Comedian in Wien

Kaya Yanar: „Ausrasten ist eine Art der Therapie“

Kaya Yanar gilt als einer der bekanntesten Comedians im deutschsprachigen Raum. Am Wochenende rastete er in Wien aus. City4U hat mit dem Künstler gesprochen.

Dein aktuelles Programm nennt sich „Ausrasten! Für Anfänger“. In manchen bisherigen Interviews hast du dich selbst als ‚schimpfenden alten Bock bezeichnet. Glaubst du hängt ‚grantig sein‘ mit dem Alter zusammen?

Ja. Einer der Gründe könnte das Alter sein. Ich glaube, die Leute altern verschieden. Es gibt eher Leute, die werden so altersmilde. Die bekommen dann so einen dämmernden bekifften Zustand im Kopf und ihnen ist alles egal. Und dann gibt es genau das Gegenteil von Leuten - und zu denen gehöre wohl auch ich - die so eine gewisse Anzahl an Idioten in ihrem Leben kennengelernt und Bullshit ertragen haben, bis sie irgendwann sagen: „Ich kann das nicht mehr! Ich kann diese Trotteln nicht mehr ertragen!“ Oder aber auch die eigenen Unzugänglichkeiten. Ein ‚Mecker-Opa‘ wie ich den immer nenne, der kann auch über sich selber meckern. Da ist niemand verschont. Und ich glaube auch in die Richtung geht das. Zum Glück kann ich daraus eine Comedy machen, sonst wäre es, glaube ich, fast tragisch. (lacht)

Vor allem würde sich dann die Frage stellen: Was machst du in 15 Jahren! So extrem alt bist du ja dann auch wieder nicht!

Es ist eine Therapie. Ein wenig für mich, weil ich so erzählen kann, was mich aufregt. Und für andere, weil meine ‚Grantigkeit‘ andere zum Lachen bringt, weil sie sich dann über dieselben Sachen aufregen über die ich mich aufrege und mit mir lachen. Das ist natürlich schön, wenn man etwas per se erst Negatives nimmt und dann in etwas Positives umwandeln kann. Da ist Comedy am Stärksten.

Das heißt ‚ausrasten‘ ist für dich gleichbedeutend mit ‚rauslassen von Dingen‘?

Absolut! Meine Freundin ist das Gegenteil - sie implodiert. Sie regt sich also nach innen auf. Man merkt gar nicht, dass sie sich aufregt. Das macht sie so ganz still mit sich aus. Ich sage ihr immer: „Das ist doch ungesund, was du machst. Das ständige „etwas-in-dich-rein-fressen“! Und sie sagt immer: „Das ist ungesund was du machst. Diese ständige eskalieren. Du steigerst dich rein und dann geht der Blutdruck nach oben“. Sie hält den bei sich im Gegenzug unten. Das sind zwei ganz andere Arten damit umzugehen und das ist ziemlich interessant. Ich weiß gar nicht wer Recht hat.

Glaubst du, ist das auch so ein Männer-Frauen-Ding? Also, dass die Geschlechter hier einfach unterschiedlich reagieren?

Ich glaube schon. Ich glaube aber auch, dass es etwas Schweizerisches ist. Das merkt man auch an der Sprache. In Deutschland sagen wir etwa: „Es platzt mir der Kragen!“ oder „Das haut dem Fass den Boden aus!“. In der Schweiz sagt man hingegen: „Es haut mir den Nucki ausse!“ Also: „Es haut mir den Schnuller raus!“ (lacht)

Kann man dann jemandem beim Streiten überhaupt ernst nehmen, wenn er/sie sprachlich so lieb ist?

Also wenn wir heftig diskutieren, dann muss ich schon sagen, dass sie immer den Bonus der schönen Sprache hat. Ich bin dann immer so ein wenig am Lächeln, wenn sie sich sehr über mich aufregt - was sie wahrscheinlich vollkommen zu Recht macht - und dann ist da immer noch diese Sprache dabei… Ich grinse sie dann immer an. Was sie natürlich gar nicht mag, weil sie dann glaubt, ich nehme sie nicht ernst. Aber es entschärft. Sprache kann entschärfen. Kann aber natürlich auch provozieren.

