"Krone"-Reportage

Die dunklen Pläne der georgischen Mafia

Österreich
02.04.2010 16:30
Nach der großen Verhaftungswelle in halb Europa wird jetzt klar: Das Beutegeld aus Österreich sollte auch zum Kampf gegen den georgischen Präsidenten Michail Saakaschwili dienen. "Krone"-Redakteur Peter Grotter über die dunklen Pläne einer hochgefährlichen Verbrecher-Organisation.

Es war eine der größten Fahndungsaktionen der vergangenen Jahre in Europa. Maßgeblich daran beteiligt: spanische, aber vor allem auch österreichische Behörden. Das Ziel: die georgische Mafia, eine der gefährlichsten Verbrecherorganisationen der Welt.

Denn die Tausenden Einbrüche in Wohnungen und Häuser, all die kriminellen Aktionen sind letztlich nur Mittel zum Zweck: Mit Hilfe der millionenschweren Beute – auch aus Österreich – werden nämlich politische Ziele verfolgt. Und zwar nicht mehr und nicht weniger als ein Umsturz in der georgischen Heimat.

Mafia-Struktur: "Brigaden" und Landesorganisationen
Zwei Wochen ist es her, seit Polizeibehörden in halb Europa zum großen Schlag ausholten. 85 Personen wurden verhaftet, 24 davon in Österreich. Und langsam lichten sich die Nebel über Ziele und Absichten der kriminellen Organisation und über deren geheime Geldflüsse. Die Einkünfte stammen wohl hauptsächlich aus Einbrüchen, für die zehn bis zwölf Mann starke "Brigaden" verantwortlich sind. Allein in Wien wurden 37 Kilo Schmuck sichergestellt. Für alles gibt es innerhalb der Organisation einen Experten: für das Ausspähen von lohnenswerten Objekten, für das Knacken der Türen selbst. Ist ein Haus durch eine besondere Alarmanlage gesichert, werden Spezialisten aus dem Ausland eingeflogen, um diese unschädlich zu machen.

Ist die Beute einmal verwertet, kommt ein Teil davon in die sogenannte allgemeine Kasse, den "Obshak". Der dient zur Finanzierung der jeweiligen Landesorganisation, aber auch die Kosten für Anwälte werden daraus bestritten. Teilweise werden die Beutegelder in andere Länder verschafft. Unternehmer, vor allem georgische, werden von der Organisation oft dazu gezwungen, bei den kriminellen Machenschaften mitzuwirken. Dabei wird das Geld unauffällig über Firmenkonten transferiert. Hat ein Unternehmen Niederlassungen in verschiedenen Ländern, dann werden die Beträge bei einer Landesstelle eingezahlt und mit zahlreichen anderen – legalen – Überweisungen ins Ausland transferiert, wo das Geld dann in bar an Mitglieder der Organisation wieder ausbezahlt wird.

Saakaschwili trieb die Mafia ins Ausland
Die georgische Mafia verfolgt aber auch politische Ziele. Hier ist eine kleine Rückschau in die Geschichte notwendig: Als der westlich orientierte Politiker Michail Saakaschwili im Jahr 2004 in Tiflis an die Macht kam, verschrieb er sich dem Kampf gegen die dortigen Paten des organisierten Verbrechens, "Diebe im Gesetz" genannt. Diese mussten nach Russland oder Westeuropa auswandern und konnten vor allem in Spanien, Deutschland, aber auch in Österreich Fuß fassen. Von hier aus unterstützen sie, wie aus einem geheimen Bericht des heimischen Innenministeriums hervorgeht, die außerparlamentarische Opposition in Georgien oder organisieren Demonstrationen gegen die Regierung. Ihr Ziel: Die Lage soll destabilisiert, der verhasste Präsident soll gestürzt werden. Angeblich hat ein in Wien lebender Georgier nicht weniger als eine Million Dollar in derartige Aktivitäten investiert.

Das folgende Beispiel zeigt auch sehr deutlich die strengen militärischen Strukturen der Organisation: Das Geld für die politischen Aktivitäten stammte aus der Verpfändung von Anteilen an einem Hotel in Georgien. Die hatten ursprünglich einem gewissen Dimitri gehört, der seinen Besitz plötzlich wieder zurück haben wollte. Als ihm das verwehrt wurde, drohte Dimitri, die Gerichte einzuschalten. Und das gilt bei den "Dieben im Gesetz" als Todsünde. Bei einer sogenannten "Razporka", einem Treffen der maßgeblichen Paten in Tiflis, wurde der Fall besprochen. Das Urteil der "Diebe im Gesetz": Dimitri bekommt seine Anteile nicht mehr zurück. Er hat sein Recht verwirkt, weil er sich an Behörden gewendet hat.

Einbruchs-Offensive wegen Verlusten durch die Krise
Doch zurück zu den tagtäglichen Einbrüchen, die in Österreich für so große Verunsicherung gesorgt haben - und die skurrilerweise ihren Zusammenhang mit der Wirtschaftkrise haben dürften. "Diebe im Gesetz" haben in Spanien große Geldbeträge in Immobilien investiert. Und gerade der spanische Immobilienmarkt ist durch die Wirtschaftskrise besonders betroffen. Angeblich sollen daraufhin die "Diebe im Gesetz" den Auftrag erteilt haben, das Minus durch Einbrüche – zum Beispiel in Österreich – wieder hereinzubringen. 

In Wien laufen jetzt die Ermittlungen auf Hochtouren. Vor allem gegen Zaali M. und Gocha A., denen eine führende Rolle zugeschrieben wird. Seit der Verhaftungswelle ist, so registrieren Polizeibehörden mit Genugtuung, die Zahl der Einbrüche deutlich zurückgegangen. Ob die georgische Mafia wirklich zerschlagen ist, ist aber fraglich. Der mutmaßliche oberste "Dieb im Gesetz", der in Griechenland lebende Lasha S. (49), ist noch immer flüchtig. Er konnte im letzten Moment entkommen.

von Peter Grotter, Kronen Zeitung

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