07.07.2019 07:00

Kolumne „Im Gespräch“

Über die Aeta auf Luzon und die Würde des Gebens

Wenn der Sommer schon da ist, der Urlaub aber noch auf sich warten lässt, wächst das Fernweh. Dann denke ich öfter an frühere Reisen. Besonders gern denke ich an Reisen auf die Philippinen.

Der Inselstaat in Südostasien ist mir zur zweiten Heimat geworden. Ich durfte nicht nur das Land, sondern auch seine Leute kennenlernen. Als Teilnehmerin an einem Studiengang zu interkultureller Frauenforschung bin ich an Orte gekommen, an die man als Touristin normalerweise nicht kommt. Zum Beispiel in ein Dorf der indigenen Bevölkerungsgruppe der Aeta auf Luzon, der größten Insel der Philippinen.

Dieses Dorf befand sich in einem Wiederansiedlungsgebiet für Aetas, deren Land durch einen Vulkanausbruch 1991 verwüstet worden war. Unsere Lehrgangsgruppe hat das Dorf besucht, um die Kultur der Indigenen kennenzulernen, aber auch um über ihre soziale Lage zu erfahren und darüber, wie sich Naturkatastrophen auf diese Bevölkerungsgruppe, die so naturverbunden lebt, auswirken. Zu essen gab es im Dorf nur wenig. Wir brachten Grundnahrungsmittel mit, vor allem Reis für uns und für die Familien, bei denen wir untergebracht waren.

Die Familie, bei der ich und Misu, eine Kurskollegin aus Korea, wohnten, war materiell absolut arm. Zu fünft teilten sie sich eine Bambushütte von vielleicht 10 Quadratmeter, sie besaßen wenig zerschlissene Kleidung und zwei Hühner. Wir blieben zwei Tage und zwei Nächte. Irgendwann hat mich die Frau des Hauses so nebenbei gefragt, ob ich Huhn mag, was ich bejaht habe. Ich habe mir nichts dabei gedacht. Am Abend des zweiten Tages stand neben dem Reis, den wir mitgebracht hatten, ein gebratenes Huhn auf dem Tisch. Misu hat mir erschrocken zugeflüstert: „Sie haben eines ihrer beiden Hühner für uns geschlachtet!“

Zuerst hat es mir den Magen zugeschnürt
Die Familie hat nichts außer zwei Hühnern, und eines haben sie für uns geschlachtet und zubereitet. Für uns, die wir jederzeit Huhn essen können, wenn wir wollen. Sie, die selbst zu wenig zu essen haben. Ich dachte, ich kann das nicht essen. Dann habe ich mir gesagt: Sei keine blöde Kuh und beleidige deine Gastgeber nicht und iss dieses Huhn! Und es war das beste Huhn, das ich je gegessen habe.

Es ist wichtig für Menschen, etwas geben zu können. Das gehört zu unserer Würde. Das habe ich an jenem Abend in einer kleinen Bambushütte gelernt. Wenn ich daran zurückdenke, kommt mir auch eine Frage des Apostels Paulus in den Sinn: „Was hast du, das du nicht empfangen hast?“ Nichts. Wir haben nichts, was wir nicht empfangen hätten. Aus der Haltung der Beschenkten heraus zu leben – auch das können wir lernen, wenn wir die Gastfreundschaft anderer erfahren. Der Sommer, wenn wir auf Reisen sind, ist eine gute Zeit dafür.

Pfarrerin Maria Katharina Moser, Kronen Zeitung
maria.moser@evang.at

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