So, 16. Juni 2019
31.05.2019 07:00

„Krone“-Interview

Dessa: „Hotelbuchen kickt mein Dopaminlevel“

Dessa heißt bürgerlich Margret Wander und wartet mit einem eher unüblichen Karriereverlauf auf. Hierzulande kennt man sie seit ihrem Wien-Debüt im Fluc als Sängerin und Rapperin, doch sie ist auch Buchautorin, Poetry Slammerin, Businessfrau und zudem stark an Wissenschaft und Technik interessiert. In den USA werden die Qualitäten des 38-jährigen Multitalents immer stärker geschätzt, hierzulande gibt es noch einiges an Nachholbedarf. Im ausführlichen Interview mit uns ließ die sympathische Vollblutkünstlerin hinter die Kulissen blicken und erzählte bereitwillig über ihr buntes und vielseitiges Leben.

„Krone“: Dessa, du bist nicht nur Rapperin, Sängerin, Schreiberin und Poetin, sondern auch wirtschaftlich sehr umtriebig, weil du dich und deine Karriere selber managst. Inwiefern ist es dazu gekommen?
Dessa:
Ich bin prinzipiell nicht die ruhigste Person. Noch nicht einmal, wenn es um Dinge geht, die ich eigentlich beherrsche. Ich habe eine gewisse Grundnervosität, aber keine Panik. Hätte ich vor fünf oder zehn Jahren eine Tour gemacht, die wenig Geld abwarf, hätte das das ganze Abenteuer ruiniert. Heute weiß ich, dass manche Touren mehr, andere weniger Geld abwerfen. Alles zusammengerechnet geht sich immer alles aus. In Wien war ich jetzt das erste Mal, wie in anderen Städten in Europa auch, und da muss man sich die Fanbase erst aufbauen. Wenn man sich als Independent-Künstler alles selbst aufbaut, dann pendelt man zwischen großen Hallen und kleinen Clubs, je nach Beliebtheit. Mir ist das aber egal, denn mir war immer wichtiger, so viel wie möglich von der Welt zu sehen. Wenn das bedeutet, mich sehen nur 30 Leute in einer Stadt, in die ich immer schon wollte, dann ist das eben so. Wie klingt die Sprache, wie ist das Essen, wie kleiden sich die Menschen? Ich will alles erfahren.

Herrscht bei dir auch wesentlich mehr Unsicherheit, wenn du in einer ganz neuen Stadt spielst?
Die größte Herausforderung ist für mich, vor einem Publikum zu spielen, das nicht weiß, was ich mache und auch nicht meine Sprache spricht. Wenn man sich etwas miteinander unterhalten kann, dann klappt es, aber letztes Jahr waren wir einmal in China und das war hart. Ich kann kein Wort Mandarin und nicht jeder kann dort Englisch. Ich kann auf der Bühne keinen Witz machen, wenn etwas danebengeht. So etwas nimmt dir den ganzen Charme.

Die meisten Künstler haben von Wirtschaft keine Ahnung oder wollen sich gar nicht erst darum kümmern. Du bist da gänzlich anders gestrickt. Lag dir das immer schon im Blut?
Ich bin etwas außerhalb der Norm und ich mag das wirklich gerne. Ich bin zum Beispiel schlecht bei meinen Steuern, denn ich kann meine Belege nicht ordnen. Wenn ich aber weiß, dass ich so und so viel Geld für eine Tour zur Verfügung habe, dann stürze ich mich darauf, es so einzusetzen, dass es Sinn macht. Welche Hotels bucht man, welche Deals macht man sich aus, wo gibt es billigere Flugtickets und wo fahre ich mit dem Zug, weil es billiger ist? Das ist ein bisschen nerdy, aber ich habe wirklich viel Spaß daran. Das billigste Hotel in einer Stadt zu finden kickt mein Dopaminlevel in die Höhe. (lacht) Es ist quasi meine Art von Glücksspiel.

