04.06.2019 07:00 |

Live am Nova Rock

Idles: Offen für Trauer, Schmerz und viel Humor

Letzten November zeigten sich die Idles mit einer schweißtreibenden und unvergesslichen Show im Wiener Flex von ihrer besten Seite. Die britischen Rabauken rund um Frontmann Joe Talbot sind an der Speerspitze vieler junger Bands aus unterschiedlichen Genres, die Pop und Rock wieder mit Ehrlichkeit und Gefährlichkeit füllen wollen. Warum der Kampf gegen Oberflächlichkeiten so wichtig ist, erzählte uns Talbot und Mark Bowen. Nächste Woche spielen die Idles am Nova Rock.

Irgendwann hat es ja kommen müssen. Obwohl beide Bands im Großen und Ganzen auf derselben Seite stehen und ähnliche Ideologien teilen, konnte das Testosteron nicht mehr unter Kontrolle gehalten werden. „Die Idles sind so beschissen wie der Brexit“, tönten die Sleaford Mods im ausklingenden Winter in diversen Interviews. Die Reaktion ihrer neuen Lieblingsfeinde ließ nicht lange auf sich warten: „Es steckt keine Authentizität dahinter, wenn man sich wahllos jedem gegenüber als Scheißkerl verhält.“ Nachdem die einst so skandalträchtige Fat White Family in den letzten Jahren etwas an gefährlicher Strahlkraft eingebüßt hat und auch die musikalische Ausrichtung veränderte, gelten die Sleaford Mods und die Idles als neue Bad Boys einer aufkeimenden Szene, die sich längst kein Blatt mehr vor den Mund nimmt und offen heraus gegen den Brexit, über Generationskonflikte, Job-Probleme, prekäre Gesellschaftsschichten und private Krisen referiert. Die Sleaford Mods aus Nottingham mit Sprechgesang und Beats, die südenglischen Idles aus Bristol mit einer Mischung aus Post-Punk, Garage, Schweinerock und einer Prise Hardcore.

Private Tiefen
An der Front stehen zwei Männer, die sich weder etwas aus Maskulinität, noch aus einem Posterboy-Image machen. Sleaford Mods‘ Jason Williamson ist mit seinen bewusst angepissten Kurzvideos längst zu einem globalen Social-Media-Star herangewachsen, Idles-Frontmann Joe Talbot versteckt seinen ihm angeborenen Grant hinter seinem voluminösen Schnauzer, gibt aber keine Gelegenheit, aus einer Diskussion mit ihm flüchten zu können. Der tiefschwarze britische Humor darf bei den Idles natürlich nicht fehlen, doch die besungenen Themengebiete und die erlebte Realität sind wesentlich harscher. Innerhalb kurzer Zeit hatte Talbot zuerst seine Mutter und dann seine ungeborene Tochter verloren. Die Mutter zierte das Cover-Artwork des 2017er Idles-Debüts „Brutalism“, in einer speziellen Limited-Edition wurde Fans gar die Asche der Frau Mama beigelegt. Nach dem tragischen Tod seines ungeborenen Kindes flüchtete sich Talbot in selbstgewählte Nirwana. Couchsurfing, gesellschaftliche Ziellosigkeit und Unmengen von Alkohol, die den Schmerz kurz betäubten, ihn im Endeffekt aber verstärkten.

Seine Bandkollegen und Freunde zeigten sich aber als die enge Familie, die sie nach außen hin suggerieren zu sein. Man half dem labilen Frontmann über den Schmerz hinweg, ließ ihn trauern und wüten, behielt die Ruhe und kehrte gestärkt aus der Krise zurück. Das Resultat war das 2018er Album „Joy As An Act Of Resistance“, das nicht nur die Grenzen modernen Postpunks verschob, sondern von der Szene- und Mainstreampresse gleichermaßen abgefeiert wurde. Und dann auch noch diese unerbittlichen Liveshows, die in ihrer ungestümen Wildheit fast schon an die Hardcore-Punk-Szene der frühen 80er mahnt und bei der man Abend für Abend nicht weiß, was jetzt passiert oder womit man konfrontiert wird - so wie im Herbst im Wiener Flex, wo wir Frontmann Talbot und Gitarrist Mark Bowen für ein Gespräch zu Verfügung standen. „Die Location hier ist wirklich ein verdammtes Scheißloch mit einem widerwärtigen Backstage-Bereich, aber prinzipiell passt alles sehr gut. Wenn wir eine Bühne betreten, wo der Raum zu groß wird, hören wir auf. Bei einem Konzert geht es immer um den Austausch von Energie zwischen Band und Publikum. Je mehr Leute da sind und je enger es ist, umso mehr kannst du dich auspowern und Verständnis aufbringen.“

Auf einer Linie
Die Idles funktionieren auch deshalb so gut, weil sie kein Thema auslassen und nicht mit dem Zeigefinger moralisieren. Hier steht ein Haufen aus der Arbeiterklasse, mit der man sich gut identifizieren kann, der genau versteht, worum es in der Gesellschaft geht. Wieso werde ich mit meinen Sorgen bezüglich Job und Wohnung alleingelassen? Warum funktioniert das Date zum wiederholten Male nicht? Was mache ich, wenn ein geliebter Mensch verstirbt und ich in die Leere zu fallen drohe? Das maskuline Auftreten der Idles ist nur von oberflächlicher Natur, denn wie kaum eine zweite Band verstehen sie es, gesellschaftliche Probleme aus derselben Ebene wie der Rezipient zu vermitteln und stecken dabei auch nicht vor persönlichen Tragödien zurück. „Heute gibt es keinen Platz mehr für oberflächlichen Bullshit, außer du bist eine dieser riesengroßen Stadionbands. In jedem einzelnen Moment geben wir immer alles, was wir haben - keine Kompromisse! Du musst nicht nur ehrlich zu dir selbst sein, sondern auch hart mit dir ins Gericht gehen. Wenn du das kannst, hält dich nichts mehr auf. Du kannst auf einer Bühne nur offen und transparent sein, wenn du das auch im privaten Leben bist.“

Bei all den schwierigen persönlichen, politischen und sozialkritischen Themen, die uns die Idles unverblümt und ohne Scheuklappen entgegenwerfen, muss es auch immer ausreichend Platz für die richtige Dosis Humor geben. „Würden wir wirklich alles todernst nehmen, wäre das für uns selbst ziemlich apokalyptisch. Man muss einfach immer über sich und seine Situation lachen können. Wenn du das dann auch über andere machst, ohne beleidigend zu sein, dann praktizierst du die alte britische Tradition. Natürlich gehen Humor und Verletzlichkeit oft Hand in Hand, deshalb muss man aufpassen, wie man etwas vermittelt. Wir Briten haben nicht sehr viele positive Eigenschaften, aber wir können über uns und das Leben an sich immer lachen. Auch wenn man es im ersten Blick nicht für möglich halten würde, aber der Humor nimmt einen gewichtigen Teil in dieser Band ein.“ Die nächste Gelegenheit für einen persönlichen Augenschein ob der Qualitäten der Idles gibt es nächste Woche beim Nova Rock. Karten sind unter www.novarock.at noch erhältlich!

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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