, das in anderen Modellen des Volkswagen-Konzerns auch zum Antrieb herangezogen wird.

Und doch arbeitet da vorne ein Elektromotor: Der lässt das Flying B, die Kühlerfigur, aus der Versenkung emportauchen und stellt es in den Wind, wo es auch noch beleuchtet wird. „Nimm das, Rolls-Royce!“ scheint dabei jedes Mal mitzuschwingen. Auch die LED-Matrix-Scheinwerfer, die aus geschliffenem Kristall funkeln, sind ein Blickfang. Klar, Kristall kennen wir auch aus Skoda-Scheinwerfern und BMW-Schalthebeln, aber diese Eleganz ist schon einzigartig. Ich schau dir in die Augen, Großer, und das gerne.

Ja, groß ist er, satte 5,32 Meter lang und etwas breiter als sein Vorgänger. Der Radstand ist 13 Zentimeter länger und beträgt jetzt 3,19 m. Es gibt Autos, die da dazwischen einparken könnten. Und es tut der Optik gut, denn der resultierende kurze Überhang vorne wirkt dynamisch.

Womit wir auch schon beim Thema Dynamik wären. Der Bentley Flying Spur basiert auf dem Porsche Panamera. Dadurch gehen sich die letzten drei Prozent geräusch- und schwingungsloser Schwebeluxus zwar nicht aus (weil Bentley aufgrund der geringen Produktionsstückzahlen die bestehende Hardware nutzen muss), dafür hat der Brite geschmeidige Sport-Qualitäten, die bisher nicht denkbar waren, ohne den Komfort zu kompromittieren. Und damit reden wir noch gar nicht vom W12-Motor, den es ja auch schon im Vorgänger gab, wenn auch mit geringfügig unterlegenen Leistungsdaten. Es bleibt bei 635 PS, das Drehmoment ist aber auf dampfhammerartige 900 Nm gestiegen, die bereits ab 1350/min. anliegen. Neuerdings über ein Achtgang-Doppelkupplungsgetriebe von ZF (statt der Wandlerautomatik) werden alle vier Räder angetrieben, wobei die vorderen im Normalfall bei Bedarf bis zu 480 Nm zugeteilt bekommen, im Sportmodus nur 280 Nm.

Aus dem Stand geht sich Tempo 100 in 3,8 Sekunden aus, 333 km/h Höchstgeschwindigkeit macht den Bentley Flying Spur zur schnellsten Luxus-Limousine der Welt. Die wird im sechsten Gang erreicht, Nummer sieben und acht sind Overdrives.

Dem Bentley die Sporen geben und ihn fliegen lassen. Entspannt.
Dreikammer-Luftfederung, aktiver Wankausgleich und Allradlenkung (Premiere in einem Bentley!) sind serienmäßig, alles vom Panamera, aber anders abgestimmt. Komfortabler. Und doch so auf Zack, dass sich der 2,4-Tonner (nach DIN) regelrecht anspitzen lässt, indem man an der edel funkelnden Rosette auf der Mittelkonsole dreht. Bei Bentley gibt es aber nicht so etwas Profanes wie Fahrmodi, hier stellt man das „Charisma“ ein. Auf „Comfort“ schweben wir aus dem verkehrsmäßig überlasteten Monte Carlo heraus. Sehr ausgewogen und weniger schaukelig ist die Normalstufe namens „Bentley“, eine Raste weiter führt zu Sport. Alle drei haben deutlich spürbare Ausprägungen. Den vollen Sport gibt der Flying Spur aber nur auf „Individual“ preis, denn nur hier lässt sich in den Charakter der Lenkung eingreifen.

Und dann: Protz Blitz! Als hätte der Wagen ein paar Hundert Kilo verloren, pfeilen wir selbst um enge Kurven im Hinterland der Jet-Set-Hauptstadt. Die Lenkung vermittelt viel Gefühl, die erhöhten Lenkkräfte vereinfachen sauberes Einlenken.

Elektronik macht das Auto kürzer und leichter
Die Allradlenkung ist weniger aggressiv abgestimmt als in anderen Fahrzeugen des VW-Konzerns, wo sie teilweise zu einem etwas „eckigen“ Einlenken führt. Im Bentley sorgt sie einfach dafür, dass sich das Auto etwas kürzer anfühlt, als es ist. Ähnlich ist es beim aktiven Wankausgleich: Er kaschiert das Gewicht, weil er die Seitenneigung der Karosserie in Kurven verringert, und das mehr oder weniger, je nachdem, welches Charisma eingestellt ist. Im Sportmodus muss man schon sehr schnell um Kurven herumräubern, um die 22-Zöller (Serie 21-Zöller) zum Quietschen zu bringen. Rauscht man doch einmal mit zu viel Speed in eine Kurve, stemmt sich die Elektronik gegen das Untersteuern. Fürs Verzögern sorgt übrigens die nach Herstellerangaben größte Gusseisenbremse der Welt, die vorderen Scheiben messen 420 mm.

