"Bankier der Armen"

Mit Mikrokrediten aus der Armutsfalle – so hilft ein Wiener

Wirtschaft
23.04.2010 14:03
Seine Karriere startete er in der Meute kalter Kredithaie. Dann traf er Nobelpreisträger Muhammad Yunus, dessen Idee auch den Armen Zugang zum Kapital verschafft. Heute helfen Leopold Seilers (Bild rechts) Mikrokredite Tausenden aus der Armutsfalle. Ein bewegender Lokalaugenschein in Moldawien.

Geld, Gewinn und Glamour! In der Finanzwelt des Kapitals war der heute 40-jährige Wiener bereits ein Star, als er 2002 in Singapur Muhammad Yunus, den Erfinder der Mikrokredite traf. „Kredite auch für Arme“, also Geld für Menschen ohne jegliche Sicherheiten, dieses revolutionierende Konzept – es hat bereits Millionen vor dem Hungertod bewahrt – wurde für Leo Seiler zur „Erleuchtung“. Er vollzog gleichsam den Wandel vom smarten „Society-Saulus“ zum „Paulus der Armen“. Sein missionarisches Finanzziel: dem Kapitalismus ein menschliches Antlitz zu verleihen!

Ein schwerer Weg, auf dem ein sozialer Träumer schnell ins Bodenlose stürzen kann. Doch als gevifter Banker kennt Seiler die Abgründe: Fallen, die sich dort auftun, wo eherne Wirtschaftsgesetze ignoriert und gut gemeinte aber falsche Weltverbesserungs-Utopien zum neuen Credo werden. Denn die große Frage lautet: „Kann ich Kapitalist sein, ohne ein Schwein sein zu müssen?“ –  Eine Antwort spiegelt die Erfolgsgeschichte der Mikrokredite (siehe Infobox) auch in Österreich wider.

Knapp 100 Millionen Euro als Minikredite
Seit acht Jahren ist Seiler als „Bankier der Armen“ weltweit für 250.000 Klienten in 24 Ländern mitverantwortlich. Knapp 100 Millionen Euro wurden als Minikredite vergeben! „Arme Menschen brauchen kein Mitleid und Almosen, sondern einen fairen Zugang zum Kapital!“, so der Wirtschaftspionier. Die Erfolgsgarantie: Bedürftige Kreditnehmer haben eine ebenso hohe Arbeits- wie Rückzahlungsmoral. Die Ausfallrate der Mikrokredite (1.000 €) liegt bei 0 bis 2%!

Doch die Sozial-Idee beruht nicht allein auf nackten Zahlen. Um seinen Kunden ein echtes Bild von der „Kraft der Kleinkredite“ zu geben, besuchte Seiler mit zwölf Österreichern einige Kleinunternehmer in Moldawien: Ein bewegender Lokalaugenschein unter dem Motto „Schütteln sie ,ihrem Investment‘ persönlich die Hand.“

Moldawien ist zwar nur zwei Flugstunden, aber eine soziale Ewigkeit von Österreich entfernt: Im Armenhaus Europas müssen mehr als 40 Prozent der knapp vier Millionen Einwohner mit weniger als zwei Dollar am Tag auskommen. Wegen der grenzenlosen Arbeitslosigkeit ist bereits eine Million Menschen ins Ausland „geflohen“, um in der Illegalität einen Job zu suchen. Menschenhändler nützen die triste Lage und verkaufen Mädchen als Sex-Sklavinnen. Viele Männer, die keine Arbeit finden, gleiten in die Kriminalität ab. Ost-Banden werben sie gezielt als Handlanger für Einbrüche an  – auch bei uns.

Neuer Lebensmut
„Mein Mann und ich haben Arbeit, wir alle haben genug zu essen, und unsere Kinder können zur Schule gehen“, strahlt Liuba Cobanu (47) übers ganze Gesicht. Die achtfache Mutter hat es geschafft! Mit Mikrokrediten hat das Paar Plastikfolien und  Öfen für drei Gewächshäuser sowie einen gebrauchten Lieferwagen anschaffen können. Seither beliefert die Familie den Gemüsemarkt in der Hauptstadt Chisinau mit Zwiebeln, Salat, etc. In der Frühlingssonne schmecken die angebotenen, in der schwarzen Erde Moldawiens gereiften Gurkerln einfach köstlich.

Nach dem jahrelangen Wirtschaftswinter unter Sowjet-Herrschaft spiegelt sich die Aufbruchsstimmung in den Gesichtern der Familie wider. Ein Lebensmut, der auch alle anderen von den Österreichern besuchten Unternehmer erfasst hat. Egal, ob Tischler, Friseurin, Näherin oder Schlosser: Sie alle strahlen Optimismus aus. Dank der Starthilfe haben sie den Sprung aus der Armutsfalle geschafft. Sie sind stolz, am Wiederaufbau Moldawiens mitzuwirken und nicht ins Ausland flüchten zu müssen.

von Christoph Matzl, Kronen Zeitung

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