Di, 23. April 2019
14.04.2019 11:00

Kolumne „Im Gespräch“

„Von wem lasse ich mir sagen, wer ich bin?“

Klassentreffen. 20 Jahre Matura. Eigentlich wollte ich gar nicht hingehen. Ich mag diese Dates mit der Vergangenheit nicht besonders. Diesen Mix aus Nostalgie und Angeberei, wenn man versucht, den Bekannten aus früheren Tagen zu demonstrieren, was aus einem geworden ist. Dass man die Erwartungen, die damals in einen gelegt wurden, erfüllen konnte.

„Und was ist aus dir geworden?“, fragten sie. „Du warst doch immer so ein Alphatier! Eine, der alles leichtgefallen ist!“ Und ich fragte mich: Meinen die mich? Ich – ein Alphatier? Dem alles leichtfällt? Haben sie den Druck denn nicht gespürt, dem ich mich tagtäglich selbst ausgesetzt hatte? Nicht die Angst, zu versagen? Haben sie meine Unsicherheit nicht gespürt, jedes Mal, wenn ich das Wort ergriffen hatte? Meine Klassenkameraden hatten offenbar etwas in mir gesehen, das ich selbst nie so wahrgenommen habe. Und wie immer, wenn Selbst- und Fremdwahrnehmung aufeinanderprallen, kommt die Frage auf: Wer bin ich? Bin ich die, die ich sehe? Oder die, die andere in mir sehen? Von wem lasse ich mir sagen, wer ich bin?

Jemand, der sehr genau wusste, wer er ist, der sich treu blieb und nicht der Versuchung erlag, dem Bild der anderen zu entsprechen, war Jesus. Das wird bei seinem Einzug in Jerusalem am Palmsonntag besonders deutlich. Mit höchsten Erwartungen laufen ihm die Menschen entgegen, legen Palmwedel zu seinen Füßen und rufen „Hosianna“! Sie erwarten, dass Jesus die römische Besatzungsmacht mit dem Schwert aus dem Land hinausjagen wird. Dass er das korrupte politische System und die Dauerdemütigung der Israeliten beenden wird. Mit ihm soll eine neue, gerechte Zeit anbrechen. Jesus kennt diese Wünsche und Erwartungen. Und er weiß, dass er sie enttäuschen wird.

Sein Schwert ist das Wort
Statt hoch zu Ross, reitet er auf einem Esel, dem Lasttier des Alltags, in Jerusalem ein. Sein Schwert ist das Wort, und sein Widerstand gegen die Ungerechtigkeit der Welt kommt ohne Gewalt aus. Die Menschen werden das nicht verstehen. Und nicht hinnehmen. Am Ende der Woche wird aus den Hosianna-Rufen ein „Kreuzige ihn“. Sie werden ihm eine Dornenkrone auf den Kopf drücken und ihn ans Kreuz nageln. Weil Menschen so oft nicht akzeptieren können, dass einer anders ist. Anders als man denkt und hofft.

Jesus wusste, wer er war
Wir hingegen können immer nur Suchende und Fragende sein. Nie Vollkommene. Oft werden auch wir Hoffnungen, die andere in uns setzen, enttäuschen. Bilder, die andere von uns haben, zerstören. Das tut weh und gehört dazu. Genauso gehört es aber dazu, hinzuhören. Wahrzunehmen, was andere in uns sehen. Wofür wir in unserem Selbstbild blind sind. Und aus all den vielen Stimmen die Stimme Gottes herauszuhören, der sagt: Ich kenne dich. Du gehörst zu mir!

Evangelische Vikarin Julia Schnizlein, Kronen Zeitung
julia.schnizlein[@]lutherkirche.at

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