Klasnic betonte erneut, dass ihr vonseiten Schönborns absolute Unabhängigkeit sowie volle Kooperation aller Stellen der katholischen Kirche in Österreich zugesichert worden seien. An die 100 Opfer hätten sich bisher gemeldet. Ziel der Einrichtung ist es, bis Ende des Jahres einen Überblick zu haben, erklärte sie bei der Vorstellung des Teams am Montag. Klasnic kündigte auch an, bis dahin Vorschläge und Richtlinien für die römisch-katholische Kirche in Österreich zum Umgang mit Missbrauchsfällen zu erarbeiten.
50 Experten für Gespräche und Behandlung
Rund 50 Experten würden derzeit vonseiten der Opferanwaltschaft für Gespräche und Behandlung zur Verfügung stehen. Noch in dieser Woche werde die Konstituierung erfolgen, ein Büro in der Bösendorferstraße 4 in Wien sei bereits eingerichtet, ebenso wie eine Homepage (siehe Infobox). Klasnic selbst ist in ihrer Kommission Vorsitzende ohne Stimmrecht, die Mitglieder würden lediglich die Spesen vergütet bekommen. Von Schönborn sei die notwendige Unterstützung zugesichert, wie hoch diese sei, könne man noch nicht sagen.
"Ich werde mit den Opfern, wo es gewünscht ist, in direkten Kontakt treten", versicherte Klasnic. Zusätzlich dabei sein würden ein Psychologe sowie ein Anwalt. Aber auch die Betroffenen seien berechtigt, eine Begleitperson mitzunehmen, erläuterte die ehemalige steirische Landeshauptfrau die angedachte Vorgehensweise. Ein weiteres Ziel der Opferanwaltschaft sei die Kontaktaufnahme mit den diözesanen Ombudsstellen aber auch den diversen Opfer-Plattformen, mit einigen davon habe man bereits Kontakt hergestellt.
Acht - auch kirchenkritische - Mitglieder
Brigitte Bierlein (3.v.li.), Vizepräsidentin des Verfassungsgerichtshofes und Mitglied der achtköpfigen Kommission, versicherte, "entsprechende anwaltliche Hilfestellung" für die Opfer zu ermöglichen. "Es wird hier sicher nichts unter den Tisch gekehrt." Dem Publizisten Hubert Feichtlbauer (re.) geht es vor allem darum, "Strukturen ins Blickfeld zu rücken, die diese Entwicklung gefördert haben". An "monokausale Erklärungen" glaubt der "bekennende katholische Christ" mit "kritischer Loyalität" allerdings nicht.
"Sammeln und als Feuerwehr dort agieren, wo es wichtig ist" erwartet Udo Jesionek (2.v.re.), Präsident der Opferhilfsorganisation "Weißer Ring" und von der Opferanwaltschaft, der auch er angehört. Als ehemaliger Präsident des Jugendgerichtshofs habe auch er sich mit dem Thema sexueller Missbrauch befasst, Schönborn glaubt er "die Ehrlichkeit", was die Aufarbeitung betrifft. "Rasch und unbürokratisch helfen" will auch Caroline List (4.v.li.), Richterin am Oberlandesgericht Graz und Mitbegründerin des Forums gegen Sexuellen Missbrauch. Ulla Konrad (li.), Präsidentin des Berufsverbandes Österreichischer Psychologinnen und Psychologen, sieht durch die Kommission "Expertenbehandlung gewährleistet".
Eine staatliche Kommission hätte der langjährige Präsident des Wiener Stadtschulrates und Restitutionsbeauftragter der Stadt Wien, Kurt Scholz (2.v.li.), gerne gesehen. Von politischer Seite scheine dieser Wunsch allerdings "durchaus enden wollend", weswegen er sich der Klasnic-Kommission angeschlossen habe. Scholz erwartet sich "klare, individuelle Entschuldigungen" anstelle von "allgemeinen Mitleidsbekundungen" sowie Entschädigungen. Aus religiösem Engagement seier übrigens nicht in der Kommission: "Dieser Chip zur Fernsteuerung fehlt mir."
Opfer-Plattform: "Kirche zieht alle PR-Register"
Kritik an der Kommission kommt erneut von der Opfer-Plattform "Betroffener kirchlicher Gewalt": "Wer immer in dieser Kommission sitzen mag, sie ist und bleibt eine von der Kirche und damit von den Tätervertretern eingesetzte, bezahlte und gesteuerte Gruppe", meinte Klaus Fluch von der Plattform am Montag. Man fordere weiterhin eine unabhängige staatliche Untersuchungskommission.
Die Kirche rund um Kardinal Schönborn "zieht alle PR-Register, um eine offensichtlich gefürchtete staatliche Untersuchungskommission durch eine eigene, vorgetäuschte 'unabhängige' Kommission zu verhindern". Klasnic sei nicht unabhängig, denn ihr sei beispielsweise 2003 der päpstliche "Gregorius-Orden für den Eifer in der Verteidigung der katholischen Religion" verliehen worden, so die Plattform.
Wegen der "hohen Zahl" der bisher eingegangenen Anrufe von Opfern sei von einer "extrem hohen Dunkelziffer" von Betroffenen kirchlicher Gewalt auszugehen. Angesichts dieser Dimension und "derart zahlreichen Mitwissern" - es seien nachweislich österreichische Bischöfe involviert - sei "längst jenes Maß erreicht", wo der Staat der Kirche nicht länger die Aufklärung überlassen dürfe. Es sei zu befürchten, dass etwaige Ergebnisse der Klasnic-Kommission "einmal mehr in geheimen Kirchenarchiven im Vatikan landen", meinte Fluch. Man fordere die Kirche auf, "ihre geheimen Archive der Gewaltverbrechen umgehend zu öffnen und an die Behörden zu übergeben".
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