Dass du gerne alles selbst machst, mit einem kleinen Team um dich herum, liegt das auch an mangelndem Vertrauen anderen Personen gegenüber?
Es hat Vor- und Nachteile. Ich kann alle meine Entscheidungen treffen, aber ich bin natürlich auch alleine schuld, wenn etwas danebengeht. Ich bin schon eine Perfektionistin und versuche die richtige Balance zu finden, dass ich nicht so sehr in die Details gehe, um das große Ganze zu übersehen. Ende März haben wir zwei Tage mit dem Minnesota Orchestra aufgenommen, für ein Livealbum, das später rauskommt. Jedenfalls wollte ich dort während des Auftritts nicht, dass Eis in den Drinks serviert wird, weil ich das Geräusch der Eiswürfel nirgends auf der Aufnahme wollte. Das ist natürlich pingelig, aber war mir sehr wichtig.

Stört dieser stete Zugang zu wirtschaftlichen Belangen nicht auch manchmal die Kreativität?
Ich habe in erster Linie das Problem, dass viele Künstler haben: Prokrastination. Wenn es um das Fertigstellen geht, brauche ich klare Deadlines. Ich will nie die finale Version aufnehmen, denn ich weiß immer, dass es nicht so perfekt sein wird, wie ich es mir ausmale. Kunst zu erschaffen ist nichts anderes, als eine perfekte Idee mit einer unperfekten Entschuldigung zu zerstören.

Hast du möglicherweise einen weniger träumerischen und eventuell mehr realistischeren Zugang zur Kunst an sich?
Interessante Frage. Ich glaube, dass meine Art von Kunst mehr beabsichtigt ist, weil ich nie der Mensch für große Improvisationen war. Vielleicht gehe ich wirklich weniger träumerisch vor, aber ich hoffe, dass es ambitioniert und kreativ rüberkommt. Ich arbeite aber wesentlich kalkulierter als andere, das ist korrekt.

Mit „My Own Devices: True Stories From The Road On Music, Science and Senseless Love“ hast du eine Essay-Kollektion über dein Wirken und dein Leben geschrieben und letztes Jahr veröffentlicht. Ist das im Endeffekt so etwas wie der ultimative Ratgeber für Leute, die ähnliches wie du erreichen wollen?
Mir geht es weniger darum, Ratschläge zu erteilen. Es ist schon ein Literaturprojekt, das sich um Kunst geht und kein Ratgeber. Es geht auch um Wissenschaft, Liebe, menschliche Beziehungen und Tod. Es ist gleichsam philosophisch wie praktisch. Es ist zudem zu 100 Prozent autobiografisch.

Viele Leser waren positiv überrascht davon, wie offen und ehrlich du in diesem Buch aus deinem Leben erzählst. War das für dich eine unabdingbare Notwendigkeit?
Weder als Leser, noch als Schreiber habe ich ein Interesse für exhibitionistische Kunst. Mir geht es nicht um den Effekt, oder darum, mich bloßzustellen. Ich wollte einfach ehrlich sein, aber dafür muss man natürlich ein paar Geheimnisse teilen. Ich hatte Angst und es war schwierig, das brauche ich nicht abzustreiten.

Natürlich kommen dann Menschen auf dich zu und konfrontieren dich bei Lesungen mit gewissen Passagen. Hattest du Angst davor?
Kurz bevor das Buch rauskam, war ich wirklich nervös. Ich starrte an die Decke und überlegte, was ich da angerichtet hätte. Ich muss aber auf Holz klopfen, denn niemand hat mich mit einzelnen Passagen belagert, sondern alle haben sich sehr freundlich und respektvoll verhalten. Niemand hat mich verletzt.

Hast du für manche Passage eine gewisse Stimmung benötigt, weil du sie sonst gar nicht hättest schreiben können?
Bei den persönlichsten Stellen im Buch hatte ich lange Zeit das Bedürfnis, sie endlich rauszulassen. Es ging also darum, einen Weg zu finden, sie richtig auszudrücken. Ein Teil des Buches dreht sich um eine Beziehung, die mich privat über Jahre mitgenommen hat, aber das trug ich damals natürlich nicht in die Öffentlichkeit. Wenn ich viel schreibe, dann höre ich meist den selben Song immer wieder, damit das Gefühl unverändert bleibt. Ich brauche diese Art von Standard, damit der Rhythmus der Wörter und die Metaphern sitzen. Auch wenn es vielleicht Monate dauert, bis ein Essay wieder richtig sitzt.

Steht das Buch in direkter Verbindung mit deinem letzten Herbst veröffentlichten Album „Chime“?
Mitunter ja. Ich schreibe im Buch auch über diverse Songs oder Erfahrungen auf Tour, was dann auf der anderen Seite in Songtexten nachhallt.

