So, 16. Juni 2019
05.06.2019 07:00

Neues Album

Aurora: Mit Avantgarde-Pop gegen die Klimakrise

Die Norwegerin Aurora gehört seit ihrer 2015er EP „Running With The Wolves“ zu den spannendsten Pop-Acts der Gegenwart. Auf ihrem neuen Werk „A Different Kind Of Human“ kümmert sich die 22-Jährige um wichtige und gewichtige Themen wie die Klimakrise, das Artensterben und zerstörerischen Individualismus. Die Bergenerin bringt dem seichten Pop-Genre damit wieder eine Protestnote zurück.

The Times They Are A Changin‘! Was Bob Dylan schon vor 55 Jahren besang, ist derzeit umweltpolitische Realität. Die EU-Wahl hat gezeigt, dass es nicht nur, aber vorwiegend in der Klimafrage eine eindeutige Generationskluft gibt. Während die älteren Semester sich großteils an alten Traditionen aufhängen und manche den vom Mensch gesteuerten Klimawandel, der wissenschaftlich längst erwiesen ist, gar leugnen, begehrt die jüngere Generation auf und versucht zwei vor Zwölf noch eine allerletzte Rettung in die Wege zu leiten. Das etablierte Großparteiensystem stürzt europaweit ab und wenn Greta Thunberg auf den Wiener Heldenplatz bittet, dann folgen ihr an einem Fenstertag 35.000 Menschen, um für eine Trendwende einzutreten. In prekären Zeiten wie diesen tut sich auch im Popsegment wieder einiges. Anstatt nur über Beziehungsprobleme, Outfitwahl und die nächste tolle Party zu referieren, zeigen so manche Künstlerinnen ein humanes Gewissen.

Inhaltliche Emanzipation
Für den norwegischen Pop-Superstar Aurora ist die Welt schon seit Karrierebeginn mehr als nur Glitzer und Glamour. Ihr Alternative-Pop, den sie 2015 zuerst auf der gefeierten EP „Running With The Wolves“ und ein Jahr später auf dem Debütalbum „All My Demons Greeting Me As A Friend“ zelebrierte, zeigte die elfenhafte Künstlerin gleichermaßen übernatürlich wie bodenständig. Einerseits das naturverbundene blonde Mädel, das inmitten der malerischen Fjorde und Hügel Bergens in Westnorwegen aufgewachsen ist, andererseits ein früher Popstar mit dem Gespür für Hits, ohne dabei an Authentizität einzubüßen. Kate Bush, Björk, Lana Del Rey oder Florence Welch sind meist die ersten Assoziationen, die zu Aurora Aksnes gezogen werden. Freilich ohne allzu sehr in den Direktvergleich zu gehen, den mit ihrer Vorliebe für zarte Stimmeinsätze, breite Synthie-Flächen und einer sympathischen Verschrobenheit, die sich auch durch die eingängigsten Nummern ziehen, hat sich die bald 23-Jährige längst von all den großen Namen emanzipiert.

Mehr als 200 Millionen Mal wurden Auroras Songs mittlerweile gestreamt und die Fanmassen ziehen sich von Bergen bis hinunter nach Brasilien. Letzten Herbst überraschte sie ohne allzu große Vorankündigungen mit der üppigen EP „Infections Of A Different Kind“ und versprach relativ schnell, ein zweites Werk nachzulegen. „A Different Kind Of Human“ erscheint nun schon dieser Tage und zeigt die fragile Vollblutkünstlerin einmal mehr von einer neuen, gänzlich frischen Seite. Experimentierte sie auf dem Vorgängerwerk noch mit einem 32-köpfigen Chor und Trip-Hop-Elementen, vermischt sie auf dem neuen Werk all die Vorzüge ihrer bisherigen Veröffentlichungen und experimentiert noch stärker mit beliebten Subgenres wie Folktronica oder barocken Indie-Pop. Viel wichtiger ist Aurora aber der Inhalt ihrer Werke. Die Songs drehen sich vorwiegend um die ökologische Krise, die Konsequenzen des zügellosen menschlichen Individualismus und die immerwährende Hoffnung der Künstlerin, dass ihre Fans und Hörer mehr aus den Worten herausziehen und vielleicht auch Taten folgen lassen.

Kampf für die Rebellion
Nun ist Aurora freilich keine „Öko-Terroristin“, legt ihre Finger aber prägnant in jene Wunden, die klaffend offen für jedermann sichtbar sind. War gerade ihr Debüt noch ein Kampf gegen sich selbst und die inneren Dämonen, ist sie drei Jahre später nun soweit gekommen, dass sie Mitmenschen animieren möchte, die Welt wieder ein Stück besser zu gestalten. Im Titeltrack etwa erforscht sie das menschliche Außenseitertum in einer kruden Science-Fiction-Metapher und spricht dabei direkt die Klimaproblematik an. In vielen Interviews hat Aurora bereits gesagt, dass sie mittlerweile genervt davon sei, als „Träumerin“ bezeichnet zu werden, wenn es um Umweltthemen geht. In diesem Song verwendet sie einen Vocoder, singt auch ironisch über sich selbst und geht weit zurück in ihre eigene Vergangenheit. „Der Song beginnt quasi in meiner Kindheit und endet in meiner persönlichen Gegenwart. Es geht um Menschen, die Kindern erzählen wollen, sie könnten den Planeten nicht retten. Irgendwann bleibt das hängen und du verlierst die Lust an der Rebellion, was sehr traurig ist.“

Im Song „The Seed“ setzt sich Aurora mit vergifteten Flüssen und gefällten Bäumen auseinander und prangert den umweltzerstörerischen Turbokapitalismus an. Musikalisch mäandert sie zwischen stoischer Ruhe und eruptiven Ausbrüchen - ein Widerspruch, wie er auch textlich zu Tage treten sollte. „Hunger“, „Apple Tree“, „Animal“ oder „Mothership“, weitere Highlights auf dem einfühlsamen Werk, sind schon im Titel unmissverständlich klar definiert und zeigen Aurora mit dazugewonnener Reife und Weisheit als Role Model für ein neues Umweltselbstverständnis im Mainstream-Pop. Musikalisch klingt Aurora auf „A Different Kind Of Human“ so aufgeräumt und klar wie nie zuvor, doch der Inhalt ist ihr wahres Steckenpferd. „Die Leute sagen immer ,lebe als wäre es der letzte Tag‘ oder ,mach Party, bis du nicht mehr kannst‘, aber so bin ich nicht. Ich sorge mich um die Welt und unsere Zukunft. Die Leute haben Trump gewählt, weil sie frustriert sind und keiner Lösungen anbieten. Wir leben in einem Zeitalter der offenen Augen und Ohren und die Musik sollte der Benzin dafür sind. Nicht, um gegen Menschen anzukämpfen, sondern um das Feuer in uns zu entfachen.“

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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