Was ja auch bei früheren Programmen von dir Thema war. In deinem jetzigen erklärst du, was dich alles aufregt. Da wären: Smombies, Politik, Umweltverschmutzung, alte Leute, junge Leute, Popcorn essende Leute, Leute die Rad fahren, Leute die Auto fahren - und vieles mehr. Was bringt dich zum Lachen?

Komiker. Das Lustige am Leben. Innerhalb dieses ganzen Pools an Leuten gibt es natürlich viel zu Lachen. Also jede dieser Sachen über die ich mich aufrege hat auch die Chance ein Lacher zu werden. Man kann aus all diesen Situationen etwas Lustiges basteln. Lustig muss nicht gleich immer plakativ sein. Am schlimmsten finde ich etwa die Fernsehtitel in denen schon die Worte „lustig“ oder „witzig“ im Namen vorkommen. Wie als ob man dem Zuschauer erklären müsste, dass er jetzt dann gleich etwas zu Lachen bekommt. Deswegen finde ich Comedy sehr schön, wo man es zuerst etwa gar nicht vermutet oder erwartet. Das habe ich ja auch in meiner ganzen Karriere gemacht. Diese ganzen Migrationsnummern machen ja grundsätzlich keinem Spaß. Integration ist ja ein Thema worauf keiner Bock hat. Weder die, die integrieren müssen, noch die, die integriert werden sollen. Es ist ein mühsames Thema. Schon das Wort ‚Integration‘. Und trotzdem kann man sich in all den Themen auch selbst wiederfinden.

Und findest du dich selbst auch in den Dingen über die du dich aufregst? Also denkst du dir etwa auch oft: „Verdammt! Jetzt bin ich herumgegangen und habe auch dauernd aufs Handy geschaut! Ich Smombie!“?

Ja, natürlich! Ich bin etwa der Überzeugung: Man merkt, dass man alt wird, wenn man anfängt mit der Technik zu fremdeln. Man sucht die Schuld dann aber immer nur bei der Technik, nie bei sich selbst. Meine Mutter ist etwa so. Und ich fange an, dieselben Züge zu haben. Als ich etwa gestern ins Hotel eingecheckt bin, etwa. Die Dusche ist wieder ganz anders als die im Hotel davor. Jede hat sein eigenes System. In Salzburg bin ich fast verzweifelt. Ich wollte einfach nur meine Hände waschen, hab aber keinen Griff oder sonst etwas gesehen. Hätte man mich da gefilmt, hätte man wohl den Glauben an mich verloren. Ich stand dort drei Minuten, habe mich nicht ausgekannt, sondern mich einfach nur aufgeregt.

Stichwort Smartphone. Du sprichst in deinem Programm über ‚Smombies‘. Wie wichtig ist das Smartphone für dich?

Ich bin Handy-abhängig. Nicht so süchtig, dass ich alles damit mache. Ich bin auch froh, wenn ich es mal weg lege. Aber wenn ich etwa geschäftlich unterwegs bin, gibt es keinen Weg vorbei an diesem Ding. Ich bekomm da einfach alles drauf. Die Termine, die Anrufe, die E-Mails. Wenn man es objektiv betrachtet ist das Handy schon eine geniale Erfindung, die das Leben zum Teil unfassbar einfach macht. Das Problem ist aber eben auch, dass gewisse Abläufe so einfach gemacht werden, dass es nur noch mehr Abläufe deswegen gibt. Also natürlich finde ich E-Mails toll. Die Technologie der E-Mail ist top! Weil damals mit Briefen… oh Gott! Jetzt kann man ganz schnell etwas senden und bearbeiten. Das hat zum Problem, dass man eben noch mehr E-Mails verschickt. Also die Quantität ist das Problem. Die Qualität ist top! Mal schauen, wie das in einigen Jahren wird, wenn man dann noch mehr Infos bekommen und noch schneller reagieren muss.

Deswegen auch öfters mal aufregen? Du sagst ja: „Fluchen ist gut für die Gesundheit“?