Ursprünglich hast du mit dem Schreiben und mit Poetry Slam begonnen, zum Gesang und dem Rap kamst du erst später. Brauchst du beide Kunstformen, um dich richtig und vollständig ausdrücken zu können?
ich glaube schon. Obwohl meine Musikkarriere immer stärker wuchs, fühlte ich mich unglücklicher. Ich hatte wenig Erfolg als Schreiber und für mich gibt es enorme Unterschiede in den Facetten meiner Persönlichkeit auf einer Buchseite oder in einem Song. Humor ist für mich viel einfacher auf der Bühne oder in einem Buch zu vermitteln, als in einem Song. Ich habe schnell gemerkt, dass meine Lieder immer von einer gewissen Dramatik durchzogen sind und es war schwer, das zu ändern. Als ich mein erstes Buch schrieb, war ich total erfreut über die Musik, weil das Projekt abgeschlossen war und ich mich endlich wieder auf Songs konzentrieren konnte. Ich hatte oft das Gefühl, dass ich der Musik etwas abverlangte, was für mich gar nicht gesund war. Wie im Privatleben, wenn man jemanden in einer Beziehung zu etwas zwingt, dass er gar nicht tun will.

Befruchtet die eine Kunstform die andere?
Künstlerisch bin ich nur dann erfüllt, wenn ich die Möglichkeit habe, mich in beiden Disziplinen zu bewegen.

Ist es nicht leichter, deine Gedanken in Buchform zu pressen, als diese Offenheit auf der Bühne in Form deiner Songs an ein direkt vor dir stehendes Publikum weiterzugeben?
Oh nein, tatsächlich nicht. In den Songs habe ich viele Emotionen, kann sie aber in Form von Metaphern weitergeben. In einem langen Buch kann ich nicht mit Metaphern arbeiten, weil das keiner mehr verstehen würde. Insofern kann ich mich im Buch nicht so sehr von mir selbst und meinen Sorgen, Ängsten und Problemen distanzieren. Vielleicht liegt das auch nur daran, dass das Buch so extrem persönlich ist.

Denkst du dir manchmal, was im schriftstellerischen Sinne als nächstes kommen sollte, nachdem du hier so ehrlich und offen warst?
Ich habe auch Poesie und Fiktion geschrieben, eine lange Zeit sogar. Ich habe einen Fünf-Jahres-Plan wenn es um die Musik geht, aber meist wird der über den Haufen geworfen, weil der Job in der Kunst immer sehr spontan ist. Derzeit gibt es keinen großen Verlag, der mit mir ein großes poetisches Werk plant, aber ich hätte auch nichts dagegen, wenn sich was Kleines ergibt. Nachdem „My Own Devices“ draußen war, habe ich nur vier Wochen vorgeplant, weil ich ohnehin darauf achten musste, dass sich das Werk verkauft. Man kann keine Langzeitpläne machen. Bei den Lesungen habe ich versucht, etwas mehr Comedy reinzubringen. Natürlich ist das ein Widerspruch zu den harschen und ernsten Themen, aber ich will auch nicht, dass die Menschen eine Stunde lang voller Trauer vor mir sitzen.

Geht es dir bei der Musik auch so, dass du zwar oft harte Themen an die Oberfläche bringst, am Ende aber alles positivierst und Lösungen anbietest?
Wenn ich Musik höre, dann habe ich auch mal Lust auf traurige Songs. Aber klar, ich will keine 30 Minuten Trauer auf einem Album versprühen. Ich glaube nicht, dass ich bewusst Lösungen anbiete, aber ich versuche meine Alben zu balancieren. Manche Songs sind langsamer, andere schneller oder melancholischer.

Bist du deiner Meinung nach der großen Kate Tempest ähnlich, die ebenfalls Poesie und Lyrik mit Musik und Rap vermischt?
In sehr breit gefasster Hinsicht kann ich den Vergleich nachvollziehen. Wir beide lieben Sprachen, schreiben per Hand in einen Notizblock und schätzen Musik.

Kann man Schreiben eigentlich handwerklich lernen, oder liegt das eher an einem überdurchschnittlichen Talent?
Das weiß ich auch nicht so genau. Ich bin definitiv besser geworden und sehe Leute, die sich nicht weiterentwickeln. Das ist glaube ich bei jedem anders. Ich hatte immer schon ein Talent für Sprachen, aber ich war nie gut, mich zu präsentieren. An Sicherheit zu gewinnen hat bei mir Jahre gedauert.

