25.03.2019 10:44 |

Wir verlosen den Comic

„The Common Good“: Fetziger Cyberpunk aus Wien

Cyberpunk im österreichischen Ski-Ressort: Im Interview haben wir Stefan Gutternigh von Nukebuttonfactory zu Gast, der mit uns über The Common Good 2: Nothing to hide gesprochen, einem spannenden neuen Comic-Projekt aus Österreich. Natürlich geht es auch im Folgeheft um Drohnen, Dystopien und die Gefahr des gläsernen Menschens. Bei unserem Gewinnspiel haben Sie die Chance, eines von fünf signierten Exemplaren der limierten Erstausgabe zu gewinnen.

Stefan Gutternigh, der Macher hinter The Common Good und Pest 1435, hat uns direkt zu sich ins Studio eingeladen und inmitten von Comics, Technik und Legobausätzen über sein neuestes Kickstarter-Projekt gesprochen. Gerade in diesen dynamischen Zeiten ist die Frage, was die Gesellschaft darf und was nicht, eine drängende. Bereits das erste Heft hatte sich mit Themen wie dem Überwachungstaat, der Sicherungshaft und dem freien Willen auseinandergesetzt, im zweiten Teil möchte er das Gedankenexperiment noch etwas weiter treiben. 

„Krone“: Für all die Leute, die „The Common Goods 1“ nicht kennen, wie hat das alles angefangen?
Stefan Gutternigh: Die Idee dazu war ein bisschen, dass in allen Dystopien, in denen es um Überwachungsstaat und totalitäre System geht, man die Vertreter gleich erkennt. Es sind große Soldaten mit schwarzen Uniformen. Es sind ganz klar die Bösen. Auch am Anfang von „Inglorious Basterds“ als Christoph Waltz zu der Familie kommt, die die Juden versteckt, ist einem sofort klar: Der ist kein Guter. Und mein Gedanke war der; wenn wir wieder in so eine Richtung abdriften würden, dann würden die Vertreter von so einem System, nicht mehr so aussehen. Man würde nicht gleich wissen, was Sache ist. Und bei mir ist es mit Cindy Karuso, eine hippe, freche Blondine geworden.

Du hast dich ja vorab privat sehr viel mit Dystopien auseinandergesetzt. Ob das jetzt Comics wie „Über“ waren oder Klassiker wie „1984“. Deine Dystopie, die du mit „The Common Good 1“ begonnen hast, ist eine sehr Bequeme. Sie erleichtert den Menschen viel. Man kann den Bettlern mit einer App Geld geben, es gibt eine einheitliche Sprache in diesem Fall: Englisch uvm. Wie war deine Herangehensweise an diese „Wir sind super für Euch, gebt uns eure Daten und euer Leben“- Welt.
Das entstand alles etwas in den Entwicklungen, die ich so beobachtet habe. Wenn wir wieder dorthin kommen, dann wird es eher „Schöne neue Welt“ von Huxley als das 1984-Modell sein. Wenn man sich die technischen Entwicklungen ansieht, werden wir nicht dumm gehalten durch ein Vorenthalten von Information, sondern über ein Überangebot. Du weißt gar nicht mehr, bei dem ganzen Zeugs dass da draußen ist, was jetzt stimmen kann, was jetzt relevant für dein Leben ist. Überprüfung von Fakten ist schwieriger gemacht worden. Alle Überwachungspläne werden uns nicht verkauft mit „Wir überwachen Euch“, sondern mit „Es geht um eure Sicherheit“. Dazu haben sie uns gekriegt über die Bequemlichkeit. Mit Spielekonsolen und Handys haben wir zugelassen, dass in fast jedem Wohnzimmer eine Kamera steht. Hätten sie damals in der DDR gesagt, dass jeder Bürger da seine Kamera hinkriegt, hätte es sicher einen Aufschrei gegeben.

