„Über die Grenzen“

Drei Wiener radeln auf Flüchtlingsroute in Iran

Abenteuer, Freiheit und eine sportliche Herausforderung wollte Franz Paul Horn im Sommer 2015, nachdem er sein Studium abgeschlossen hatte, erleben. Also entschloss er sich gemeinsam mit zwei Freunden in den Iran zu fahren - mit dem Fahrrad. „Ich habe gelernt, wie leiwand die Menschen sind“, sagt der 33-jährige gebürtige Salzburger im City4U-Interview. Als er zurückkommt, hat sein Vater einen syrischen Flüchtling bei sich aufgenommen und Horn bemerkt, dass sie die fast gleiche Route unternommen haben - nur in entgegengesetzte Richtungen und aus anderen Beweggründen. City4U hat mit ihm über seine Erlebnisse und das dazu verfasste Buch „Über die Grenzen“ gesprochen.

“Sobald man aus Österreich rauskommt, ist man selber ein Ausländer. Man versteht die Sprache nicht, kennt die Kultur nicht. Da haben wir dann gemerkt, wie leiwand die Menschen eigentlich sind. In Bulgarien ist ein LKW-Fahrer unaufgefordert neben uns stehen geblieben, weil er uns am Straßenrand gesehen hat und bemerkt hat, dass mein Gepäckträger gebrochen ist. Er ist einfach ausgestiegen und hat ihn repariert. In Kroatien hat uns ein wildfremder Mann namens Simba drei Tage bei ihm aufgenommen, ist mit uns fischen gegangen und hat uns verköstigt. Im Iran leben überhaupt die freundlichsten Menschen, die ich je kennengelernt habe. Die laden dich von der Straße weg zu sich nach Hause ein.“ Wenn man Franz Paul Horn nach seinen schönsten Erlebnissen auf seiner Abenteuerreise fragt, sprudelt es nur so aus ihm heraus.

Drei Monate lang radelte er von Wien aus in den Iran. Nur mit zwei Freunden, einem Zelt und etwas Wechselwäsche machte er sich auf den Weg. „Ich wollte Abenteuer, Freiheit und die sportliche Herausforderung. Ich war davor immerhin noch nie länger als einen Tag mit dem Rad unterwegs. Ich habe mich darauf gefreut, täglich draußen zu schlafen“, erzählt er. „Man muss nichts entscheiden, nur was man isst und wo man schläft. Ich habe nur einmal pro Woche mein Handy eingeschaltet. Das war wirklich Landstreicherleben vom Feinsten“, beschreibt Horn und seine Augen strahlen dabei. Eigentlich wären sie ja mit Vorurteilen weggefahren, wie dem Gedanken, in Rumänien oder Bulgarien bestohlen zu werden. „Es war überhaupt nicht so, im Gegenteil. Sie haben uns drei fremde Burschen in ihren privaten Gärten übernachten lassen.“

Die Route führte die drei jungen Wiener von Wien in die Slowakei, weiter über Ungarn, Kroatien, Serbien, Rumänien, Bulgarien, Türkei und schließlich in den Iran. Eine Strecke von 5000 Kilometern. „Wir waren uns am Anfang gar nicht sicher, ob wir es überhaupt bis in den Iran schaffen würden, aber es hat geklappt.“ Die schönsten Momente seien die zahlreichen Fahrten in den Sonnenuntergang gewesen. „Am schlimmsten waren die 1000 Kilometer auf der Autobahn in Anatolien. Es war unglaublich heiß und weit und breit kein Schatten. Das war psychisch und physisch anstrengen.“ Generell hätte sich Horn die Reise jedoch körperlich anstrengender vorgestellt. „Mein Hintern hat auch weniger weh getan, als erwartet“, schmunzelt der 33-Jährige.

Während seiner Reise hat Horn regelmäßig seinen Blog aktualisiert. Dadurch und in Gesprächen mit ihm, hat sein Vater erfahren, wie herzlich sein Sohn von fremden Menschen in anderen Ländern aufgenommen wurde. „Als ich wieder nach Hause gekommen bin, hat er einen syrischen Flüchtling namens Filip aufgenommen. Als ich ihm von meiner Reise erzählt habe, sind wir draufgekommen, dass wir fast die gleiche Route genommen hatten, die selben Grenzen, die selben Städte. Nur in verschiedene Richtungen.“ Also entschied er sich ein Buch zu schreiben, in dem er die Flucht und Reisegeschichte gegenüberstellt. „Ich wollte Verständnis für junge Männer in meinem Alter generieren. Die Burschen aus Syrien und Afghanistan stehen unter großem Druck rekrutiert zu werden. Ich habe mich in ihnen gesehen, sie sind in meinem Alter. Wenn ich woanders geboren worden wäre, wäre es ich.“ Filip aus Syrien musste vor dem Islamischen Staat flüchten, Malek aus Afghanistan wurde von seinem Vater auf eine Reise in Sicherheit vor den Taliban geschickt.

Nachdem er Filips Geschichte gehört hat, lernte er Malek kennen, einen jungen Mann aus Afghanistan. „Insgesamt habe ich mit sieben Flüchtlingen Interviews geführt. Letztendlich habe ich mir zwei Lebensgeschichten ausgesucht und diese in meinem Buch verarbeitet. Die Geschichten sind wahr. Anfangs wollte ich sie mir ausdenken, aber meine Fantasie hätte nicht gereicht. Auch meine schlimmste Vorstellung kommt nicht annähernd an deren Realität ran.“ Denn Malek und Filip haben auf ihrer Reise durch die selben Ländern nicht gerade positiven Erfahrungen gemacht. „An der Grenze zwischen Serbien und Ungarn haben ungarische Grenzpolizisten mit Knüppeln auf die Flüchtlinge gewartet und aggressive Hunde auf sie gehetzt.“ Das ist nur eine der unglaublichen Geschichten, die in Horns Buch „Über die Grenzen“ zu lesen ist und durch zahlreiche Medienberichte auch bestätigt wurde.

„Sobald man Österreich verlässt, ist man in Ländern mit Kriegshintergrund, der nach wie vor sichtbar ist. Da wird einem erst klar, in welcher glücklichen Blase man in Österreich lebt.“ Als er wieder zurück zu Hause ist, weiß er vor allem ein eigenes Zimmer, Privatsphäre, unterschiedlichen Kleidungsstücke und trinkbares Wasser aus dem Wasserhahn zu schätzen. „Ich war total zufrieden und bin geschwebt. Durch diese Reise und den Gesprächen mit zahlreichen Menschen währenddessen, habe ich bemerkt, wie viel Glück ich eigentlich im Leben habe.“

Wer die ganze Geschichte lesen möchte: Das Buch „Über die Grenzen“ von Franz Paul Horn ist im Verlag Kremayr & Scheriau erschienen und ist im Buchhandel in ganz Österreich sowie online erhältlich. Die nächsten Termine für Lesungen findet man hier.

September 2019

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Viktoria Graf
Viktoria Graf
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