19.10.2019 13:00 |

In der ARGE Kultur

Handke und „ein anderer“ feierten Doppelpremiere

Es ist eines der Sprechstücke, die den jungen Peter Handke berühmt machten: die „Selbstbezichtigung“. Regisseur und Schauspieler André Hinderlich inszeniert das Stück in der ARGE Kultur und ergänzt es um ein eigenes: „Accusatio Alterius“ („Anklage eines anderen“).

„Ich bin auf die Welt gekommen. Ich bin geboren worden. Ich bin in das Geburtenregister eingetragen worden.“ So startet Handkes Wortschwall und haut den Zuschauer erst einmal um. Bald entwickelt sich ein einzigartiger Sog. Der zeigt uns auch nach mehr als fünfzig Jahren seit der Uraufführung, dass wir uns tausenden Regeln unterworfen haben. Dazu gehören auch die der Sprache: ein Sprechstück mit doppeltem Boden.

Schauspieler und Regisseur André Hinderlich ist dabei Projektionsfläche für die eigenen Erfahrungen der Zuschauer. Er poltert und tobt in Schwarzlicht über die Bühne und wirkt mit weißem Hemd und Glatze wie ein Klon aus einem Science-Fiction-Film. Er ist alle – und niemand. „Über vieles davon habe ich schon als Kind nachgedacht. Ich hätte es nur nie so formulieren können“, sagt eine Zuschauerin in der Pause.

In seiner „Anklage eines anderen“ spinnt Hinderlich Handkes Gedanken weiter und bricht sie auf aktuelle Probleme herunter: Konsumzwang und Umweltsünden. Er trägt Bruchstücke eines Dialoges vor: „E-Bike. Diesel. Klar! Schuldig!“ Im Gegensatz zum Vorbild verlässt er sich nicht nur auf Worte. Der Perkussionist Philipp Lamprecht unterstützt ihn, trommelt mit vier Stöcken gleichzeitig auf dutzenden Kuhglocken. Highlight: Er musiziert mit Wassergläsern, in denen Brausetabletten blubbern.

Am Schluss durchbricht Hinderlich die vierte Wand zum Publikum, wirbt für sein eigenes Stück, verteilt Flyer und Evaluationsbögen. Darauf: „Ist ein solcher Abend für ein derart kleines Publikum zu rechtfertigen?“ Der Applaus der 25 Handke-Fans, die ins kleine Arge Studio gekommen sind, spricht dafür. 

Christoph Laible
Christoph Laible
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