Autonomer Fahrassistent? Steht auf der Gehaltsliste
Was die Assistenzsysteme betrifft, ist der Bentley nicht ganz auf dem neuesten Stand des VW-Konzerns. Autonotbremse, Totwinkelwarner, Adaptivtempomat und Spurhalter sind an Bord, ein teilautonomes System, das den Wagen in der Mitte der Fahrspur hält, gibt es nicht.

Wozu auch? Wer nicht selbst fahren will, lässt den Chauffeur ans Steuer und macht es sich auf dem klimatisierten Massage-Rücksitz gemütlich, bettet sein Haupt in die flauschig-weiche Kopfstütze, schlägt die Beine übereinander und schaut durch das optionale Glaspanoramaschiebedach in den Himmel. Oder einen Film. Soundsystem, Klimaanlage, Jalousien etc. kann man per Tablet bedienen. Und wer ganz lustig ist, lässt das Flying B aus- und einfahren. Bei manchen erwacht der Spieltrieb, wenn sie die zwei Flaschen Schampus geleert haben, die in den Kühlschrank hinter der Mittelarmlehne passen.

Luxus bis ins Detail
Der ganze Eindruck ist immens luxuriös. Es verwundert nicht, dass das handverlesene Sitzleder von nordeuropäischen Rindern stammt, weil diese weniger von Gelsen gestochen werden als die im Süden. Das wissend, kann man sich grob vorstellen, wie die übrigen Materialien aussehen. Für die Türverkleidungen gibt es in einem speziellen Verfahren dreidimensional rautenförmig geprägtes Leder, etwas später soll es so etwas auch in Holz geben. Alles ist auf Perfektion getrimmt. Die einzige Irritation geht vom Automatikwählhebel aus, weil man an ihm gerne mal „Parken“ aktiviert, wenn man den Retourgang einlegen will.

Das wird jedoch mehr als wettgemacht durch die zentrale drehbare Konsole, die zwischen dem 12,3 Zoll-Touchscreen, drei Analoginstrumenten oder schlichtem Furnier wechseln kann. Immer ein Blickfang ist die analoge Bentley-Uhr darunter, zwischen den eleganten Lüftungsausströmern, deren Form an Auspuffblenden erinnert. Das dürfte aber Zufall sein, denn die Blenden des Flying Spur sind oval.

281.635
Dass das alles nicht ganz billig ist, dürfte klar sein. In der Basisausstattung rufen die Briten 281.635 Euro auf, wenn der Flying Spur Anfang des Jahres zum Händler kommt. Doch da muss man eigentlich noch einiges drauflegen. Für das phänomenale Naim-Soundsystem zum Beispiel, mit 19 Lautsprechern, in die Vordersitze eingebauten Bass-Shakern und 2200 Watt (das sind umgerechnet 3 PS). Ohne Hakerl auf der Optionsliste musizieren zehn Lautsprecher mit bis zu 650 Watt, preislich dazwischen liegt die Anlage von Bang und Olufsen mit 16 Speakern und 1500 Watt. Über die Liste an sich brauchen wir nicht sprechen, im Prinzip geht alles. Was es nicht gibt, fertigt die Abteilung Mulliner auf Wunsch an.

Unterm Strich
In Crewe ist es gelungen, zwei Welten auf höchstem Niveau zu vereinen: Sportlichkeit und Luxus, mit am Charisma-Rädchen einstellbaren Ausprägungen. So gesehen lässt uns das Auto etwas fürs Leben lernen: Es ist Luxus, immer die Wahl zu haben. Alles können, nichts müssen. Tatsächlich eine Entscheidung zu treffen, das ist Freiheit. Ein feiner Unterschied.

Warum?
Mehr Luxus und Sport gleichzeitig gibt es nicht
Die walzende Mittelkonsole ist ein Hit

Warum nicht?
Weil Bentley und Rolls-Royce immer irgendwie etwas dekadent Protziges haben. Aber das kann man auch mögen.

Oder vielleicht ...
... Rolls-Royce Ghost und die Maybach-S-Klasse, nächstes Jahr

Stephan Schätzl
Stephan Schätzl
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