So, 16. Juni 2019
04.06.2019 15:54

Kolumne „Im Gespräch“

„Gott sei Dank bin ich nicht so!“

„Nein, so will ich nicht sein. Gott sei Dank bin ich nicht so.“ Hand aufs Herz: Wen von uns beschleicht dieser Gedanke nicht ab und zu, wenn wir auf andere schauen, die sich nicht so verhalten, wie wir es richtig finden?

Jesus greift diesen Gedanken auf in einem Gespräch mit Leuten, die von sich selber überzeugt sind, gerecht zu sein. Er erzählt folgendes Gleichnis: „Der Pharisäer stand für sich und betete: Gott, ich danke dir, dass ich nicht so bin wie die übrigen Menschen, die rauben, Unrecht tun, Ehe brechen – oder auch wie dieser Zöllner. Der Zöllner stand am Rande und wollte nicht einmal die Augen zum Himmel erheben. Er schlug sich an die Brust und sprach: Gott, versöhne dich mit mir Sünder. Ich sage euch, dieser Mensch ging gerechtfertigt hinunter nach Hause und jener nicht.“ (Lk 18,11–13)

Jesus spitzt sich zu in diesem Gleichnis
Man könnte fast sagen, er zeichnet eine Karikatur. Auf der einen Seite ein Mann vom Typ Vorbild: Pharisäer waren im besten Sinne des Wortes fromm, sie hielten sich an Gottes Gesetz. Auf der anderen Seite ein Mann vom Typ Ungustl: Zöllner knöpften kleinen Händlern und Reisenden ihr Geld ab und bereicherten sich selbst. Wenn wir das Gleichnis hören, dreht sich das plötzlich um: Der vorbildliche Pharisäer erscheint uns unsympathisch in seinem selbstgerechten Hochmut, und der Zöllner in seiner reuigen Demut vorbildhaft.

Will uns Jesus sagen, dass wir nicht selbstgerecht-hochmütig, sondern bußfertig-demütig sein sollen? Ich glaube, das ist zu einfach gedacht. Demut kann ebenso selbstgerecht sein wie Hochmut. Ein Gedicht von Eugen Roth bringt das auf den Punkt: „Ein Mensch betrachtet sich einst näher/ die Fabel von dem Pharisäer,/ der Gott gedankt voll Heuchelei,/ dafür, dass er kein Zöllner sei./ Gottlob, sprach er in eitlem Sinn,/ dass ich kein Pharisäer bin.“ Nur allzu leicht verachtet man den Hochmut und sonnt sich in der eigenen Demut.

Es geht nicht um Hochmut versus Demut. Das De- können wir genauso streichen wie das Hoch-. Dann bleibt der Mut übrig. Mut, in dieser Welt, die durchwoben ist von Unrecht, unser Möglichstes zu tun. Mut, Fehler zu machen.

Wir alle machen Fehler und werden schuldig
Unsere Versuche, gut und gerecht zu sein, sind immer begrenzt. Das ist es, was der Pharisäer übersieht. Er ist nicht scheinheilig; er ist wirklich heilig, denn er bemüht sich, sich an Gottes Gesetze zu halten. Aber sogar dem wirklich Frommen und Gerechten passiert es, selbstgerecht zu beten und das Gebot der Nächstenliebe zu übertreten, indem er sich über andere erhebt. Selbstgerechtigkeit heißt, so überzeugt zu sein, dass wir gut und richtig handeln, dass wir andere, die anders handeln, abwerten. Selbstgerechtigkeit teilt ein in „wir, die Guten“ und „die bösen anderen“ – das ist das Problem am Gedanken: „Gott sei Dank bin ich nicht so wie die!“

Pfarrerin Maria Katharina Moser, Kronen Zeitung
maria.moser@evang.at

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