Du kannst zwischen Rap und normalem Gesang innerhalb von Sekundenbruchteilen wechseln, ohne dass es hakt oder unnatürlich wirkt. Auch dieses Talent ist nicht jedem gegeben.
Manchmal finde ich diese Mischung selbst sehr surreal. (lacht) Es kommt auf den Text an, dass ich weiß, ob ich jetzt singe oder rappe. Ich mag es, wenn die Songstrukturen sehr unterschiedlich sind. Wenn ein Refrain komplett anders klingt als ein Vers, bin ich zufrieden. Da fällt es mir dann auch leichter, zwischen den verschiedenen Polen zu wechseln.

Nachdem gerade so viel bei dir passiert ist - wie sieht es in der näheren Zukunft aus? Was darf man von dir erwarten?
Nach dieser Europatour geht es zurück in die USA und es wird bald brandneue Musik geben. Ich toure anschließend im Südwesten der USA und dann spielen wir mit dem BBC National Orchestra aus Wales. Wir haben sogar schon mit ihnen geprobt und alles abgestimmt. Das wird mein europäisches Orchester-Debüt und wir werden im Herbst eine große Show in Cardiff spielen. Da bin ich sehr nervös, denn so ein ambitioniertes Projekt hatte ich in Europa noch nie. Ich lerne sogar den walisischen Akzent, damit alles möglichst authentisch wird. Es wird ein sehr spezieller Event.

Was fasziniert dich eigentlich so sehr an Orchestern? Du hast ja immer wieder in diesen Bereichen gearbeitet.
In vielen Rapsongs sind die Drums so groß und der Bass ist so schwer, dass du ein Gesicht ziehst, als ob du etwas Scheußliches riechen würdest. Bei einem Orchester ist die Arbeit so anders. Da sind 75 Vollblutmusiker, denen du überhaupt nichts vormachen kannst. Das sind Meister ihrer Zunft. Die Songs, die ich mit einem Orchester spiele, fühlen sich so an, als ob du von einem Apartment in ein Hochhaus ziehst. Die Dynamik ist sehr dramatisch, was ich wirklich gern mag. Ich war stets ein großer Fan von Streichern und finde ihre Klänge wunderschön. Man hat auf Tour als Rapper nicht immer Zugang zu echten Streichern, aber meine Songs sind oft bewusst darauf aufgebaut. Einfach deshalb, weil ich diese Sound-Tsunamis, die so opulent klingen, liebe.

Willst du den Rap mit deiner persönlichen Auffassung davon auch in gewisser Weise revolutionieren oder erneuern?
Revolutionieren ist etwas zu großspurig. Wenn ich live spiele, ist es mir immer wichtig, die Erwartungen der Zuseher nicht klar zu erfüllen. Ich will die Leute immer überraschen, denn sobald der Moment eintritt, wo ihre Erwartungen nicht klar erfüllt werden, beginnt die wahre Aufmerksamkeit einzusetzen. Sie sind dann bereit, mitzumachen und sich fallen zu lassen. Das Element der Überraschung ist ein wichtiger Teil meiner Shows. Wenn du etwas siehst, dass du niemals zuvor gesehen hast, ist deine eigene Kuriosität im Spiel. Herz und Hirn springen herum und konzentrieren sich.

Wann hast du dich eigentlich selbst das letzte Mal so richtig überrascht?
Nachdem wir die Orchester-Shows in den USA aufgenommen haben, hatte ich Angst, dass die Audiospuren zwar enthusiastisch genug, aber nicht musikalisch genug klingen würden. Wenn ich für gewöhnlich live spiele, dann bin ich oft außer Atem und man hört die Fehler raus. Ich habe die Masterbänder erstmals in einem Lebensmittelgeschäft gehört und fing sofort zu weinen an. Aber aus Freude, weil ich nicht glauben konnte, dass ich darauf wirklich so schön klinge. (lacht) Mit den Musikern in Cardiff zu arbeiten, war auch eine Selbstüberraschung. Ich habe mit einem großen Jetlag etwas über walisische Folk-Musik gelernt, obwohl ich dachte, dass nichts mehr in meinen Schädel passt.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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