Niemand sagt, dass das jetzt eine unmittelbare Gefahr ist. Aber es wird jetzt eingeführt und wer sagt, dass uns das nicht später in den Hintern beißen wird? Und klar; „Ich mach nichts Verbotenes“ sagen jetzt viele, aber wer definiert was Verboten ist? Und wer definiert das in zehn Jahren? In zwanzig? Alles was wir jetzt aufgeben, könnte uns später noch weh tun.

(Anm. d. Red.: So eine App gibt es mittlerweile tatsächlich und sie hat für viele negative Schlagzeilen gesorgt, da sie dem Spender die Möglichkeit gibt, zu kontrollieren wofür das Geld ausgegeben wird.)

Kommen wir noch einmal auf den ersten Teil zurück, wie beginnt das alles bei dir?
Um diese Überwachung geht es auch im ersten Teil. 2035 hat sich die Weltorganisation „The Global Organisation for the Common Good“, kurz „GOCG“ breit gemacht. Sie, so sagen sie, wollen jeden Menschen glücklich machen. Also überwachen sie die Bedürfnisse der Bevölkerung mit sozialen Netzwerken, omnipräsenten Kameras und die, die es sich leisten können mit Implanten im Körper. Die Agentin Cindy Karuso kommt zu einem Bürger, der die für seine Gehaltsklasse angegebenen Ausgaben im Bereich „Lifestyle- und Entertainmentprodukte“ nicht getätigt hat. Also ja. Das System kümmert sich um dich, es macht sich Sorgen. Aber kann Glück und Zufriedenheit wirklich per Gesetz durchgesetzt werden? Wie groß ist die Fehleranfälligkeit von einem auf Codes basierenden System?

Soviel dürfen wir unseren Lesern verraten, du hast insgesamt vier Teile geplant. Wir sind jetzt im zweiten Teil und entfernen uns von Wien auf das Land, in ein Ski-Ressort um genauer zu sein. Ohne viel zu spoilern, was hat es damit auf sich, einen Comic aus der Zukunft konkret auf einem Flecken Erde spielen zu lassen, wo man es nicht erwartet?
Zum einem finde ich die Idee toll, dass man etwas mit Cyberpunk in ein österreichisches Schidorf wirft. Im zweiten Teil sind sie jetzt erstmal noch auf dem Weg dorthin, die Idee kam dann relativ spontan, als ich mir überlegt habe, damit weiter zu machen. Ursprünglich sollte der erste Teil eine in sich abgeschlossene Geschichte sein. Ich habe aber viel positives Feedback bekommen und wollte über die persönliche Entwicklung dieser blonden Agentin weiterschreiben. Sie ist nicht dumm, sie ist freundlich und loyal. Sie hinterfragt aber nicht das System, sie glaubt an das „Common Good“. Der Zweck heiligt die Mittel. Im weiteren Verlauf der Geschichte wird sie draufkommen, dass auch sie davon negativ beeinflusst wird und es negative Auswirkungen auf ihr Leben hat. Und damit beginnt das Nachdenken.

Du bist Teil einer Bewegung von Self-Publishern, die ihre Comics nicht mehr über traditionelle Verlage aus der Taufe heben, sondern den Weg des Crowdfundings gehen. In deinem Fall Kickstarter. Warum?
Ich finde diese Art der Veröffentlichung spannend. Weil mir da niemand reinredet. Ich kenne das von meinem Job als Grafiker. Da machst du Sachen und dann reden irrsinnig viele Leute mit. Und wenn es am Anfang noch dynamisch und edgy ausgesehen hat, ist es am Ende eine weichgespülte Geschichte. Das passiert halt leider immer wieder und ich glaube aber, dass sich da Firmen etwas verbauen. Das sind ja dann auch die Geschichten, die die Leute wirklich interessieren. Deswegen sind die Leser auf solchen Plattformen auch so aktiv. Du kriegst da nichts wo ewig viele Leute mitgeredet haben, du kriegst da wirklich etwas, wo du bei jeder neuen Seite nicht weißt, was als Nächstes passiert.

