So, 16. Juni 2019
28.05.2019 07:00

„California Son“

Morrissey: Mit neuem Coveralbum auf Kuschelkurs

Englands bekanntester Parade-Provokateur Morrissey meldet sich dieser Tage mit dem Coveralbum „California Son“ zurück. Nach mehreren Jahren voller Niederschläge will der 60-Jährige mit der respektvollen Verbeugung vor seinen Helden aus den 60er- und 70er-Jahren wohl eine späte Kehrtwende einleiten. Das gelingt musikalisch eher semigut, ideologisch ist der Schritt aber möglicherweise karriererettend.

Die Diskussion, ob man die Kunst vom Künstler trennen darf und soll, ist eine seit langer Zeit bestehende und gemeinhin nicht einfach zu lösende. Inwiefern darf man die großen Kompositionen von Pink-Floyd-Legende Roger Waters hören, wenn er vehement gegen Israel poltert? Ist es okay, die polnische Black-Metal-Band Mgla zu boykottieren, weil die Band einmal mit einem rechtsgerichteten finnischen Sänger die Bühne teilte, in ihren Texten aber nicht zu Hetze aufruft und Ressentiments schürt? Kann man die verdiente Pop-Legende Morrissey heute noch problemlos hören, wenn er auf seinen Konzerten mit brutalen Tierermordungsvideos gegen Fleischkonsum vorgeht und nationalistische Tendenzen in seiner Heimat Großbritannien schützt? Im Endeffekt muss das ohnehin jeder mit sich selbst ausmachen, denn für Morrissey gilt dasselbe für die anderen beiden angeführten Parteien - in den musikalischen und textlichen Inhalten lässt man sich prinzipiell wenig zu Schulden kommen.

Versuch der Kehrtwende
Nach dem viel diskutierten „Spiegel“-Interview vor einem Jahr überlagerte das Interesse an seinen Ansichten doch deutlich seine musikalischen Auswürfe. Das hat den graumelierten Grantler offenbar selbst zum Umdenken gebracht, wodurch er sich mit politischen Äußerungen in den letzten Monaten vornehm zurückhielt. Als einzig übriggebliebene Botschaft fungiert ein „For Britain“-Anstecker. Ein deutlich sichtbares Zeichen zur Unterstützung einer schwer rechten britischen Splitterpartei, doch in einer Demokratie soll und muss man divergierende Meinungen und Ansichten aushalten, auch wenn sie nicht immer sonderlich human und verbindend erscheinen mögen. Viel interessanter ist da schon die Tatsache, dass sich Morrissey auf seinem neuen Cover-Album „California Son“ trotz klarer politischer Schlagseite gerne jener Größen bedient, die sich ideologisch am anderen Ufer befinden. Für den 60-Jährigen selbst war das Einspielen dieses Hobbywerkes die Erfüllung eines lang gehegten Lebenstraums. Möglicherweise ist das Album aber auch eine Art von Entschuldigungstour, die sich an all jene treuen und loyalen Fans richtet, deren unbändige Liebe vom Mozzer sträflich ignoriert wurde.

Als wichtigste Botschaft des „Geläuterten“ fungieren dabei namhafte Gäste. Dass man Grizzly Bears Ed Droste, Ariel Engle von Broken Social Scene und Green-Day-Chef Billie Joe Armstrong am Album selbst kaum heraushört, ist nebensächlich. Morrissey geht es vielmehr um die nach außen gerichtete Message der Inklusion. Allen zu zeigen, dass er sich immer noch mühelos aus seiner selbstgestrickten Isolation befreien kann. Die Songs selbst sind eher im obskuren Bereich angesiedelt und wurden nicht nach Hit- oder Popularitätsfaktor gewählt. Wäre bei einem kunstbeflissenen Vollblutmusiker wie Morrissey so aber auch nicht zu erwarten gewesen. „Don’t Interrupt The Sorrow“ von Joni Mitchell, „Only A Pawn In Their Game“ von Bob Dylan und Roy Orbisons (zäh umgesetztes) „It’s Over“ sind die bekanntesten Tracks, die Moz zwar inbrünstig und mit viel Liebe zum Original wiedergibt, zuweilen aber mit etwas zu viel Schmalz und kompositorischer Großspurigkeit zukleistert. Der Dylan-Track ist übrigens dem 1963 ermordeten Bürgerrechtsaktivisten Medgar Evers gewidmet, „Days Of Decision“ ist ein Klassiker des linken Protest-Sängers Phil Ochs.

Krallen einziehen
Die Songs mäandern alle in Morrisseys Jugendphase, stammen gänzlich aus den 60er- und 70er-Jahren, wo Musik noch Protest bedeutete und sich die Innovation in den einzelnen Songs ihre unikalen Bahnen schuf. Die mit seinem langjährigen Freund Joe Chiccarelli produzierten Tracks zeigen den Popstar zwar ehrfürchtig und motiviert, in vielen Bereichen aber auch etwas schmalbrüstig und abgehalftert. Das Album an sich wirkt viel mehr wie eine Ansammlung einzeln aussortierter Erinnerungen und Lebensphasen des covernden Interpreten, kommt aber niemals wirklich in einen klanglichen Fluss. Gegen die Studioalben Morrissey kommt „California Son“ zu keiner Sekunde an, auch wenn er zwischendurch wirklich starke Momente aufweist. Etwa bei der gelungenen Single-Auskoppelung „Wedding Bell Blues“ von Laura Nyro oder Carly Simons „When You Close Your Eyes“. Ein Morrissey auf Kuschelkurs - es wird sich in naher Zukunft zeigen, ob die Krallen auch dauerhaft eingezogen bleiben.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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