29.07.2019 12:57 |

Schlagfertig

Martin Grubinger über die zwei Gesichter der ÖVP

Die heutige Kolumne habe ich gleich zweimal neu geschrieben. Eigentlich wollte ich über die Schredder-Aktivitäten aus dem Team Kurz schreiben. Mein Eindruck ist nämlich, dass der Lack dort abblättert und man hört das türkise Panikorchester immer lauter aufspielen. Leugnen, abstreiten, Halbwahrheiten verbreiten und andere anpatzen ist dort jetzt das tägliche Handwerk, dachte ich mir zuletzt jedenfalls. Und darüber wollte ich schreiben.

Aber die ÖVP ist eine vielschichtige Partei, die sich an manchen Orten ihrer bürgerlichen und christlich-sozialen Wurzeln besinnt und diese auch lebt. So stieß ich am Freitag auf Florian Klenks Account des Kurznachrichtendiensts Twitter auf folgende Meldung der Salzburger Gemeinde Saalbach-Hinterglemm: „Mitteilung an alle Einwohner und Betriebe in Saalbach-Hinterglemm! Im Gemeindegebiet hält sich derzeit eine unterstandslose Person auf, welche sich mittels Betteln über Wasser hält. Wir bitten die Bevölkerung darum, dieser Person keine Lebensmittel oder Geld zu übergeben. Leider gibt es aus polizeilicher Sicht keine Handhabe gegen ihn. Ebenso wird gebeten, die Haustüren und Fenster zu verschließen um einen unerwünschten Besuch oder Übernachtung zu verhindern.“

Ich war ziemlich fassungslos. So also geht eine der wohlhabendsten Gemeinden Österreichs mit einem Obdachlosen um? Während der Woche versperrt man Tür und Tor um ja nicht mit dem Leid eines anderen Menschen konfrontiert zu werden und Sonntags betet man dann das „Vater unser“ in der Kirche?

Doch dann stellte Saalbachs Bürgermeister Alois Hasenauer in einem Schreiben am Freitag im Namen seiner Gemeinde die Dinge klar und ich war ziemlich beeindruckt. Bürgermeister Hasenauer hätte es sich recht einfach machen können.

Er hätte argumentieren können, dass Saalbach eine international beliebte Tourismusgemeinde sei und man die Sommertouristen keinesfalls mit einem Obdachlosen behelligen wolle. Er hätte sagen können, dass es um das Erscheinungsbild Saalbachs gehe und man den Gästen nun mal das Bild einer heilen, verträumten Alpengemeinde präsentieren wolle. Er hätte argumentieren können, dass man Sicherheit und maximale Ordnung über alles stelle und sich die Bevölkerung nun mal belästigt gefühlt habe. Das ganze Repertoire hätte er da locker rauf- und runterspielen können.

Doch Bürgermeister Hasenauer, 35 Jahre alt, reagierte in seinem Schreiben ganz anders: „Ich möchte mit diesem Schreiben, mich persönlich aber auch die Gemeinde Saalbach-Hinterglemm, für die ich als Bürgermeister Verantwortung trage, ganz klar und deutlich vom Inhalt dieser Aussendung distanzieren.() So gehen wir in Saalbach-Hinterglemm nicht mit Hilfe suchenden Menschen um. So bin ich nicht und so sind wir Saalbach-Hinterglemmer/innen nicht! Jeder Hilfesuchenden und hilfsbedürftigen Person, wird nach all uns zur Verfügung stehenden Möglichkeiten geholfen.() Mitmenschlichkeit und Empathie stehen bei uns weit über der Bedeutung von Übernachtungszahlen und Profit.“

Das ist die Stimme der ÖVP, wie ich sie mir öfter wünschen würde. Hier handelt ein Kommunalpolitiker mit Hausverstand, Herzenswärme und dem richtigen G’spür. Eine Haltung, die nicht mit Kommunikationsberatern abgestimmt und von Meinungsforschern abgetestet wurde, sondern offenbar einfach von Herzen kam.

Das würde man vielen Bundespolitikern aller Parteien auch wünschen. Dem eigenen Verstand, der eigenen Grundhaltung und dem intuitiven Gefühl, das Richtige tun zu wollen, öfter zu folgen und die Parteiräson einfach mal hintanzustellen.

Denn die Kluft zwischen uns Bürgern und den PR-getrimmten Politprofis kommt auch von diesen, oft realitätsfernen Politfloskeln, die, außer dem Inner-Cercle des Politbetriebs, kaum einer versteht. Zurück zu unserer Geschichte aus Saalbach-Hinterglemm.

Der Winter naht und ich mache mir langsam Gedanken, wo ich meine Brettln heuer anschnallen soll. Saalbach-Hinterglemm ist ein Weltklasse Skigebiet. Dass weiß man. Und hat einen erstklassigen Bürgermeister. Das weiß man jetzt auch. Es wird in diesem Winter eine leichte Entscheidung.

Ihr Martin Grubinger

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