Ich habe tatsächlich in einer Studie gelesen, dass Menschen doppelt so viele Schmerzen aushalten können, wenn sie fluchen. Genauso hat sich aber auch gezeigt, dass Männer ihre Hand etwa länger in Eiswasser halten und die damit verbundenen Schmerzen aushalten können, wenn eine hübsche Frau vorbeiläuft. Also, was hilft? Fluchen und schöne Frauen. Die beste Therapie ist aber glaube ich noch immer, jemandem dabei zuzuschauen wie er sich, für dich, über Themen die dich aufregen, aufregt. Das sieht man auch oft in Beziehungen. Regt der Partner sich auf, wird man selbst ein wenig ruhiger. Tut er das nicht, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass man es dann selbst tut. Und das funktioniert offenbar auch mit Publikum.

Offensichtlich! Würdest du sagen, dass es einen Unterschied gibt, wie sich die Deutschen und die Österreicher aufregen? Oder die Schweizer? Du wohnst ja mittlerweile in der Schweiz…

Ich mache in meinem Programm in der Pause jedes Mal eine Umfrage und bitte die Zuschauer zu sagen, was sie aufregt. Insgesamt ist der Ausraster-Grund Nummer Eins in allen drei Ländern dabei immer: Andere Autofahrer. Wir regen uns wahnsinnig im Straßenverkehr auf. Ich glaube, dass treibt unseren Stresspegel in die Höhe, ebenso wie unseren Bluthochdruck. Nummer Zwei sind Alltagssituationen, wie etwa an der Schlange stehen. Also wenn Leute sich selbst organisieren müssen. Das bringt viele zum Ausrasten. Einkaufswagenbumser, Leute die sich vordrängen,… Auf Platz Nummer Drei sind familiäre Dinge, wie etwa der Partner. Und dann wird es immer abstruser.

Und gibt es irgendetwas „typisch Wienerisches“? Also etwas worüber sich die Wiener besonders aufregen?

Nein, eigentlich nicht. Wobei. Einer schreibt: „Meine Frau hat mein Bier ausgetrunken, während ich am Klo war.“ (lacht)

Wenn Leute sich aufregen, machen sie das ja oft nicht beim Gegenüber direkt, sondern posten es mittlerweile in sozialen Netzwerken, wie etwa auf Facebook. Nun hast du mal gesagt, es wäre dir wichtig, dass Leute nicht mit einem Synonym im Netz agieren, sondern unter ihrem richtigen Namen.

Absolut! Am besten noch mit Lichtbildausweis!

Wieso siehst du das so?

Damit sie Verantwortung übernehmen, für das was sie schreiben. 90 Prozent der Sachen im Netz kann man gar nicht so ernst nehmen, eben weil jemand mit einem Fake-Namen postet. Ich will seine Identität haben, damit man auch weiß, dass er zu dem steht, was er schreibt. Das ist ja das Problem mit dem Internet. Weil es noch viel zu viele Leute in den sozialen Medien gibt, die sich hinter anderen Identitäten verstecken und damit eine Rolle spielen. Und da muss man sich dann ja auch fragen, wieso sie ihren Namen nicht zeigen wollen. Entweder sie haben etwas zu verstecken, oder sie sehen das, was sie schreiben in der Realität vielleicht ganz anders. Deswegen nehme ich das nicht ernst. Ich muss ja auch, wenn ich mich irgendwo registriere, das blaue Häckchen bekommen. Und dazu muss ich auch all meine Daten einrichten, wie Lichtbildausweis und so. Eben damit die Leute wissen, dass das auch wirklich ich bin. Und das verlange ich dann eben auch von anderen Menschen. Wobei ich nach wie vor sowieso ein Mensch der persönlichen Kommunikation bin. Sieht man sein Gegenüber nicht, kann es viel einfacher zu Missverständnissen oder Unmut kommen.

Am 24. und 25. Oktober ist Kaya Yanar mit seinem Programm „Ausraten! Für Anfänger“ erneut im Globe Wien zu Gast. Tickets gibt es auf: ticket.krone.at

Jänner 2019

Was meint ihr dazu? Postet uns in den Kommentaren oder schreibt uns mit Hashtag #City4U auf Facebook, Twitter oder Instagram!

Julia Ichner
Julia Ichner
Kommentare

Liebe Leserin, lieber Leser,

die Kommentarfunktion steht Ihnen ab 6 Uhr wieder wie gewohnt zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen
das krone.at-Team

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB).

Mehr