22.09.2019 14:00 |

Schlagfertig

„Das Herz adelt den Menschen“

Percussion-Weltstar Martin Grubinger schreibt in seiner „Krone“-Kolumne „Schlagfertig“ über die Kunst des Komponierens.

Vor einigen Tagen war ich in Deutschland mit dem türkischen Starpianisten und Komponisten Fazil Say unterwegs. Er komponierte für mich ein neues Werk, das ich in den letzten Wochen in mehreren Städten zur Aufführung gebracht habe.

Nach dem Konzert erinnerte mich Fazil an meinen ersten Versuch, ihn dazu zu überreden. Das war im Jahr 2001. Ich war damals 18 Jahre, ging nach einem seiner Konzerte in seine Garderobe und sagte: „Sie komponieren für mich ein Schlagzeugkonzert!“

Jetzt, 18 Jahre später, war es dann soweit. Wir haben ausgiebig über meine damalige Ansage im Befehlston gelacht.

Wie also entsteht neue Musik? Was inspiriert Komponisten, ihre Emotionen in Töne und Noten zu formen?

Neue Musik entstehen zu lassen und Kunst neu zu kreieren, ist der herausforderndste und zugleich auch schönste Aspekt künstlerischer Schöpfung. Im Gegensatz dazu ist die Wiedergabe auf den Bühnen dieser Welt eigentlich ein Kinderspiel. Meist ist es das gesellschaftliche Umfeld, das Komponisten inspiriert.

Hört man Mahlers Adagietto aus seiner 5. Symphonie, so kann man den Schmerz seiner so schwierigen Liebe zu Alma Mahler mit jeder Faser spüren. Schostakowitsch wiederum nutzte jede Note seiner Musik, um mit ironischem Unterton gegen das Stalin-Regime ein Zeichen zu setzen. Tschaikowskys Ouvertüre 1812 zeugt von Russlands Sieg über Napoleon auf dem Schlachtfeld und Beethovens Werk ist so grundsätzlich von europäischem Geist geprägt, dass es heutige europäische Vordenker erblassen lässt. Hört man Richard Strauss’ Alpensymphonie, ist es eine durchkomponierte Bergwanderung, die Natur, Bergwelt, Wetter und die Strapazen einer Wanderung zu Musik werden lässt.

Ein Blick in die Partituren dieser Meister lässt ein Gefühl der musikalischen Minderwertigkeit aufkommen. Manchmal aber können Musikerinnen und Musiker inspirierend wirken.

Mozart schrieb seine schönsten Arien auch meist für Sängerinnen, für die er ganz besondere Gefühle empfand. Leider dürften meine Schlagzeugkollegen zu Mozarts Zeiten keine so überzeugenden Kräfte gehabt haben.

Es ist verflixt – es gibt keine großen Werke für mein Instrument von Mozart, Brahms, Beethoven, Sibelius und Schönberg. Daher blieb uns Schlagzeugern in den letzten 20 Jahren nur der Weg zu den großen Meistern unserer Zeit.

Und diese haben Großartiges, Neues und teils Revolutionäres für uns geleistet. In den letzten Jahren habe ich über 30 Werke gewidmet bekommen. Und als historisch interessierter Musiker bleibt mir die Hoffnung, dass mit diesen Widmungen mein Name als Schlagzeuger auch in 200 Jahren den dann konzertierenden Kollegen ein Begriff sein wird.

Denn als Musiker wird man mich vergessen haben. Die Zusammenarbeit mit den Komponisten gleicht dann meist der Bewunderung meinerseits für deren künstlerisches Schaffen. Beobachtet man Komponistinnen und Komponisten bei der Arbeit, sitzen diese zuerst vor einem leeren Blatt Papier.

Und alles beginnt mit einer einzigen Note. Tempo, Rhythmus, Harmonielehre, musikalischer Bogen, Instrumentierung, das Wissen über die einzelnen Instrumente. Es sind Großmeister, die da am Werk sind.

Und wir Musiker, ob Freizeitmusiker oder Profis, dürfen diese Meisterwerke dann zum Klingen bringen.

Zum Schluss noch ein Zitat von Wolfgang Amadeus Mozart, das so gut in diese Tage passt: „Das Herz adelt den Menschen.“

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