Do, 23. Mai 2019
21.04.2019 06:01

Forschung und Glaube

Die ewige Frage: Was war zuerst da, Huhn oder Ei?

Zu Ostern sind die bunt bemalten Eier als Symbol der Auferstehung und des Lebens sprichwörtlich in aller Munde. Doch eine ewige Frage beschäftigt nach wie vor nicht nur die Österreicher, sondern auch die Wissenschaft: Was war zuerst da, die Henne oder das Ei?

Treffen sich ein Philosoph, ein Genetiker und ein Hühnerzüchter, um eine quälende Frage zu beantworten: „Wenn das erste Huhn aus einem Ei geschlüpft ist, dann muss das Ei ja zuerst da gewesen sein. Aber wo kommt das Ei her?“ Was wie der Anfang von einem Kinderwitz klingt, spielte sich im Jahr 2006 tatsächlich in Großbritannien ab: Unter der Leitung des Evolutionsforschers John Brookfield erläuterten drei Fachmänner unterschiedlicher Disziplinen den Ursprung des ovalen Wunders.

Und einigten sich auf folgende Conclusio: Zuerst kam das Ei, dann das Huhn. Grund: Das Erbgut eines Tieres verändert sich im Laufe des Lebens nicht. Folglich kann aus einem Nicht-Hühnerei auch kein Huhn schlüpfen.

Vier Jahre später stellten ebenso britische Forscher eine Gegenthese auf: Sie simulierten die exakte Entstehung einer Eierschale. Dabei stellten sie fest, dass für die Schalenbildung das Protein Ovocledidin-17 notwendig ist. Dieses Eiweiß wird in den Eierstöcken der Henne produziert. Fazit: Ohne Henne kein OC-17 - und damit auch keine Schale und kein Ei.

Ribonukleinsäure als Ursprung des Lebens
Welche der beiden Theorien ist nun tatsächlich „das Gelbe vom Ei“? Die bekannte Biochemikerin Renée Schroeder erforscht seit Jahrzehnten den Ursprung des Lebens - und wirft gleich beide Theorien über den Haufen: „Wenn sich zwei streiten, freut sich der Dritte. Oft ist es unmöglich zu wissen, was zuerst da war. Das gilt wenn A von B abhängig ist, und B von A.“ Damit sei auch die Henne-Ei-Frage erklärt, die Schroeder mit einer eigenen Wortkreation beantwortet: dem Henn-Ei - in der Wissenschaft besser als Ribonukleinsäure (RNA) bekannt. „Die RNA ist das Molekül des Lebens, denn sie ist Henne und Ei in einem.“

Jahrelang hätte sich der wissenschaftliche Diskurs um die zwei Komponenten DNA und Proteine gedreht. Um Proteine, weil sie notwendig sind, um den Stoffwechsel zu steuern und um DNA herzustellen. Und um die DNA, die wiederum die wichtige Information enthält, um Proteine überhaupt erst herzustellen. Schroeder: „In dem Streit ging es darum, ob die Information in der DNA zuerst gebraucht wird, oder die Funktion selbst, also Proteine. Dann wurde klar, dass es weder die DNA noch die Proteine waren, sondern die Ribonukleinsäure. Sie hat beides - Information und Funktion!“

Bereits vor mehr als 2000 Jahren löste der griechische Philosoph Aristoteles mit der Henne-Ei-Frage beschäftigt. Und kam zu einer ganz anderen Erkenntnis. Er ging nämlich davon aus, dass es in der Welt keinen Anfang und kein Ende gibt, sondern nur einen Kreislauf - und deshalb müsse die Henne-Ei-Frage auch gar nicht beantwortet werden.

„Zweifel sind nötig, um Fortschritte zu machen“
Im Interview mit der „Krone“ plauderte die Forscherin Renée Schroeder auch über Religion und Wissenschaft. Und wie Sie es mit Ihrem eigenen Glauben am Ostersonntag hält.Seit mehr als 30 Jahren geht Renée Schroeder (65) dem Ursprung allen Lebens nach. Zum Ostersonntag sprach die „Krone“ mit ihr über das Henne-Ei-Problem welchen Einfluss die Wissenschaft auf ihren Glauben hat.

„Krone“: Goethe sinnierte: „War die Henne zuerst? Oder war das Ei vor der Henne? Wer dies Rätsel erlöst, schlichtet den Streit um den Gott.“ Wie stehen Sie als Forscherin zur Kluft zwischen Wissenschaft und katholischem Glauben?
Renée Schroeder: Ich bin ja überzeugt, dass Götter eine Erfindung der Menschen sind und nur in unseren Köpfen existiert. Menschen wollen, dass es etwas „Übermächtiges“ gibt und weil ihr Wunsch stark ist, glauben sie daran.

Ist die Wissenschaft über den Glauben erhaben?
Wissenschaft und Glaube sind zwei unterschiedliche Paar Schuhe. Beim Wissen ist es sehr langwierig, Gewissheit zu erlangen. Auch muss immer ein bisschen Zweifel bleiben, damit die Wissenschaft Fortschritte macht. Da viele Menschen bequem sind, lassen sie sehr leicht vom Glauben überzeugen. Ich bin kein bequemer Mensch und ziehe es vor, mich nach den Regeln der Wissenschaft mit existenziellen Fragen zu beschäftigen.

Wie halten Sie es mit Ihrem Glauben? Feiern Sie Ostern?
An die Wiederauferstehung glaube ich nicht. Je nachdem in welchem Land ich gerade bin, feiere ich Ostern anders oder gar nicht. In Österreich gibt es ein Frühstück mit Schinken, Eiern, und einem Reindling. Wenn ich in Luxemburg bei meiner Mutter bin, ist es eher ein festliches Mittagessen. In den USA haben wir Freunde zum Brunch eingeladen.

Zur Person
Renée Schroeder, geboren 1953 in João Monlevade, Brasilien, studierte Biochemie in Wien, verbrachte ihre Lehrjahre in München, Paris und in Albany/NY. Seit 2005 leitet sie das Department für Biochemie und Zellbiologie an der Universität Wien. Zwischen 2001 und 2005 war sie Mitglied der Bioethik-Kommission der österreichischen Bundesregierung, 2003 erhielt sie den Wittgensteinpreis und 2011 den Eduard Buchner Preis. 2002 wurde sie zu Österreichs Wissenschaftlerin des Jahres gekürt. In ihrem Buch „Die Henne und das Ei“ erklärt die Biochemikerin, welche Bedeutung das „Henn-Ei“ für unser zukünftiges Weltbild hat. Das Werk wurde 2012 zum Wissenschaftsbuch des Jahres gekürt.

Alexandra Halouska, Kronen Zeitung

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