So, 26. Mai 2019
14.05.2019 09:00

Naturschützer:

„Für die Wirtschaft wird leider alles geopfert...“

Prof. Johannes Gepp ist langjähriger Leiter des steirischen Naturschutzbundes, keiner Lobby verpflichtet und wohl über jeden Verdacht erhaben. Wenn er also ernsthaft mahnt, dass wir im Sachen Flüsse, Auen und Energiegewinnung einen höchst bedenklichen Weg gehen, dann sollte die Gesellschaft wohl aufhorchen.

„Krone“Wenn Sie hören, dass, wie eine aktuelle Studie zeigt, weltweit nur noch ein Viertel aller Flüsse ungestört fließen können, sagen Sie...?
Johannes Gepp: ...dass das in der Steiermark auch nicht anders ist! Viele sind auf der ganzen Strecke naturfern, reguliert, die Aubereiche zerstört. Allein in der Mur gibt es an die 30 Wasserkraftwerke. Die Entwicklung hat natürlich viele Auswirkungen und dabei signifikant negative.

Zum Beispiel?
Eines der größten Probleme für die unterliegenden Auen sind die Stauraumspülungen unserer Wasserkraftwerke. Ihre bei Hochwässern abgeschwemmte Schlammfracht von Millionen Tonnen „schwarzer Sauce“ tötet Millionen Fische und verlegt außerdem die Flussaltarme darunterliegender Auen der Nachbarstaaten.

Aber Wasserkraft ist doch die grünste Energiekraft?
Dass die Wasserkraft eine gänzlich grüne Energieform ist, ist stark zu bezweifeln, auch wenn bunteste Reklame das immer wieder trommelt. Wasserkraftwerke um jeden Preis werden von zukünftigen Generationen einen hohen Preis abverlangen. Das Grazer Murkraftwerk ist dafür ein Paradebeispiel. Mit billigsten Auflagen wurden an die 25.000 Mur-Bäume in der Stadt eliminiert und werden großteils irgendwo fernab als Kleinstbäume ersetzt. So etwas ist nicht wieder gutzumachen.

Welche Probleme haben unsere Gewässer noch?
Ganze Abschnitte verlieren ihren Baumbewuchs, man pflügt bis in den Uferrand, von Dünger- und Pestizideinbringungen bis an die kleinsten Gewässer gar nicht zu reden. Manche verlangen 30 Meter Abstand vom Ufer - von Konsequenzen, wenn man sich nicht daran hält, hört man allerdings kaum etwas. Ein großes Problem ist die politische Einflussnahme gegenüber jenen, die sich nicht an die vorhandenen Bestimmungen halten. Beamte werden bei Pflichterfüllung oft genug zurückgepfiffen beziehungsweise manche riskieren sogar ihre Jobs, wenn sie für Natur- und Umweltschutz eintreten. Die Steiermark geht hier einen fatalen Weg. Und die kritischen Führungskräfte der Wasserwirtschaft wurden schon vor Jahren entmachtet.

Jetzt gibt es ja gesetzliche Änderungen. Wie bewerten Sie diese?
Diese stellen Betreibern künftig auch noch einen Verfahrensanwalt für ihre Projekte zur Seite. Das ist dann so: Auf einer Seite steht der Betreiber mit viel Geld, der Gutachter bezahlen kann, finanziell einen langen Atem und Anwälte hat. Und künftig sogar die Hilfe des Staates. Und auf der anderen Seite sind kleine NGOs, die nichts haben, die sich durchkämpfen müssen, deren Mahnrufe ungehört verschallen. Wie, meinen Sie, wird so etwas ausgehen?

Was sind Ihre Forderungen aus Expertensicht?
Die Wiederanbindung isolierter Flussaltarme, wie beispielsweise an der Raab vor Jahren erfolgreich umgesetzt - bitte auch an der Kainach, Enns, Sulm. Dann die Ausweitung aller Uferstreifen auf 10 Meter im Siedlungsraum und bis 30 Meter in Schutzgebieten, wo immer möglich! Die ganze Steiermark wäre Anwendungsraum. Weiters die Vermeidung des Eindringens von Ackersedimenten durch Hochwässer: Jeweils Hunderttausende Tonnen kostbarer Feinerde gehen je Extremereignis über Bäche und schließlich über die Mur bis ins Schwarze Meer. Fernhaltung der Gülle und Pestizide von Uferrändern.

Und speziell für Auen?
Absoluter Schutz der letzten, kläglichen Au-Reste sowie keine weiteren Äcker in Flussauen, etwa in der Südost-Steiermark. Mit sofortiger Wirkung!

Ihre Conclusio?
Es wird derzeit alles der Wirtschaft untergeordnet, nichts anders zählt. Für einen kurzfristigen wirtschaftlich Investitionsvorteil opfert man langfristig die ökologischen Funktionen. Im Übrigen ein Trauerspiel, das sich quer durch alle Bereiche der steirischen Landnutzung zieht. Die Kosten dafür tragen zukünftige Generationen. Wenn es statt „errichtet von“ dann „zerstört unter“ heißt, läuft etwas richtig falsch.

Christa Bluemel
Christa Bluemel

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