09.05.2019 05:01 |

Kobold im Kopf

Unter Kontrolle? Wenn Zwänge unser Leben diktieren

Dass alle Dinge in geregelten Bahnen ablaufen, gibt Menschen Sicherheit - schon Kinder brauchen Rituale. Wird aber der Wunsch nach Ordnung und Kontrolle zur Sucht und dominieren Gedanken, die verängstigen, ist das krankhaft und bedarf Hilfe.

Zum wiederholten Mal dreht Thomas um und kontrolliert, ob der Herd wirklich abgeschaltet ist. Lisa muss sich nach jeder Berührung gründlich die Hände waschen, Bernhard sperrt stets zehnmal auf und zu, bevor er die Wohnung verlassen kann. „Der Wunsch nach Ordnung und geregelten Abläufen ist grundsätzlich gesund. Er hilft dem Menschen, seinen Alltag zu organisieren sowie zu bewältigen. Ordnung gibt Sicherheit und das Gefühl, das Leben gestalten und kontrollieren zu können“, erklärt die Wiener Klinische und Gesundheitspsychologin Maria Moritzer. Ordnungsliebe stellt allerdings dann eine Belastung und ein krankheitswertiges Symptom dar, wenn sie zu einer Zwangshandlung wird.

Der Zwang als Haustyrann
„Betroffene verlieren sich in immer gleich ablaufenden Handlungen, die unzählige Male wiederholt werden müssen. Das führt zu Wasch- und Putzzwang, den Drang, zu zählen oder zu ordnen sowie bestimmte Reihenfolgen einzuhalten. Es zeigen sich manchmal aber auch andere ritualisierte Abläufe, die nicht aufgegeben werden können. Der Kontrollzwang, also sich über die Maßen oft zu vergewissern, ob die Türe abgesperrt oder der Herd abgedreht ist, gehört ebenfalls dazu. Diese quälenden Verhaltensweisen verbrauchen enorm viel Zeit und Kraft.“

Zwangsstörungen stellen für Betroffene eine enorme Belastung dar, behindern im Berufs- und Alltagsleben. So heißt es im Ratgeber Zwangsstörungen von Hans Reinecker: „Die Zwangsstörung scheint für das Leben des Betroffenen eine wichtige Rolle zu spielen, sonst hätte sie sich nicht so hartnäckig eingenistet ... Viele Menschen haben im Prinzip ähnliche Gedanke wie Betroffene, z. B.: ‘Habe ich mich beim Händeschütteln angesteckt?‘, ‘Habe ich das Bügeleisen ausgeschaltet?‘, ‘Da war ein Geräusch am Auto - könnte ich jemanden angefahren haben?‘“. Doch während diese Gedanken bei den meisten Menschen von selbst verschwinden, „rasten“ diese bei Patienten mit Zwangsstörungen ein „wie bei einem Zahnrad“, so Reinecker.

Zwang wird nie satt
Betroffene aber sind sich der Sinnlosigkeit der Zwangshandlungen bewusst, trotzdem lassen sie sich nicht einfach abstellen. Burkhard Ciupka-Schön in „Zwänge bewältigen - ein Mutmachbuch“: „Der Zwang wird nie satt werden.“. Gibt man Zwangshandlungen stets nach, sei sogar das Gegenteil der Fall: „Je mehr Zeit und Aufmerksamkeit Sie Ihrem Zwang widmen, desto unverschämter wird der Zwang immer neue Forderungen stellen.“

Gedanken in „Endlosschleife“
Auch wenn einem bestimmte Dinge ständig im Kopf „herumgeistern“, kann das ausarten. So genannte Zwangsgedanken sind immer wiederkehrende Ideen, Impulse und Vorstellungen, die unangenehm und verängstigend wirken, aber nicht beiseite gelassen werden können. Oft geht es um aggressive und sexuelle Inhalte oder um chronische Zweifel an der Ehrlichkeit anderer Personen. Solche Gedanken und Rituale kennen die meisten Menschen von sich selbst. „In mildem Ausmaß ist das nicht krankheitswertig. Wenn der Alltag dadurch allerdings deutlich eingeschränkt wird und ein großer Leidensdruck bei den Betroffenen besteht, spricht man von behandlungsbedürftigen Zwangsstörungen. In schweren Fällen ist ein normales Leben gar nicht mehr möglich. Hier ist professionelle therapeutische Hilfe notwendig“, betont Moritzer.