Ein Beispiel, das ich immer gerne bringe ist Game of Thrones, wenn es da nicht schon die erfolgreichen Bücher gegeben hätte, hätte das nie ein Studio produziert. „Seid ihr wahnsinnig, ihr könnt nicht die beliebtesten Leute aus dem Cast noch in den ersten Staffeln umbringen!“ wäre der O-Ton gewesen. Das hätte man sich wirklich nicht getraut, ohne den Rückhalt der Fans und ohne Erfolg der Bücher. Und langsam schwappt das rüber in andere Serien, sie trauen sich mehr. Crowdfunding ist auch einer der Gründe, warum ich mich entschlossen habe, den Comic auf Englisch zu schreiben. Einerseits, weil es die Sprache ist die in meiner Dystopie als Amtssprache gilt, andererseits, weil ich dadurch mehr Leser erreichen kann.

Stefan, meine letzte Frage ist: Was sollten dich die Leute in Interviews öfter fragen?
Vielleicht nach dem Zeichenstil? Also, wie man dazu gekommen ist. Bei mir kommt es einerseits daher, dass ich schon immer gerne den amerikanischen Stil gemocht habe, weil er einfach realistischer wirkt. Die Praktikabilität liegt da aber auch im Vordergrund. Ich zeichne auf einem wacom-Tablet, das ist für mich etwas, wo die Technologie einen Vorgang optimal unterstützt. Es nimmt dir keine Arbeit ab, es erspart dir die nervigen Dinge. Wie Abpausen, Radieren uvm.

Bei „The Common Good“ geht es mir, im Gegensatz zu meinem ersten Buch „Pest 1435“, auch einfach mehr um die Botschaft. Danach haben mich zu wenig Leute gefragt. Pest war mehr der Quentin-Tarantino-Splatter. Mit „The Common Good“ wollte ich etwas machen, was die Menschen zum Nachdenken anregt. Ob man wirklich überall seine Daten reingeben muss, nur weil man einen 5€-Rabattgutschein bekommt? In diesen Diskussionen geht es viel zu oft um Extreme. „Wenn du keine sozialen Netzwerke nutzen willst, zieh doch gleich in den Wald!“ Dabei geht es mir um einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Netz und den eigenen Daten. Man muss nicht überall mit dabei sein. Allein durch das Signal, dass das aussendet - „Ich mach nicht bei jedem Kram mit“ - wäre schon etwas gewonnen.

Worum genau geht es, und wem könnte es gefallen?
Regierungen brauchen Vollstrecker, eine davon ist Agentin Cindy Karuso. Im ersten Teil von „The Common Good“ hat sie sich um den etwas uneinsichtigen Klienten Herr Berger gekümmert. Nun hat sich Cindy ihre verpflichtende Winterferienwoche mit ihrem Freund Ben und ihrem noch namenlosen externen Schwangerschaftsrucksack redlich verdient. Nachdem ein romantischer Abend durch fehlerhafte Implantat-Software ruiniert wird und das selbstfahrende Auto eine Pinkelpause verweigert, stellt selbst Cindy langsam die Vorteile von allgegenwärtiger Technologie infrage. Ihr Urlaub wird durch einen neuen Auftrag abrupt beendet. Sie soll sich um eine Skilehrerin/Verschwörungstheoretikerin kümmern, die Geschichten über eine abgestürzte „GOCG“-Drohne verbreitet.

Gefallen an dieser Comic-Reihe finden alle Cyberpunk-Fans, Menschen die sich mit kommenden Zukunfttrends und Regierungssystemen auseinandersetzen und jedem, der Spaß an österreichischen Produktionen hat.

Alle Comics von „The Common Good“ erscheinen in englischer Sprache und über Crowdfunding. Den zweiten Teil der Serie kann man direkt als Unterstützer hier erhalten, den ersten Teil dürfen wir in Zusammenarbeit mit dem Label Nukebuttonfactory verlosen. Natürlich handsigniert vom Künstlers!

Das Gewinnspiel ist leider bereits vorbei, wir wünschen viel Glück beim nächsten Mal!

Anna Krupitza
Anna Krupitza
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