"Es ist so passiert", zitierte Abt Ebhart aus dem Gespräch mit einem der beschuldigten Patres. Der heute 75-jährige Geistliche soll als öfters angewendete Form der Strafe und Erniedrigung den Kopf eines Schülers, der sich neben ihm hinknien musste, gerieben und fest in seinen Schoß gedrückt haben. Dabei soll es auch Ohrfeigen gegeben haben, schilderte eines der Missbrauchsopfer den "OÖ-Nachrichten".
Der Geistliche hatte den Vorwurf zunächst als "Unsinn und ein Zusammenreimen nach 30 Jahren" bezeichnet, die Aussage später aber bedauert, so Ebhart. Der Mitbruder sei "sehr betroffen", dass seine Handlungen als Missbrauch erlebt worden seien.
Die Vorwürfe gegen die drei Patres umfassen Misshandlungen gewalttätiger Natur wie auch sexuelle Übergriffe. Ein Opfer sprach davon, dass einer der Patres seine Hand in die Pyjamahose eines Schülers geschoben habe. Ein anderes Mal habe ein Geistlicher seinen Kopf zwischen die Füße eines Jugendlichen gedrückt.
"Es braucht Klarheit"
"Ich bedauere, dass Menschen solche Leiderfahrungen in unseren Einrichtungen gemacht haben", erklärte Ebhart, der Kremsmünster seit drei Jahren als Abt vorsteht. Das Stift habe ein Interesse daran, dass alle Fälle aufgearbeitet werden, und sei froh um jede Hilfe von staatlichen und diözesanen Stellen. Man werde die Vorwürfe in die diözesane Kommission gegen Missbrauch und Gewalt einbringen und deren Empfehlungen umsetzen.
"Es braucht die Klarheit, aber genauso die Barmherzigkeit", betonte Ebhart. Einer der drei Kremsmünsterer Mitbrüder sei geistlicher Begleiter von Schülern gewesen, ein anderer habe Pfarrtätigkeiten verrichtet, der dritte Aufgaben im Stift versehen. An die oberösterreichische Kommission seien - Kremsmünster eingerechnet - aktuell in Summe neun Missbrauchsvorwürfe herangetragen worden, berichtete ihr Vorsitzender Josef Gruber bei der Pressekonferenz.
Weitere Meldungen aus Wien und Vorarlberg
In den letzten Tagen haben sich nicht nur weitere Opfer sexueller Übergriffe bei den zuständigen Ombudsstellen in den Diözesen gemeldet, auch die Telefone bei den Kirchenbeitragsstellen laufen heiß. Mitglieder machen ihrem Unmut Luft, auch die Austritte, die im vergangenen Jahr Rekordniveau erreicht hatten, werden befürchtet.
Allein die Erzdiözese Wien vermeldete am Donnerstag zwölf mögliche neue Missbrauchsfälle, die allesamt in der vergangenen Woche bei der Ombudsstelle gemeldet wurden. Auch im Internat des Privatgymnasiums des Bregenzer Zisterzienser-Klosters Mehrerau könnte es offenbar noch weit mehr als die in den vergangenen Tagen bekanntgewordenen Missbrauchsfälle gegeben haben. Ein ehemaliger Schüler schilderte dem ORF den Missbrauch mehrerer seiner Mitschüler und ging auch auf die Rolle des damaligen Abts Kassian Lauterer ein: "Dieser hat - man muss fast sagen - uns befohlen, darüber den Eltern ja kein Wort zu sagen".
Die meisten Diözesen betonen, dass es sich oft nicht um sexuellen Missbrauch, wohl aber um gewalttätige Übergriffe handeln würde, die den Ombudsstellen nun vermehrt gemeldet werden. Viele davon würden Jahrzehnte zurückliegen. Aufgrund des Ansturms kündigte die ebenfalls von Missbrauchsfällen erschütterte Erzdiözese Salzburg sogar an, ihre Ombudsstelle zu erweitern. Auch dort fürchtet man einen deutlichen Anstieg bei den Austritten. In Zahlen bereits spürbar wird die Missbrauchswelle in den Austritten der Diözese Feldkirch. Im Jänner 2010 kehrten dort knapp 350 Personen der Kirche den Rücken, mehr als doppelt so viele wie 2009.
Politische Debatte über Verjährung und Anzeigepflicht
Auch eine politische Debatte ist angesichts der Missbrauchsfälle entbrannt. SPÖ-Justizsprecher Hannes Jarolim forderte unter anderem eine Verlängerung der Verjährungsfristen sowie eine Verdoppelung des Strafrahmens. Weiters drohte er der Kirche mit einer "gesetzlichen Anzeigepflicht", falls sie ihre Kenntnisse von sexuellem Missbrauch weiterhin geheim halte. Für die Opfer will Jarolim einen Entschädigungsfonds, aus dem 50.000 bis 70.000 Euro als Schmerzensgeld und für Behandlungskosten bezahlt werden können. Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek kann sich sogar einen Wegfall der Verjährungsfristen vorstellen.
Justizministerin Claudia Bandion-Ortner erklärte, sie sei bereit, eine Anzeigenpflicht bei Sexualdelikten (die es für kirchliche Institutionen derzeit nicht gibt, Anm.) zu diskutieren. Sie habe allerdings "keine konkreten Pläne und keinen Grund, jetzt aktiv zu werden", sei aber "offen" und beobachte die internationale Debatte.
Eher Zurückhaltend geben sich auch die Grünen: Über Verjährungsfristen könne man grundsätzlich diskutieren, meinte Justizsprecher Albert Steinhauser. Wichtig sei hier aber der Expertendiskurs vor allem mit Psychotherapeuten, jedenfalls sei er gegen "Schnellschüsse". Einen Runden Tisch forderte BZÖ-Chef Josef Bucher. Vertreter der Regierung, der Kirchen, der Opfer und Experten sollten gemeinsam - nicht ausschließlich auf die katholische Kirche bezogen - Hilfen für Opfer von Kindesmissbrauch finden und vorbeugende Maßnahmen beschließen, so Bucher.
Soziologe: "Es geht um Macht"
Der Soziologe Roland Girtler sieht die Gründe für die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche in deren hierarchischen Struktur: "Es geht um Macht, um Degradierung von Kindern", sagte er am Donnerstag in Reaktion auf die neuen Missbrauchsvorwürfe. Girtler hat in den 50er-Jahren das oberösterreichische Stiftsgymnasium Kremsmünster besucht. Er selbst sei nicht betroffen gewesen, sagte Girtler.
"Ich weiß nichts von sexuellen Übergriffen", meinte Girtler zu seiner eigenen Zeit in Kremsmünster. Der renommierte Soziologe hat schon 2000 einen kritischen Blick auf "Die alte Klosterschule" und das strenge Regime der dortigen Benediktiner geworfen. Genau aufgelistet werden darin alle erdenklichen Arten von Strafen, die von simplen Verweisen über Hausarrest, Karzer und "Spanischen" (Hiebe mit dem Rohrstock) bis zum Hinauswurf reichen konnten. So seien etwa Burschen aus der Schule geflogen, weil sie sich miteinander ins Bett gelegt hätten, erzählte Girtler vom Stiftsgymnasium. "Da waren sie gnadenlos."
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