Von lilafarbenen Eisbären und Ohrwürmern
Burkhard Ciupka-Schön: „Zwangsgedanken können nicht unterdrückt werden, im Gegenteil. Fast jeder Betroffene hat längst versucht, seine Zwangsgedanken zu kontrollieren und zu vermeiden. Hier eine kleine Demonstration. Ist Ihnen schon einmal ein lilafarbener Eisbär begegnet? ... Versuchen Sie bitte einmal Ihrer besonderen geistigen Fähigkeiten eine Minute lang nicht an einen lilafarbenen Eisbären zu denken. Was? Das klappt nicht? ... Das kann auch nicht klappen. Wir Psychologen nennen das einen Rebound-Effekt. Das heißt, wir Menschen sind nicht in der Lage, beliebige Gedanken einfach abzuschalten. Dies gilt natürlich im besonderen Maße auch für Zwangsgedanken. Wir haben einfach nicht die Fähigkeiten, unsere Gedanken willkürlich zu steuern.“

Wie entstehen Zwangsstörungen?
Der Ursprung von zwanghaften Verhaltensweisen und Gedanken liegt vermutlich in der frühen Kindheit. Oft gibt es mehr oder weniger traumatisierende Erlebnisse oder Situationen, verbunden mit dem Gefühl von Kontrollverlust, die beim Kind große Angst hervorrufen können und sich in späteren Jahren auf diese Weise auswirken. Etwa zwei bis drei Prozent der Bevölkerung sind im Laufe ihres Lebens davon betroffen. Faktoren wie Genetik, Erziehungsstil und Aspekte der Persönlichkeit spielen eine weitere Rolle, so Reinecker: „Den Beginn von Zwangsstörungen kann man sich als einen schrittweisen (stufenartigen) Vorgang vorstellen, bei dem vor allem die Bewertung eines Gedankens und der Versuch, den Gedanken durch Handlungen zu unterdrücken, d.h. das Neutralisieren, die wohl entscheidenden Elemente sind.“

Was macht einen Gedanken zum Zwangsgedanken?
Dabei spielen vermutlich mehrere Stufen eine Rolle, so Reinecker:

  • Bedeutungen, die mit dem Gedanken verknüpft werden und eine Rolle im Leben des Betroffenen spielen (etwa Verantwortung, Schuld, Religion ...). 
  • Der Gedanke bringt auch eine besondere Beunruhigung mit sich. Die Person versucht alles, um diese zu verringern oder zu beenden (Zwangshandlung).
  • Die Person kann den Gedanken - zumindest kurzfristig - beenden, indem sie dem Gedanken eine Handlung (z. B. Händewaschen) oder einen anderen Gedanken (“Gott ist gut!“) entgegensetzt: “Das führt zu einer kurzfristigen Erleicherung und Beruhigung für den Patienten, die für ihn sehr angenehm ist", so Reinecker.

Kobolde im Kopf
Manche Menschen werden von Gedanken geradezu gequält - und gefesselt: „Manche Menschen werden von schrecklichen Gedanken gequält und gefesselt. Es ist, als hätte ein Kobold oder ein Dämon sie fest im Griff: Mordgedanken, Fantasien von Missbrauch und Vergewaltigung, blasphemische Sätze, die laut hinauszuschreien sie sich gedrängt fühlen. Das Leiden an diesen Zwangsgedanken treibt die betroffenen Menschen an den Rand des Suizids, weil sie glauben, nur so verhindern zu können, dass aus den Gedanken Taten werden. Dabei ist die Befürchtung, dass dies geschehen könnte, in den allermeisten Fällen völlig unbegründet“, so Lee Baer, Autor von „Der Kobold im Kopf“.

Gedanken werden NICHT zur Tat
Das betont auch Reinecker: Patienten mit einer Zwangsstörung sind „nicht gefährlicher als andere Personen auch“. „Die von Patienten geäußerten aggressiven, blasphemischen oder sexuellen Gedanken werden von ihnen nicht in Handlungen umgesetzt“.

Therapie ist wichtig
Um die Symptome schwerer Zwangserkrankungen zu verbessern, wird zunächst medikamentös behandelt, unterstützt durch Psychotherapie. Bei 20 bis 30 Prozent schlägt diese Kombination allerdings nicht an. Neueste Forschungsergebnisse, die auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie vorgestellt wurden, zeigen, dass hier die „tiefe Hirnstimulation“ eine Alternative darstellen kann. Durch einen operativen Eingriff wird eine Art Schrittmacher eingesetzt, der kontinuierlich schwache elektronische Impulse in Strukturen, die in der Tiefe des Gehirns liegen, abgibt. Bei mehr als der Hälfte der Patienten stellten die Experten eine Reduktion der Beschwerden fest.

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Wichtig: Die Lektüre von Büchern und Fachliteratur ersetzt keine Therapie! Lassen Sie sich im Bedarfsfall von Ihrem Allgemeinarzt, Psychologen oder Psychiater beraten.

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Mara Tremschnig/Kronen Zeitung

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